Gründung „Den perfekten Chef gibt es nicht“

Ulf Kieschke, Juniorprofessor für Psychologie an der Universität Potsdam, über die Anforderungen und besonderen Hürden, denen sich junge Unternehmer auf dem Weg in die Selbständigkeit stellen müssen.

Professor Kieschke, ticken junge Firmenchefs tatsächlich anders als angestellte Arbeitnehmer?

Ulf Kieschke: Ich denke schon. Nur wer sich zum Beispiel selbst zutraut, ein effizientes Risikomanagement betreiben zu können, wird den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Ein weiteres typisches Merkmal von Gründern ist, dass sie schnell klare Entscheidungen treffen können. Hinzu kommen noch ihr starkes Durchsetzungsvermögen, ihre vielseitigen Kommunikationsfähigkeiten und ihre ausgeprägte Flexibilität, um jederzeit auf Unbekanntes reagieren zu können. Doch Vorsicht: Diese auf den ersten Blick für Firmenchefs positiven Eigenschaften können jedoch auch schnell zu einem Problem für den Unternehmer werden.

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Inwiefern?

Zum Beispiel, wenn die Firmenentwicklung stagniert und der Gründer vor der Frage steht, ob er nun um jeden Preis weiter für seine Geschäftsidee kämpfen soll – oder besser zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Schlussstrich zieht, um seine Verluste zu begrenzen. Wer in einer solchen Situation die vorschnelle Entscheidung fällt, trotz aller Risiken weiterzumachen, überschätzt unter Umständen die eigenen Ressourcen und gerät in eine finanziell noch schlechtere Lage.

Welche Situationen werden von vielen Gründern häufig falsch eingeschätzt?

Zum Beispiel ihre Wirkung nach außen, wenn sie vor Finanzierungspartnern oder ersten Kunden ihre Geschäftsidee präsentieren: Völlig begeistert von ihrem Produkt oder Service, denken sie nicht daran, dass Fragen oder sogar Skepsis aufkommen könnten – und sind nicht darauf vorbereitet, auf diese zu parieren. Rückschläge oder sogar Ablehnungen haben sie einfach nicht eingeplant. Frust kommt auch schnell auf, wenn man sein Vorhaben in die nackten Zahlen eines Business-Plans pressen soll. Und zu guter letzt: Viele Gründer unterschätzen die Auswirkungen einer Selbständigkeit auf ihre eigene Gesundheit und die Familie. Chef sein grenzt in der Regel schnell an Selbstausbeutung. Das machen Körper, Familie und Freunde nicht immer unbegrenzt mit.

Gibt es den perfekten Unternehmer?

Auf keinen Fall. Einem Allround-Genie, das sowohl in puncto fachliches Know-how als auch in Sozialkompetenz und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen absolut top ist, bin ich noch nicht begegnet. Nicht umsonst gründen viele ja auch im Team – da ergänzt man sich.

Kann man an seinen Schwächen selbst arbeiten oder ist dafür gleich professionelle Hilfe notwendig?

Mit entsprechender Literatur oder fachlichen Seminaren lässt sich schon viel optimieren. Wer zum Beispiel Probleme hat, seinen Terminkalender einzuhalten, sollte jeden Morgen mit einer kurzen Planungsphase beginnen. Und wenn die Präsentation vor Geschäftspartnern schwer fällt, sollte man vernünftige Unterlagen für die Zuhörer vorbereiten und unter ihnen verteilen, um so die wichtigsten Informationen auf Papier weiterzugeben. So findet sich eigentlich für jede kleine Schwäche ein Korsett, dass über die Hürde hinweghilft.

Junge Unternehmer, die erstmals auch Mitarbeiter einstellen, fragen sich oft, welcher Führungsstil denn angemessen ist und zum Erfolg führt. Können Sie hier weiterhelfen?

Den idealen Weg gibt es nicht. Als Chef müssen Sie die Entscheidungen vielmehr je nach Situation angemessen regeln. Mit einem eingearbeiteten Mitarbeiter geht man schließlich anders um als mit einem neuen Angestellten. Während im zweiten Fall öfter einmal autoritär entschieden werden muss, kann man langjährigen Arbeitnehmer eher freie Hand lassen und Entscheidungskompetenzen übertragen.

Ulf Kieschke, 35 Jahre, ist Juniorprofessor am Institut für Psychologie an der Universität Potsdam. Er entwickelte unter anderem die „Checkliste für Existenzgründer“. Mit diesem Fragebogen sollen angehende Unternehmer sich in insgesamt 14 Kategorien wie etwa Lernbereitschaft, Flexibilität, Beharrlichkeit, Selbstkritik oder Kommunikationsfähigkeit realistisch einschätzen können.

Weitere Tests zum Thema finden Sie auch in unserer neuen Test-Rubrik, die sukzessive ausgebaut wird.

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