Gründung „Entrepreneurship Rock“ – Bauen die Stars von heute auch die Unternehmen von morgen?

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Schneller Ruhm, schnelles Geld! Darauf hofft so mancher Gründer. Aber werden so auch wirklich innovative Geschäftsideen gefördert? Wichtig wäre es, wieder die Inhalte und nachhaltiges Unternehmertum in den Vordergrund zu rücken - und weniger Rock Stars und Show, schreibt Unternehmer und impulse-INSIDER Thorsten Lambertus.

Beim TV-Sender Puls 4 in Österreich gibt es nun eine Startup-Show: „2 Minuten, 2 Millionen“ lautet das Motto. Ein Startup definiert Puls 4 per Videobotschaft sinngemäß wie folgt: Ein Start-up hat ein rasantes Wachstum, aber weiß noch nicht, wie es Geld machen soll. Obwohl in dieser Definition auch viel Wahres steckt – ein erfolgreiches Geschäftsmodell z.B. muss sich meist über viele Jahre durch gezielte Iterationen entwickeln – so offenbart diese Aussage in Verbindung mit der neuen Show auch meiner Meinung nach eines der wesentlichen Probleme der Entrepreneurship-Landschaft im deutschsprachigen Raum: Nachdenken kommt später, vorher wird dick aufgetragen!

Seit das Internet Gründen stark vereinfacht hat sowie Medien, Politik und Gesellschaft das Thema Entrepreneurship wieder ins Scheinwerferlicht gerückt haben, werden immer mehr Leute verführt, die große Bühne zu betreten. Schneller Ruhm, schnelles Geld! So die Hoffnung der vielen Entrepreneurship Rock Stars, die ich entweder während meiner Zeit an der WU Wien begleitet oder beim aufmerksamen Beobachten der Gründer-Szene erlebt habe. Kurz mal geschaut, was Übersee funktioniert und dann das erstbeste Thema schnell gegründet. Ob es Sinn macht, sehen wir dann später. Für Nachdenken ist eh keine Zeit, der nächste Pitch vor VCs steht an.

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In 90 Sekunden sind Argumente auch schwer unterzubringen, da reicht eine gut verkaufte Story. Die muss dann auch möglichst schnell in Printmedien und sozialen Medien mit möglichst großem Bild des CEOs (wer ist heute eigentlich nicht CEO?!) verbreitet werden. Da bleibt keine Zeit für Kundeninterviews. Wir müssen ja schnell wachsen, das Geld kommt dann nach dem sicheren Buzz von alleine. Stichwort Hockeystick: Einen wie bei einem Hockeyschläger steil ansteigenden Kurven-Verlauf  sieht man gefühlt bei jedem zweiten Pitch als prognostizierten Umsatz. Optimismus ist wichtig, Überschätzung mitunter fatal. Stichwort Twitter: Milliardenwert beim Börsenstart, aber Profitabilität nicht in Sicht. Nicht wenige sehen bereits die nächste Blase am Horizont. Und je öfter dieses Bild von Entrepreneurship gezeichnet wird, desto mehr junge Nachwuchstalente übernehmen es.

Inhalte sollten wieder in den Vordergrund rücken

Aber kann man so Deutschlands Unternehmertum wiederbeleben? Kann man so Deutschlands Vorreiter-Rolle bei Innovationen aufrecht erhalten? Können diese Unternehmen auch in Zukunft für Rekorde bei den hiesigen Steuereinkünften sorgen? Ich glaube nicht! Schnelles Wachstum ist wichtig für viele Startups, aber nicht nur bei der PR. Ein Geschäftsmodell lässt sich nicht am Reißbrett entwickeln, aber „Build – Measure – Learn“ (aus dem weit verbreiteten Lean Start-up Konzept) hat etwas mit gezielter und überlegter Weiterentwicklung zu tun. Partnerschaften sind überlebenswichtig für aufstrebende Unternehmen, aber nicht indem man dick aufträgt und Dinge verspricht, die man dann eh nicht halten kann. Nicht umsonst mehren sich die kritischen Stimmen von Leuten, die tief in der Szene verankert sind: Project-A-Gründer Florian Heinemann warnte im Sommer 2013 in einem Interview, dass „Hipness kein Geld verdient“ und der damalige Gründerszene-Chefredakteur Joel Kaczmarek bringt es in seiner Kolumne Ende 2012 bereits auf den Punkt:

Die deutsche Internetszene feiert sich und wähnt sich auf der Überholspur. Bisher stehen aber nur viel PR und wenige Exits auf der Habenseite.

Nicht falsch verstehen: Der ganze Hype zum Thema Entrepreneurship hat viele gute Seiten. Innovation durch Unternehmensgründungen und verwandte Themen wie Intrapreneurship sind wesentlich für die Zukunftsfähigkeit eines Landes. Die neue Aufmerksamkeit stimuliert Anstrengungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich bereits sehr positiv auswirken. Viele junge Menschen sehen eine eigene Gründung trotz des damit verbundenen Risikos wieder als realen Karriereweg. Es entwickeln sich mancherorts florierende Entrepreneurship-Ökosysteme und ein entsprechender Lifestyle, der im positiven Sinne ansteckend ist.

Wichtig wäre es jedoch, wieder die Inhalte in den Vordergrund zu rücken. Erst wenn ein Start-up den Produkt-Markt-Fit erreicht hat und das Geschäftsmodell einen Kunden für weniger Geld akquiriert, als dieser dann über die Jahre dem Unternehmen einbringt, sollte man auf die Marketing-Tube drücken. Dieses wesentliche Grundgesetz erfolgreichen Gründens sollte auch Startup-Deutschland beherzigen. Weniger Rock Stars, weniger Show – dafür aber mehr überlegtes Handeln und nachhaltiges Unternehmertum!

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