Gründung Gute Gründer gesucht

In der Krise machen sich hierzulande wieder mehr Menschen selbstständig. Doch viele fliehen nur aus der Arbeitslosigkeit, ihnen fehlt der Pioniergeist. Andere Nationen zeigen weit mehr Mut zum eigenen Geschäft.

Wer nichts wird, wird Wirt. Dass diese Binsenweisheit immer noch gilt, belegt der kürzlich erschienene Gründerreport 2010 des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK): Jeder siebte Existenzgründer, der im vergangenen Jahr an einer IHK-Gründungsberatung teilgenommen hat, will sich im Gastgewerbe selbstständig machen. Neben der Gastronomie planten die angehenden Unternehmer besonders Dienstleistungen in den Bereichen Sozialwesen, Marktforschung, Gebäudebetreuung, Garten- und Landschaftsbau sowie Telekommunikation und Information.

Insgesamt ist das Interesse an der Selbstständigkeit im Krisenjahr 2009 deutlich gestiegen. Fast 364.000 Gründungswillige, 14 Prozent mehr als im Vorjahr, suchten Rat in einer der 80 deutschen Industrie- und Handelskammern. Um 32 Prozent auf 30.700 stieg die Zahl der gutachterlichen Stellungnahmen für Förderanträge von Existenzgründern. „Erstmals seit vier Jahren wollen wieder deutlich mehr Menschen in Deutschland ein eigenes Unternehmen gründen“, sagt DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben.

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Dies bestätigt das Bonner Institut für Mittelstandsforschung (IfM). Nach dessen Berechnungen lag die Zahl der Existenzgründungen 2009 mit rund 413.000 Firmen um 3,3 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Zahl der Betriebsgründungen mit einer „größeren wirtschaftlichen Bedeutung“ stieg sogar um 8,6 Prozent auf rund 105.000 Unternehmen.

Wenig Pioniergeist

Einen Grund zu übergroßem Optimismus sehen Experten allerdings nicht. Denn für viele ist der Weg in die Selbstständigkeit in erster Linie eine Flucht aus der Arbeitslosigkeit. Nur vier von zehn Gründern seien vornehmlich von unternehmerischem Pioniergeist getrieben, berichtet Wansleben. Entsprechend mangele es den vorgelegten Geschäftskonzepten häufig an Qualität und Innovationskraft. 65 Prozent der arbeitslosen Gründungsinteressierten konnten die Vorzüge ihrer Geschäftsidee nicht erklären, heißt es im DIHK-Report. Und allzu oft stand die Frage nach staatlicher Förderung im Fokus der Existenzgründer.

Daran fehlt es nicht. Eine kaum überschaubare Vielzahl von Programmen und Initiativen lockt angehende Unternehmer. Im Verteilen von Fördermitteln liegt Deutschland international in der Spitzengruppe. Doch viele Maßnahmen scheinen zu verpuffen. Das belegt der im April veröffentlichte Global Entrepreneurship Monitor (GEM), der 180.000 Menschen in 54 Staaten nach ihren Einstellungen zum Thema Unternehmensgründung befragt hat.

Angst zu scheitern

Demnach schrecken die Deutschen mehr als die meisten anderen Nationalitäten vor der Selbstständigkeit zurück: Nur vier von 100 erwachsenen Deutschen gründen derzeit gerade ein Unternehmen oder planen dies konkret. Im Vergleich der OECD-Länder und anderer innovationsbasierter Volkswirtschaften landet Deutschland damit lediglich auf Platz 15 unter 20 Ländern.

Die GEM-Studie liefert dafür auch Gründe – und die stecken vor allem in den Köpfen. So sagen 43 Prozent der Deutschen, aber beispielsweise nur rund 25 Prozent der Norweger, Belgier oder Holländer, die Angst zu scheitern würde sie davon abhalten, ein Unternehmen zu gründen. Auch mangelnder Optimismus hemmt die Deutschen: Nur 24 Prozent der Befragten schätzen die Chancen für eine Unternehmensgründung in ihrer Region als sehr positiv ein.

Außerdem beklagen angehende Unternehmer starke Regulierungen und eine schlechte Gründerausbildung. Wie hilfreich eine solche sein kann, zeigt sich an Unternehmensgründer Thomas Rodens. Er hat eine Ausbildung an der Akademie für Betriebsmanagement in Stuttgart absolviert. Dort können Handwerker den Meisterbrief erwerben und sich gleichzeitig gezielt auf die Selbstständigkeit vorbereiten.

„Besonders auch der rege Austausch mit erfolgreichen Firmengründern während der Ausbildung hat mich inspiriert und meinen Wunsch zur Selbstständigkeit gestärkt“, erzählt der junge Malermeister, der bereits zwölf Mitarbeiter beschäftigt. Das Dienstleistungskonzept seiner Stuttgarter Firma „Handwerk mit Stil“ ist preisgekrönt.

Hightech-Startups sind Mangelware

Vergleichsweise gut liegt Deutschland, wenn es um innovative Gründungen im internationalen GEM-Vergleich geht und belegt hier immerhin Platz fünf. Dennoch sind nach GEM-Berechnung nur etwa vier Prozent aller deutschen Gründungsvorhaben im Hightech-Bereich angesiedelt. In einer vergleichbaren Größenordnung bewegen sich die Studienergebnisse des DIHK: Nach dessen Erkenntnissen wollten sich 2009 nur etwa sechs Prozent der Gründungsinteressierten in Hightech-Branchen selbstständig machen – 21 Prozent weniger als noch 2006.

Den DIHK-Experten zufolge gibt es dafür vor allem zwei Gründe: Das hohe Risiko, am Markt zu scheitern und der relativ große Bedarf an Startkapital wegen langer Vorlaufzeiten und des großen Aufwands für Forschung und Entwicklung. In der Wirtschaftskrise haben sich die Finanzierungsbedingungen gerade für junge Unternehmen mit hohem Kapitalbedarf und geringen Sicherheiten noch einmal deutlich verschlechtert.

Fast völlig ausgetrocknet ist der Zufluss von privatem Wagniskapital. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Kapitalgesellschaften (BVK) sind deutsche Venture-Capital-Investitionen im vergangenen Jahr um rund 70 Prozent zurückgegangen. „Besonders hart trifft das deutsche Unternehmen aus dem Hightech- und Cleantech-Bereich, die sich in der Frühphase befinden und Kapital benötigen“, sagt Thomas Doppelberger, Leiter von Fraunhofer Venture. „Die privatwirtschaftliche Finanzierung von Hightech-Gründungen ist nahezu zum Erliegen gekommen.“

Doch bereits vor der Krise floss in Deutschland deutlich weniger Risikokapital als etwa im angelsächsischen Raum. Doch bremst der Mangel an Venture-Capital die Gründung innovativer Startups wirklich aus? Oder gibt es hierzulande einfach zu wenige attraktive Projekte, um potente Investoren anzulocken? Darüber streiten sich die Experten. Fakt ist: Nach wie vor fühlen sich deutsche Wissenschaftler nur selten zum Unternehmer berufen. Es mangelt an Forschern, die ihre Entdeckungen auch vermarkten wollen. „Nach abgeschlossener Projektphase veralten viele Patente im Archiv oder ihr Potenzial wird im Ausland verwertet“, sagt Doppelberger, „hier müsste ein Wandel stattfinden.“

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