Gründung Kapital trotz Krise

Findige Unternehmen, die in neue Produkte und Dienstleistungen investieren wollen, finden weiterhin Kapitalquellen - wenn sie wissen, wo sie suchen müssen.

Winter 2008: Finanzkrise, Re­zes­sion, Kreditklemme. Doch Manuel Sosna reichen wenige ­Wochen, um vier Beteiligungsfirmen für seine Investition zu interessieren. Was ist bei Sosna anders als bei anderen? Der Geschäftsführer der Ubitexx GmbH und seine Vorstandskollegen haben alle überzeugt: Ihr IT-Haus produziert Management- und Sicherheitsprogramme für Handys und PDAs (Personal Digital Assistants).

Mit der Finanzspritze soll die Software so weiterentwickelt werden, dass sie auch auf dem iPhone von Apple sowie auf den Blackberry-Geräten funktioniert. „Das wird der große Durchbruch für unser Unternehmen“, ist der Münchner sicher. Ubitexx entschied sich im November 2008 für den Venture-Capital-Geber Target Partners – und kann nun drei Millionen Euro Eigen­kapital mehr in der Bilanz ausweisen.

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Allen düsteren Wirtschaftsprognosen und der weltweiten Finanzkrise zum Trotz – das Beispiel der Münchner IT-Entwickler belegt: „Geld für die Entwicklung neuer Produkte, Technologien und Dienstleistungen ist nach wie vor ausreichend vorhanden“, sagt Gerhard M. Becker von der IfB Unternehmens­beratung aus Leichlingen. Firmenchefs müssen nur wissen, bei welchem Geldtopf und für welches Vorhaben derzeit das Anstehen lohnt. Vor allem Start-ups mit ihren oft riskanten Projekten spüren schon die Folgen der Kreditklemme. Doch die Auswahl der Alternativen ist auch jetzt noch größer, als viele denken: Beteiligungskapital, Fördermittel oder alternative Finanzierungen.

Um die Entscheidung zu erleichtern, stellt impulse die lukrativsten Förderpro­gramme vor und erläutert praxis­erprobte Alterna­tiven wie beispielsweise die Garantien der Bürgschafts­banken oder strategische Investments.

Nicht zur ersten Wahl gehören Kredite – was nicht nur an der aktuellen Zurückhaltung der Banken liegt. „Zur Finanzierung von Innovationen sind sie kaum die ideale Kapitalquelle“, erklärt Becker, der seit mehr als 15 Jahren Firmen bei der Planung und Umsetzung von Innova­tionsstrategien unterstützt. Der Grund: „Vor allem in der Entwicklungsphase lässt sich nur schwer voraussagen, wann und mit welchem Erfolg ein neues Produkt in den Markt geht – für eine klassische Fremdfinanzierung mit Darlehen ist ein solches Projekt folglich viel zu riskant“, sagt Berater Becker.

Er empfiehlt Firmen, öffentliche Fördermittel zu beantragen, Mezzanine-Kapital zu suchen oder Eigenkapital bei Investoren zu sammeln. Letztere sind zwar auf höhere Renditen aus. Im Gegenzug sind sie aber bereit, größere Unsicherheiten zu akzeptieren.

Allerdings: Echtes Venture-Capital, das in Start-ups investiert wird, die sich ganz am Anfang befinden, ist in Deutschland immer seltener anzutreffen. Wer in diesem Segment als Kapitalgeber agiert, kann sich vor Interessenten kaum retten. Ganze drei Wagniskapitalgeber sind hierzulande noch aktiv: Wellington, Early Bird und Target Partners. „Im Durchschnitt werden auf 100 eingesandte Businesspläne nur ein bis drei Investment­verträge abgeschlossen“, berichtet Uwe Fleischhauer von der Private-Equity-Beratung Fleischhauer, Hoyer & Partner. Eine Zusage kommt einem Ritterschlag gleich und öffnet viele Wege.

Dass gleich vier Kapitalgeber um eine Firma buhlen wie bei Ubitexx, ist eine Ausnahme. Unternehmer Sosna entschied sich am Ende für Target Partners, weil die Gesellschaft schon seit acht Jahren in Start-ups aus den Bereichen IT und Telekommunikation investiert. „Sie haben sehr viel Erfahrung in der Branche gesammelt und verfügen über Kontakte zu unzähligen Fachleuten, die für uns einmal wichtig sein könnten“, sagt Sosna. Außerdem kennt sich Target Partners bestens in den USA aus – ideal, wenn man wie Ubitexx dort Kunden gewinnen will. „Sie haben uns zum Beispiel dabei geholfen, neue Mitarbeiter für den Vertrieb und das Marketing zu finden“, so der Ubitexx-Geschäftsführer.

Meist sind Finanziers allerdings sehr zurückhaltend. Zu frisch sind bei vielen noch die Erinnerungen an das jähe Platzen der New-Economy-Blase. Gleichzeitig geizen die Finanziers mit Kapital, weil in Zeiten der Finanzkrise auch ihre institutionellen Investoren wie Banken und Versicherungen das eigene Geld lieber auf sicheren Konten parken. Anders sieht die Lage bei sogenanntem Corporate Venture Capital (CVC) aus, das von Konzernen zur Verfügung ­gestellt wird. Als strategische Partner ­setzen sie nicht ausschließlich auf schnelles Wachstum, sondern wollen neue Märkte und Produkte erschließen.

Wie etwa die Vorwerk-Gruppe. Der weltweit agierende Direktvertrieb­spezialist gründete seine CVC-Gesellschaft Vorwerk Direct Selling Ventures GmbH vor 20 Monaten – als sich die Finanzkrise gerade ankündigte. Pro Jahr engagieren sich die Wuppertaler bei zwei oder drei Unternehmen. „Mit Summen zwischen einer Million und fünf Mil­lionen Euro“, sagt Geschäftsführer Norbert Muschong. ­Neben einem satten Gewinn locken den Mutterkonzern neue, effiziente Vertriebstrends. Im Unterschied zu anderen Gesellschaften, die an Betrieben aus bestimmten Branchen interessiert sind, verfolgt Vorwerk Ventures einen anderen Investmentfokus. „Wir suchen Firmen mit einem innovativen Vertriebs­ansatz – wir investieren in Geschäfts­modelle“, so Muschong.

Knapp bei Kasse

Zum Beispiel in die Ringana GmbH: Das Unternehmen aus Österreich erzielt mit Nahrungsergänzungsmitteln und Naturkosmetik mehr als fünf Millionen Euro Umsatz. Und weist eine „interessante Kombination aus Direktvertrieb, Versandhandel, Online- und Katalogmarketing auf“. Mit durchschlagender Wirkung: Ringana wächst mit einer jähr­lichen Rate von mehr als 40 Prozent. Natürlich lohnt es sich für den großen Tanker Vorwerk, den Verkaufsmix genauer anzuschauen, bevor die An­teile weiterverkauft werden. „Die Beteiligungen bringen frischen Wind in unseren Mutterkonzern“, sagt Muschong.

Unternehmern, die nicht gleich Mil­lionenbeträge benötigen, um ihre Innovationen zur Marktreife zu treiben, bieten sich ebenfalls genügend Finanzierungsvarianten. Eine recht unbekannte Quelle hat die Edel AG angezapft: das Sale-and-lease-back von Marken. Diese Alternative ist ideal für Firmen, die keine der üblichen Sicherheiten wie Immobilien oder Maschinenparks besitzen. „Wir haben in unserer 22-jährigen Firmengeschichte jedoch ein sehr großes Portfolio an Rechten, Marken und Software auf­gebaut“, sagt Bernd Hocke, General Manager des Unterhaltungskonzerns. Er ergänzt: „Bisher wollte kein Geld­geber dieses immaterielle Vermögen als Sicherheit akzeptieren.“ Grund: Der Wert einer Marke ist sehr variabel.

Das kalkuliert die Vantargis AG ein. Der Münchner Finanzdienstleister ist einer der wenigen Anbieter in Deutschland, die Patente, Lizenzen und Marken von mittelständischen Unternehmen aufkaufen und anschließend an die Firmen zurückleasen. Intellectual-Pro­perty(IP)-­Fi­nanzierung nennt sich das Angebot, das ab einer Summe von 500.000 Euro aufwärts genutzt werden kann. „Meist fassen wir gleich mehrere Objekte in einem Pool zusammen, weil sich die einzelnen Lizenzen ergänzen“, sagt Vantargis-Vorstand Claus Dürr. Die größte Hürde bei dieser Offerte: eine realistische Bewertung der zu erwerben­den Rechte. „Je nach Bonität des Unternehmens orientiert sie sich zwischen Ertrags- und Zerschlagungswert“, so Dürr.

Schnelle Zusagen

Anders als bei den Venture-Capital-Gesellschaften, bei denen mit der Prüfung des Businessplans, einer Due Diligence und den Vertragsverhandlungen schon mal acht Monate oder mehr ins Land gehen können, spült die IP-Variante schon nach kürzester Zeit Fremdkapital ins Unternehmen. „In vier bis sechs Wochen ist der Finanzierungsvertrag reif zur Unterschrift“, verspricht Dürr.

Deutlich länger müssen sich dagegen Unternehmer gedulden, die auf Fördermittel als Kapitalquelle setzen. In der Regel werden die öffentlichen Zuschüsse und Darlehen über die Hausbank beantragt. Allein diese Schleife kann Wochen dauern, denn das Antrags­verfahren ist oft kompliziert. Dafür ist für jeden Betrieb ein passender Geldtopf zu finden: Mehr als 1500 Programme von Gemeinden, Ländern, Bund und der Europäischen Union werden angeboten. Und die meisten Förderungen lassen sich auch miteinander kombinieren.

Besonders erfreulich: Die Quellen sprudeln selbst in wirtschaftlich un­ruhigen Zeiten weiter. „Die KfW Mittelstandsbank bewilligte im Krisenjahr 2008 Förderkredite ungefähr auf dem Niveau des Rekordjahrs 2007“, sagte Dirk Plankensteiner, volkswirtschaftlicher Referent des Instituts. Und auch in diesem Jahr wollen die Frankfurter nicht mit ihrem Engagement zurückstecken. „Wir werden lediglich schneller auf den Finanzmarkt reagieren und bei Zinsänderungen die Konditionen zeitnäher als bisher anpassen“, so der Frankfurter Volkswirt.

Zudem weist die KfW darauf hin, dass immer mehr Firmen große immaterielle Werte horten. Derzeit arbeiten die deutschen Banken an Möglichkeiten, wie künftige Patente leichter als Kredit­sicherheiten akzeptiert werden können. „Eine Umsetzung in die Praxis wird es allerdings aufgrund der komplexen Zusammenhänge in diesem Jahr nicht mehr geben“, sagt Plankensteiner.So lange können viele Firmenchefs allerdings nicht warten. Edel-Manager Hocke: „In der Unterhaltung ist der gerade angesagte Trend morgen schon wieder out – da muss man flexibel sein und schnell entscheiden.“

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