Gründung Vom Angestellten zum Social-Media-Unternehmer

Firmen im Segment soziale Medien wollten sie hochziehen und unterstützen. Nur wie, war ihnen nicht klar. Vor vier Jahren starteten die ehemaligen AOL-Manager John Borthwick und Andy Weissman als Unternehmer durch.

„Ein Jahr lang haben wir überlegt, was die beste Vorgehensweise ist“, sagt Weissman. „Wir wollten investieren und Dinge aufbauen, vielleicht auch kaufen. Einige Versuche gingen gehörig daneben. Mit einem Offshore-Projekt in Indien sind wir zum Beispiel kläglich gescheitert. Wir fragten uns, ob es eine Kerntechnologie gibt, die wir unbedingt brauchen, kamen aber zu dem Schluss, dass es darauf nicht ankommt.

Letztlich einigten sich die Partner auf ein Unternehmen, das in Startups investiert und sie weiterentwickelt. Es ist weder ein reiner Wagniskapitalgeber noch eine echte Startup-Schmiede – vielmehr eine Mischung aus beidem.
Die Firma heißt Betaworks und hat ihren Sitz im New Yorker Meatpacking District. Borthwick sagt, sie wollten „ein Unternehmen schaffen, das fast wie ein Filmstudio funktioniert, zum Beispiel wie Miramax. Wir produzieren selbst und wir finanzieren Fremdproduktionen. Zusammengehalten wird alles von einem übergreifenden Thema“.

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Richtiger Zeitpunkt, günstiger Ort

Nach vier Jahren ist Betaworks immer noch ein unfertiges Projekt, aber es hat ausreichend Potenzial, dass die Gründer schon an den Tag denken, an dem sie einen kontinuierlichen Strom rentabler Internetunternehmen hervorbringen und weitere Ideen nicht mehr mit dem Geld der Investoren, sondern aus dem eigenen Cashflow finanzieren werden.

Entweder waren die beiden Visionäre, oder sie hatten einfach Glück. Denn Betaworks ist zur rechten Zeit am rechten Ort: In New York stecken Wagniskapitalgeber momentan massenhaft Geld in Startups im Bereich der sozialen Medien. Alle hoffen sie, den Erfolg von Facebook und Twitter nachahmen zu können. Die Silicon Alley von Manhattan wächst schnell.

Für Betaworks beschafften sich die beiden Gründer unter anderem 25 Mio. Dollar Beteiligungskapital von Business Angels wie Kenneth Lerer, dem Mitgründer der Onlinezeitung Huffington Post, dem aktuellen AOL-Chef Tim Armstrong, und dem Silicon-Valley-Investor Ron Conway. Das Geld steckt erst mal nur in der Bilanz und wird nach Bedarf eingesetzt. Die Investoren müssen also auf die Selbstdisziplin von Borthwick und Weissman vertrauen.

Gründer an der Firma beteiligt

Es ist eine ungewöhnliche Unternehmensstruktur. Am ehesten gleicht sie internationalen Holdinggesellschaften wie dem Medienkonzern Liberty Interactive oder dem Internetkonzern IAC von Barry Diller. Das Paradebeispiel für eine Mischung aus Fonds und Holdinggesellschaft ist Warren Buffetts Unternehmen Berkshire Hathaway.

Anders als bei einem Wagniskapitalfonds erhalten die Betaworks-Gründer keine Managementgebühr und stehen nicht unter Druck, ihre erfolgreichen Start-ups zu versilbern. „Nicht fürs Geldverwalten bezahlt zu werden, war sehr wichtig“, sagt Weissman. „Wir wollten nicht, dass wir durch Managementgebühren unter Druck stehen, irgendetwas zu tun.“ Stattdessen sind die beiden Gründer am Unternehmen beteiligt.
Schließen oder Halten?

Das Aushängeschild von Betaworks war Summize, eine Suchmaschine für Testberichte und Blogs. Mangels Nutzern ging dem Unternehmen das Geld aus, doch Borthwick und Weissman beschlossen, den Laden eine Weile lang selbst zu führen, statt ihn zu schließen.

„Ein normaler Investor würde die Verluste begrenzen und seine Zeit anderweitig nutzen, aber wir waren flexibel und konnten uns die Zeit nehmen“, sagt Weissman. „Dass Summize ein so immenses Datenvolumen in Echtzeit analysieren konnte, hat uns fasziniert, und wir überlegten, wie man diese Fähigkeit einsetzen konnte. Wir probierten es bei Twitter, und am zweiten Tag ging der Traffic durch die Decke.“

Twitter kaufte Summize im Juli 2008 und machte es zu seiner internen Suchmaschine. Betaworks ließ sich in Twitter-Aktien bezahlen und hält die Anteilscheine noch immer. Betaworks ist mittlerweile an 28 externen Unternehmen beteiligt und hat vier selbst hervorgebracht: Bit.ly, Chartbeat, Socialflow und TweetDeck.

Die Kooperation zwischen diesen vier Portfoliounternehmen ist eines der Grundprinzipien des Betaworks-Geschäftsmodells. Wie schwer es ist, unterschiedliche Holding-Töchter dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten, habe er bereits vor zehn Jahren nach der Fusion von Time Warner und AOL gesehen.

Von der Idee bis zum laufenden Geschäftsbetrieb begleiten

Weissman definiert die Kernkompetenzen von Betaworks als die Fähigkeit, eine Idee vom ersten Konzept über die Programmierung und die Anwendung bis zum funktionierenden Geschäftsmodell zu führen. Ideen, die nicht unterwegs bereits verkauft werden, werden in separat kapitalisierte Tochtergesellschaften gesteckt, so wie Bit.ly und Chartbeat.

Für Investoren könne die Struktur von Betaworks verwirrend sein, sagt Borthwick. „Wenn Unternehmer fragen, wie stark wir uns bei unseren Investitionen einbringen, sage ich immer: ‚Wir sind in der Regel eher passiv, aber passt auf: Wenn es sinnvoll ist, steigen wir auch schnell mal ein und führen das Unternehmen‘.“

Borthwick und Weissman haben noch eine weitere Lektion gelernt bei AOL, dem ehemals führenden Internetunternehmen: Onlineinnovationen bringen Unternehmen nicht nur nach oben, sondern können sie auch zu Fall bringen.

„Wie viele Internetunternehmen konnten mehr als fünf Jahre lang eine Marktkapitalisierung jenseits der 50 Mrd. Dollar halten? Nicht viele“, sagt Borthwick. „Ich frage mich, ob es nicht eine neue Sorte von Unternehmen gibt, die den Innovationsstrom besser widerspiegelt und das Kapital effizienter nutzt. So etwas wollen wir aufbauen.“

Aus: The Financial Times, London. www.ft.com

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