Gründung Rundes Wachstum am Zuckerhut

Brasilien veranstaltet die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und investiert zurzeit Milliarden in Stadien, Straßen und Flughäfen. Das bietet deutschen Mittelständlern neuen Spielraum, in den wachsenden Markt Lateinamerika einzusteigen. Doch viele schrecken die unübersichtliche Bürokratie und das komplizierte Steuersystem ab.

Das Morumbi Stadion ist ein Aushängeschild der Wirtschaftsmetropole Sao Paulo. 280 Millionen Säcke Beton und 50.000 Tonnen Stahl stecken in dem Bau, wo Rock- und Poplegenden wie Bob Dylan, Madonna und Michael Jackson aufgetreten sind. Es ist zugleich ein Stimmungsbarometer des Landes; hier ist die Euphorie der aufstrebenden Wirtschaftsmacht am besten zu spüren. Doch es gibt nicht viele, die die Euphorie in diesen Tagen teilen. Die Bauarbeiten ziehen sich in die Länge. Und daher hat der Internationale Fußballverband Fifa das Stadion als Austragungsort für die Weltmeisterschaft 2014 gestrichen. Die Stätte ist nun zum Symbol eines schleppenden Starts der Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele in Brasilien geworden.

Während die Fifa die Verzögerungen bei den WM-Vorbereitungen beklagt, sieht die deutsche Wirtschaft hier ihre Chance. „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich in Brasilien zu engagieren“, erklärt Rafael Haddad. Er leitet im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eine Initiative, die deutschen Mittelständlern im Zuge der Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele den Weg nach Brasilien ebnen soll. Viele Aufträge für die Weltmeisterschaft, sagt Haddad, würden erst jetzt vergeben. Für deutsche Unternehmer sei dies ein Sprungbrett, um im aufstrebenden lateinamerikanischen Zukunftsmarkt langfristig Fuß zu fassen.

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Baustelle Brasilien

Nachdem sich seit den 50er-Jahren vor allem deutsche Großunternehmen wie Volkswagen und Bosch in Brasilien niedergelassen haben, hat nun der deutsche Mittelstand das Amazonasland entdeckt. Offizielle Daten zum Mittelstand in Brasilien gibt es zwar nicht. Doch laut Karlheinz Naumann, Unternehmensberater in Sao Paulo, hat sich ihre Zahl seit 2008 vervierfacht. Die deutsch-brasilianische Handelskammer in Sao Paulo (AHK) bestätigt den Trend. Während 2008 jährlich nur durchschnittlich zehn Wirtschaftsdelegationen aus Deutschland in Sao Paulo anreisten, waren es 2009 mit 40 knapp viermal so viel. Vor allem in den Sparten Transport, Energieeffizienz, Logistik und Sicherheit sind nach Angaben der Kammer deutsche Produkte und Dienstleistungen gefragt.

Das Potenzial der Weltmeisterschaft ist groß. Jahrelang hat Brasiliens Regierung den Ausbau der Infrastruktur vernachlässigt. Das Verkehrsnetz ist so schlecht, dass es die Wachstumsdynamik des Landes in den kommenden Jahren zu bremsen droht. Straßen müssen gebaut, Stadien renoviert und Flughäfen ausgebaut werden. Denn bis zur Weltmeisterschaft wird das Passagieraufkommen jährlich um acht Prozent und die Fracht um 18 Prozent wachsen. Nach Angaben der brasilianischen Bundesentwicklungsbank müssen zwischen 2010 und 2013 umgerechnet rund 118 Mrd. Euro in die Infrastruktur investiert werden. Das sind 37 Prozent mehr als im Zeitraum von 2005 bis 2008. Brasilien wird damit zur Riesenbaustelle. Das Investitionsvolumen für die beiden Mega-Events wird auf rund 37 Mrd. Euro geschätzt. Und das ist nur Anfang, der Staat plant bis 2030 weitere Investitionen in Milliardenhöhe.

Hilfe bei der Partnersuche

Doch viele Mittelständler zögern. „In den vergangenen sechs Monaten sind die Anfragen um bis zu 40 Prozent gestiegen“, sagt Rechtsanwältin Luciana Mestieri-Seidl, „aber die meisten Unternehmer haben sich noch nicht entschieden.“ Denn das Gros will sich nur zum Zweck der Weltmeisterschaft in Brasilien niederlassen. Die in Stuttgart arbeitende brasilianische Rechtsanwältin hilft deutschen Unternehmern, eine Firma in Brasilien zu gründen. Eine Firmengründung auf Zeit ist zwar leicht möglich, erläutert Mestieri-Seidl. Ein Mindestkapital ist nicht erforderlich. Und wenn alles gut läuft, ist die Sociedade Limitada, die brasilianische GmbH, in vier bis fünf Monaten gegründet. Doch die überbordende Bürokratie und das komplexe brasilianische Steuersystem schrecken viele Investoren ab. Um Schwierigkeiten vor Ort besser lösen zu können, rät der Unternehmensberater Theodoro Rombauer deutschen Firmen, einen Partner in Brasilien zu suchen. Dieser kenne sich nicht nur mit der Bürokratie im Lande besser aus. Er sei auch wichtig, um den Markteintritt und den Zugang zum Kunden zu erleichtern.

Wie wichtig ein Türöffner für den brasilianischen Markt ist, hat auch der BDI erkannt. Um Unternehmern den Zugang zu zentralen Projekten der Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele zu ermöglichen, hat der Verband eine Kooperation mit Brasilien vereinbart. Deutsche Unternehmer können sich für verschiedene Projekte bewerben – etwa in den Bereichen Stadienbau, Verkehr, Logistik und Sicherheit. Der brasilianische Industrieverband und die brasilianisch-deutsche Handelskammer stellen den Kontakt zu den Auftraggebern her. 100 Firmen nehmen an der Initiative teil. Und auch die Bundesregierung rührt die Werbetrommel. „Wir wollen Brasilien mit unseren Erfahrungen bei der Vorbereitung sportlicher Großereignisse tatkräftig zur Seite stehen“, verkündete Bundesaußenminister Guido Westerwelle auf seiner Lateinamerikareise Anfang März in Sao Paulo. Mit dem deutschen Sommermärchen, der erfolgreichen WM 2006, soll deutsches Know-how nach Brasilien exportiert werden.

Kleinere Projekte, größere Chancen

„Doch die meisten Großprojekte sind schon vergeben“, sagt David Holten, Verkaufsmanager für Brasilien bei Mehler Texnologie. Der Materialhersteller aus Hückelhoven vertreibt seit Jahren Beschichtungsrollen auf dem südamerikanischen Kontinent. „Aber wenn wir bei der Weltmeisterschaft zum Zuge kommen wollen, müssen wir jetzt mehr Präsenz in Brasilien zeigen“, sagt Holten. Die Firma Mehler Texnologie hat deshalb jüngst zwei Mitarbeiter eingestellt, die Kontakte zu Architekturbüros aufbauen und das Baumaterial vor Ort vertreiben sollen. Die Hückelhovener setzen auf kleine Projekte am Rande der Großveranstaltungen: Parkplatzüberdachung, Sonnensegel und Zeltdächer. „Hier sehen wir für uns noch Möglichkeiten.“

Und das Stadion Morumbi in Sao Paulo? „Keine Chance“. Die Bauentscheidungen seien längst getroffen. Doch sollte die Fifa das Morumbi-Stadion tatsächlich fallenlassen, wäre das „hochinteressant“, sagt Holten. Beim Bau eines neuen Stadions sieht auch der Mittelständler aus Nordrhein-Westfalen noch eine Chance für sich. Und so erreicht ein wenig Euphorie – mit brasilianischer Verzögerung – jetzt auch den deutschen Mittelstand.

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