Gründung Anbieter kurz vor Marktreife in Deutschland

Mobiles und bargeldloses Bezahlen gewinnt immer mehr an Bedeutung. Mit neuen Systemen und Ideen drängen Unternehmen auf den Markt. Besonders für kleine Gewerbetreibende bietet die kostengünstige Bezahlvariante neue Möglichkeiten.

 

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Noch ist es schwer von einem Boom oder gar einer Revolution zu sprechen, aber das Bezahlsystem für viele Selbstständige, Kleingewerbetreibende, Bars und Restaurants wird sich in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Ausgestattet mit einem kleinen Kartenlesegerät wird das Bezahlen mit der Kreditkarte für viele Händler vereinfacht. Darüber hinaus entfallen die Kosten für teure Kassensysteme.

Vorbild für diesen Trend ist der amerikanische Anbieter Square, der europäische Startup-Klone beinahe im Wochentakt entstehen lässt. Die Keimzelle der Bezahlrevolution ist rechteckig, fingerkuppengroß, lässt sich bequem an jedes Smartphone stecken und wird in Fachkreisen als „Dongle“ bezeichnet. Mittels einer App muss der Händler nur noch die Kreditkarte durch dieses kleine Lesegerät ziehen, den Betrag eingeben und den Bezahlvorgang per Klick abschließen. Der Kunde erhält die Quittung als Email auf sein Handy. Neben diesen Funktionen bietet die App eine vereinfachte Buchhaltung, da sich alle Zahlungsvorgänge effizient kategorisieren und kontrollieren lassen.

Die Konkurrenz am deutschen Markt ist groß, viele Anbieter wollen ein Stück des Kuchens abhaben und stehen kurz vor der Markteinführung. Vielversprechende Modelle sind das Gastronomie- und Kassensystem Orderbird, der skandinavische Kredikartenleser iZettle, das soziale Microspendensystem flattr oder das kurz vor der Marktreife befindliche Payleven der Samwer Brüder. Großunternehmen wie PayPal, Groupon oder Google drängen ebenfalls in dieses Segment.

Das Geschäftsmodell sieht vor, dass die Anbieter an den Transaktionsgeschäften beteiligt werden, sie es prozentual oder durch einen festgelegten Betrag. Auch können Lizenzen erworben oder eigene Kassensysteme vertrieben werden. Das schwedische Unternehmen iZettle bietet seine Lesegeräte sogar kostenfrei an, um so schneller neue Kunden gewinnen zu können.

Vor allem der deutsche Markt bietet riesige Wachstums- und Gewinnmargen für die jungen Unternehmen, da bisher nur wenige der Anbieter über eine Testphase hinaus sind. Lediglich Orderbird hat seine Pilotprojekte in Berlin und München hinter sich gebracht und durch ein Millioneninvestment des AWD-Gründers und jetzigen Investors Carsten Maschmeyer die zweite Finanzierungsrunde gesichert. Die deutschlandweite Markteinführung wird ähnlich wie bei Payleven für die zweite Hälfte des Jahres erwartet.

Weltweit, so schätzt eine aktuelle Studie des amerikanischen Marktforschungsinstitutes Gartner, werden sich die Transaktionen von 105,9 Mrd. in 2011 auf 171,5 Mrd. Dollar in 2012, im Bereich mobiler Bezahlssysteme erhöhen.

„Wir erwarten das sich das Volumen und der Wert mobiler Transaktionen mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 42 Prozent zwischen 2011 und 2016 entwickeln wird. Für 2016 erwarten wir ein Marktvolumen von 617 Mrd. Dollar bei 448 Millionen Nutzern,“ sagte die leitende Gartner-Analystin Sandy Shen in einer Mitteilung des Institutes.

Unklar ist, welche Anbieter sich am Markt behaupten werden und wie sich diese Technik für kleine Geschäfte auswirkt. Gerade kleine Cafés, Geschäfte oder Pensionen sind nun in der Lage ohne größere Anschaffungskosten bargeldlosen Kreditkartenverkehr für die Kunden zu ermöglichen. Ein Anreiz für Neugründungen in diesen Bereichen wird damit geschaffen, da es nun möglich ist Kreditkartenzahlungen schnell und einfach anzubieten.

Starbucks hat nun nach den USA auch seine europäischen Filialen mit einem eigenen mobilen Bezahlsystem ausgestattet. Dabei setzt das Unternehmen auf eine Insellösung, da es lediglich seine schon vorhandene App erweitert und eigene Bezahlkarten eingeführt hat. Inwieweit sich dieses System durchsetzt wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Ein solches Modell kann zu einer unübersichtlichen Situation führen, in der einzelne Banken, Konzerne und kleinerer Unternehmen auf eigene Software setzen. Die Gefahr, dass die Kunden schnell den Überblick verlieren, ist durch diesen Ansatz gegeben.

Eine Fragmentierung des Angebotes sieht auch Gartner in seiner Studie. „Es wird einige globale Player geben, die die Größe und Ressourcen haben, um Großkunden und den Massenmarkt mit Standardlösungen zu bedienen,“ so Shen. „Allerdings wird es immer auch Segmente geben, die von diesen Anbietern nicht ausreichend versorgt werden können. Die Nachfrage in diesen Bereichen kann nur durch spezialisierte oder lokale Unternehmen befriedigt werden, die ein besseres Verständnis für die speziellen Anforderungen haben und angepasste Lösungen präsentieren können.“

Es bleibt ebenfalls abzuwarten, wie bewährte Kassensystemhersteller wie Vectron oder Schapfl auf diese rasante Entwicklung reagieren. Besonders nachdem Orderbird neben seinem bestehenden Kassensystemen ab Mitte August mit einem eigenen mobilen Kartenleser an den Start geht. Abseits der Square-Klonen sind die Möglichkeiten eines Smartphone basierten Bezahlsystems noch nicht ausgeschöpft. Da die meisten Telefone bereits über Barcodescanner verfügen, können bisher übliche Scannerkassen bald der Vergangenheit angehören.

Die letzte Hürde vor der Markteinführung, ist das Lizensierungsverfahren. Noch gibt es innerhalb der EU keine einheitlichen Standards die eine schnelle Lizenzvergabe ermöglichen. Der irische Anbieter SumUp hat sich daher mit landeseigenen Lizenzen versorgt und kann nun dank EU-Recht den Sprung auf den deutschen Markt wagen. Wie sicher die neuen Systeme sind, wird erst ein umfassender Praxistest beweisen, doch aufhalten kann dies die Entwicklung wohl nur schwerlich.

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