Gründung Eigener Laden statt Arbeitsamt

Von der Fremdsprachenkorrespondentin zur Hundetrainerin - immer mehr Arbeitslose gründen aus der Not heraus. Oft mit Erfolg: Denn viele machen ihr Hobby zur Geschäftsidee und profitieren gleichzeitig von einer langjährigen Berufserfahrung.

Als Kirsten Lukas 1998 ihren Job verlor, war das ein Schock für die Assistentin eines Verlags. „Da war ich Mitte 40“, sagt Lukas. „Die Aussichten auf einen neuen Job waren gering.“ Sie meldete sich arbeitslos – ohne große Hoffnung, wieder eine Anstellung zu finden. Doch dann besann sie sich auf ihren früheren Beruf und entschied, sich als Kosmetikerin selbstständig zu machen. Sie nutzte ihre Abfindung, um ihre Fortbildungen zu finanzieren. Und arbeitete einen Businessplan aus. Für das eigene Kosmetikstudio.

Wie Lukas gründen jährlich rund 100.000 Menschen aus der Arbeitslosigkeit heraus. Im vergangenen Jahr waren es sogar fast doppelt so viele. Das zeigt der KfW-Gründungsmonitor 2009. Die Studienautoren nennen solche Firmen „Notgründungen“. Schließlich haben mehr als die Hälfte dieser Gründer keine Alternative, würden als Angestellte keinen vergleichbaren Job finden.

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Doch die Notlösungen erweisen sich oft als Erfolgsgeschichten. Rund zwei Drittel aller Gründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus sind auch nach fünf Jahren noch am Markt. Das ergab eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Die Erfolgsquote liegt damit kaum niedriger als bei anderen Gründungen, von denen nach fünf Jahren noch rund drei Viertel existieren.

Mit dem Alter gelassener

Mit ihrer Notlösung hat Kosmetikerin Lukas bereits seit zwölf Jahren Erfolg. Die Frankfurterin glaubt, das habe mit ihrem Alter zu tun: „Ich habe Berufserfahrung mitgebracht“, sagt die Mittfünfzigerin. Die Autoren des KfW-Gründungsmonitors argumentieren ähnlich: „Ein höheres Alter sollte sich positiv auf die Gründungswahrscheinlichkeit auswirken“, schreiben die Wissenschaftler. Mit zunehmendem Alter nähmen schließlich auch Arbeitserfahrung und Qualifikation zu. Das sieht Lukas ähnlich. „Mit 20 Jahren hätte ich niemals gegründet“, sagt sie. „Außerdem hat mir mein Alter dabei geholfen, das Auf und Ab der Selbständigkeit gelassen zu nehmen.“

Ein-Personen-Unternehmen wie das ihre sind typisch für Notgründungen. Denn nur selten übernehmen Arbeitslose ein Unternehmen oder steigen in ein bestehendes Geschäft mit ein. „Zwei von drei Gründungen aus der Arbeitslosigkeit sind Kleinstunternehmen“, schreiben die KfW-Studienautoren. Viele machten sich mit einem Thema selbständig, das ihnen persönlich am Herzen liegt – oft ist das ihr Hobby.

Frauen gründen behutsamer

So war es jedenfalls bei Melanie Berg. Die gelernte Hundetrainerin verlor 2008 ihren Job als Fremdsprachenkorrespondentin und entschied sich, eine Hundeschule zu eröffnen. „Meine Familie hielt mich für verrückt“, sagt Berg. „Auch ich konnte mir anfangs kaum vorstellen, allein mit Hundetrainings mein Geld zu verdienen.“ Daher ging sie ihren Einstieg als Unternehmerin behutsam an. Zur Sicherheit arbeitete sie anfangs noch ein Mal pro Woche in einem Büro. „Der Job hat mir den Rücken frei gehalten und die Miete bezahlt“, sagt sie.

Gerade Frauen gründen oft vorsichtiger, zeigt der Gründungsmonitor. Sie machen sich nicht nur seltener selbstständig als Männer, sondern gründen auch kleiner, ergab eine Studie der Bundesweiten Gründerinnenagentur (bga). Hundetrainerin Berg verzichtet mittlerweile auf den sicheren Nebenjob. Ihre Hundeschule kommt gut an, sie ist fast ausgebucht. „Ich bin nicht nur in meinem Beruf, sondern auch als Unternehmerin sicherer geworden. Und ich weiß jetzt, dass ich das kann – auch ohne doppelten Boden“, sagt Berg.

Gründen aus der Arbeitslosigkeit bedeutet häufig, sich den Job selbst zu schaffen, den einem sonst keiner anbietet. Laut Gründungsmonitor führt die Erkenntnis, als Arbeitnehmer chancenlos zu sein, zu „intensivem Nachdenken“ und „häufig zu einer konkreten Geschäftsidee.“ Das gilt für fast 40 Prozent dieser Gründer.

Die Kunst als Broterwerb

Auch Kerstin Lichtblau nahm ihre berufliche Karriere auf diese Art selbst in die Hand. Als Künstlerin gab es für sie nie die Möglichkeit einer Festanstellung. Nachdem die Frankfurterin 2004 auch noch ihren Nebenjob bei der Auslandsauskunft der Telekom – und damit ihre einzige sichere Einnahmequelle – verloren hatte, gründete sie eine Ich-AG und schuf sich damit beruflich ein zweites Standbein neben der Kunst. Zunächst gab sie Kunstkurse für private Gruppen oder an Volkshochschulen.

Später baute sie eine Siebdruckwerkstatt auf, die sie an andere Künstler vermietet. Und ihre „Augenmädchen“ – Figuren mit besonders großen Augen – malte sie nicht nur auf Leinwand, sondern druckte sie auch auf T-Shirts, Taschen und Postkarten. „Solche Produkte lassen sich leichter verkaufen als Bilder“, sagt Lichtblau. Die Strategie ging auf: Die Künstlerin ist inzwischen im Rhein-Main-Gebiet bekannt. Und kann gut von ihrer Kunst leben.

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