Gründung Online-Börse für Muttermilch: „Ich wünschte, meine Website wäre überflüssig!“

Für Selbstständige, die ihr Geschäft auch als frischgebackene Eltern nicht vollkommen ruhen lassen wollen oder können, ist das Elterngeld Plus besonders attraktiv.

Für Selbstständige, die ihr Geschäft auch als frischgebackene Eltern nicht vollkommen ruhen lassen wollen oder können, ist das Elterngeld Plus besonders attraktiv. © WavebreakMediaMicro - Fotolia.com

Eine Hamburgerin hat Deutschlands erste Muttermilchbörse im Internet gestartet. Obwohl die Seite erst zwei Wochen online ist, überschlagen sich die kritischen Stimmen, die vor Gesundheitsrisiken warnen. Sie wolle vor allem ein Bewusstsein für die Thematik schaffen, sagt die Gründerin.

„Biete vegane, koffeinfreie, gesunde Bio-Nichtraucher-Milch!“ oder „Liebevolle Stillmama sucht hungrigen Fratz“ steht über den mittlerweile 50 Inseraten auf Deutschlands erster Muttermilch-Börse. Tanja Müller gründete den Marktplatz für Muttermilch Ende Januar im Internet. Ihre Beweggründe sind die eigenen Erfahrungen: Die zweifache Mutter konnte ihr eigenes erstes Kind durch eine Entzündung nicht stillen, beim zweiten hatte sie Milch über. „Ich habe beide Male das ganze Internet auf den Kopf gestellt, um zu erfahren, wie ich Muttermilch tauschen kann.“

Dabei stieß sie auf allerlei Einträge in Internet-Foren und bei Facebook. „Viele Mütter hatten das gleiche Problem. Doch bei den Anfragen stand nie etwas von Sicherheitsvorkehrungen.“ Als die gelernte Hotelfachfrau bei einer amerikanischen Tauschbörse im Netz auf Mütter stieß, die sich sogar Milch aus den USA liefern lassen wollten, fasste sie einen Entschluss: Nach amerikanischem Vorbild entwickelte sie im Frühjahr 2013 die Idee für eine deutsche Börse für Muttermilch.

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„Spenden von Muttermilch ist so sensibel wie Blut“

Seitdem reißt die Kritik nicht ab. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt in einer Pressemitteilung ausdrücklich davor, Muttermilch über das Internet zu bestellen, Medienberichten zufolge schlagen Kinderärzte anlässlich der Idee reihenweise die Hände über dem Kopf zusammen. Das Problem sei die mangelnde Kontrolle, sagt Christoph Bührer, Professor für Neugeborenen-Medizin an der Charité Berlin. „Das Spenden von Muttermilch ist so sensibel wie das von Blut, schwere Krankheiten können auf diesem Weg übertragen werden.“ Nur durch überwachte Tests können HIV- oder Syphilis-Erreger im Blut ausgeschlossen werden. Oder ob die Mutter Drogen nimmt.

Keine Haftung für Gesundheitsschäden

Tanja Müller sagt, sie wollte den Handel mit Muttermilch sicherer machen. Sicherer zumindest, als er bisher im Netz stattfand. Verpflichtende Tests gibt es allerdings auch bei ihrem Angebot nicht. Sie weist zwar direkt auf der Startseite ihrer Homepage auf das Testlabor hin, mit dem sie kooperiert. Jede Mutter muss jedoch selbst entscheiden, ob sie die Milch zum Testen einsendet. Das Institut für Milchforschung, auf das Müller verlinkt, kann die Keimbelastung testen und ob die Milch gestreckt wurde. Auf das HI-Virus beispielsweise kann dieses Institut die Flüssigkeit jedoch nicht überprüfen. Alle vorgeschlagenen Tests auf Müllers Seite sind nur Tipps und nicht verpflichtend. Für möglicherweise gesundheitsschädigende Milch übernimmt die Gründerin keine Haftung. „Ich verstehe die Börse als eine vermittelnde und informierende Plattform. Ich sehe nur, wenn sich die Mütter registrieren. Vom restlichen Austausch bekomme ich nichts mehr mit.“

Das schnelle Geld mit der Milch?

Nach der Anmeldung zahlen Mitglieder alle drei Monate einen Beitrag von 4,99 Euro. Dafür können sie Inserate einsehen und veröffentlichen. Müller bietet zudem „Starterpakete“ mit Kühlakkus zum Versand der Milchflaschen an. Verdienen wolle sie an der Plattform nichts, ihr Ziel sei es, auf die Thematik aufmerksam zu machen. Ihr Mann baute die Website, die Gebühren für Inserate sollen lediglich die Unkosten decken. Die inserierenden Mütter hingegen verlangen für 100 Milliliter ihrer Milch zwischen drei und acht Euro, bei der durchschnittlichen Tagesration eines Babys von einem halben Liter können da schon 40 Euro zusammen kommen, ohne Versand. Dr. Christoph Bührer sieht darin einen fragwürdigen Anreiz. „Wenn eine Frau Geld braucht, könnte sie dort ohne Kontrolle auch normale Kuhmilch verkaufen.“

Gründerin Tanja Müller

Gründerin Tanja Müller

Nachfrage ist vorhanden

Nichtsdestotrotz sind sich Ärzte und auch Hebammen bewusst, dass der Markt vorhanden ist. „Der Grundgedanke, dass Milch gespendet wird, ist richtig“, sagt Bührer und Aleyd von Gartzen, Stillbeauftragte des Deutschen Hebammenverbands betont, dass Muttermilch für Frühgeborene überlebenswichtig ist. Und auch bei gesunden Kindern würden Mütter solange wie möglich auf Milchersatz verzichten wollen. Bis Anfang der Achtziger gab es deutschlandweit noch sogenannte Muttermilchbanken, dann wurden sie im Westen wegen HIV-Risikos geschlossen. Die neuen Bundesländer und München lagern in Banken noch ausreichend Milch für die Klinikgeburten, angeschlossen an die Krankenhäuser. Hier liegen auch Milchflaschen fremder Mütter, deren Inhalt ist jedoch ärztlich kontrolliert.

„Ich wünschte, meine Website wäre überflüssig.“

Tanja Müller kennt die Sachlage: „Ich wünschte, meine Website wäre überflüssig. Aber bei all der Kritik macht sie wenigstens auf die fehlenden Muttermilchbanken aufmerksam.“ Auch wenn Christoph Bührer rät, Fertignahrung immer der ungeprüften Muttermilch vorzuziehen, hofft er ebenfalls auf den Effekt der Gründung: „Vielleicht setzt der Hype um die Website einen Anreiz für eine bessere Versorgung.“

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