Mypostcard „Plötzlich gab es mehrere Baustellen gleichzeitig“

  • Aus dem Magazin

© Sebastian Pfütze

Mehr als eine Million Downloads verzeichnet die App mypostcard.com. Doch der unerwartete Erfolg hatte auch Schattenseiten. Gründer Oliver Kray über die Schwierigkeiten bei schnellem Wachstum.

Sommer 2013 auf Santorin, Griechenland: Oliver Kray, damals noch Fassadenkünstler, macht Fotos am Strand, als ihm eine Geschäftsidee kommt. Er will seine digitalen Handyfotos – ganz analog – als Postkarte verschicken. Nach kurzer Recherche stellt er fest, dass einige Unternehmen diesen Service anbieten, aber „lieblos“, wie er heute sagt. Kray beschließt, es besser zu machen – und gründet mypostcard.com. Die App verwandelt Fotos in Postkarten und übernimmt weltweit den Versand.

impulse: Herr Kray, wenn Sie an den Strand in Griechenland zurückdenken: Haben Sie den Aufwand Ihrer Gründung richtig eingeschätzt?

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Oliver Kray: Zum Glück nicht. Es war natürlich viel aufwendiger als gedacht. Ich hatte zwar einen Businessplan, aber ganz ehrlich: Wenn man etwas Neues aufbaut, kann man nicht realistisch planen.

Was genau haben Sie unterschätzt?

Vor allem die Entwicklungsarbeit. Ich dachte, wenn man weiß, was eine App können soll, läuft die Umsetzung schnell. Eine App zu programmieren, die für die Nutzer leicht zu bedienen ist und gleichzeitig auf zig verschiedenen Geräten funktionieren soll, ist jedoch ziemlich komplex. Dazu kommt, dass der App-Entwicklungsmarkt noch recht jung ist und es wenige gute Leute gibt. Viele Programmierer müssen selbst noch lernen.

Sie haben mächtige Konkurrenten: den Fotoriesen Cewe etwa oder die Deutsche Post. Da gilt es, keine Zeit zu verlieren …

Stimmt. Die haben natürlich ganz andere Ressourcen. Allerdings habe ich die Konkurrenz anfangs stärker eingeschätzt. Bei den großen Unternehmen läuft das Erstellen von Postkarten nur nebenbei, und das merkt man. Wir waren beispielsweise die Ersten, die Postkarten mit Fotocollagen angeboten haben – obwohl die anderen schon länger am Markt waren und die Idee sehr nahe liegend ist.

Ihre App zählt mehr als eine Million Downloads. Was hat sich an Ihrer Arbeit verändert?

Am Anfang habe ich mich voll auf das Produkt und die Akquise konzentriert. Als wir größer wurden, gab es plötzlich mehrere Baustellen gleichzeitig: Wir mussten analysieren, wer unsere App wie nutzt, neue Nutzer gewinnen und parallel erste Mitarbeiter finden. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich bald gar nicht mehr genau weiß, was wo im Unternehmen passiert. Es war schwierig, den Überblick zu behalten.

Was haben Sie dagegen gemacht?

Seit Mitte vergangenen Jahres arbeite ich mit Beratern zusammen, die mir beigebracht haben, mein Unternehmen in Zahlen zu verstehen. Wie viel kostet es, einen Kunden zu gewinnen? Welchen Wert hat ein weiterer Kunde für mein Unternehmen? Was bringt eine Bestellung im Schnitt ein? Es ist fast wie ein zweites Studium. So kann ich viel schneller erfassen, wo wir genau stehen und dann natürlich auch besser entscheiden. Das hat sehr geholfen.

Sie haben vergangenes Jahr mehr als 2 Millionen Euro Umsatz gemacht. Wann schreiben Sie schwarze Zahlen?

Das könnten wir längst. Aber wir haben uns dafür entschieden, lieber schnell zu wachsen und das Geschäftsmodell auszubauen. Als Nächstes will ich Mypostcard internationalisieren.

Woher nehmen Sie das Geld, um zu wachsen?

Mein Geschäftspartner, der bereits eine Hotelgruppe mitgegründet hat, hat etwa 1 Million Euro in die Firma investiert. Damit haben wir unser Wachstum komplett selbst finanziert. Banken werden doch schon nervös, wenn man mal sein Tageslimit überzieht.

Wann und wie wollen Sie im Ausland wachsen?

Im Oktober 2016 wurden wir vom Bundeswirtschaftsministerium für den German Accelerator ausgewählt, ein Förderprogramm, bei dem wir drei Monate lang in einem Coworking-Space in New York arbeiten und dort regelmäßig Coachings und Netzwerktreffen besuchen konnten. Eine große Chance! Amerikanische Gründer reden viel mehr darüber, wie sie mit Problemen umgehen. Davon können deutsche Unternehmer lernen. Wir haben nun auch eine US-Firma gegründet und werden von Berlin und New York aus das Geschäft weltweit skalieren. Um das zu realisieren, sind wir nun auf der Suche nach weiteren Investoren in den USA und Deutschland.


Ein Artikel aus der impulse-Ausgabe 05/2017

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