Gründung Zweite Chance

Mehr Lehrstellen als Bewerber: Wie Jungunternehmer mit geringem Aufwand trotzdem geeignete Azubis finden. impulse-gründerzeit zeigt außerdem, dass es nicht immer auf einen sehr guten Schulabschluss ankommt.

Bei der Terrabit GmbH schwitzen zehn junge Leute im Assessment-Center über einem eng beschriebenen Fragebogen. Sie alle haben sich bei der Reutlinger IT-Firma um einen Ausbildungsplatz beworben. Die Aufgaben sind schwer und zum Teil kaum zu lösen. Mit Absicht. „Mit dem Test erkenne ich, ob jemand Programmier-Grundkenntnisse hat und wie er bei Stress reagiert“, sagt Jungunternehmer Jochen Fischer kühl. Um aus den vielen Bewerbungen genügend geeignete Kandidaten für die Ausbildung zum IT-System-Kaufmann zu finden, muss er sich einiges einfallen lassen.

Erstmals gibt es in diesem Jahr mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. In Ostdeutschland ist der Mangel besonders groß, weil sich hier schon der Geburtenrückgang in aller Schärfe bemerkbar macht. Schlimmer noch. Längst nicht alle Bewerber sind geeignet. Manche Jugendliche können nicht richtig lesen oder rechnen, andere wiederum halten einen ganzen Arbeitstag in einem Unternehmen nicht durch. 20 Prozent eines Jahrgangs sind für eine klassische Berufsausbildung nicht geeignet, schätzen Experten.

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Gerade Gründer oder Jungunternehmer haben unter dieser Situation zu leiden. Sie müssen im Kampf um die besten Bewerber mit Großunternehmen konkurrieren. Auf jeden Fall sollten Firmen sehr vorausschauend
und mit viel Aufwand dafür sorgen, dass sich die richtigen Jugendlichen für sie interessieren. Oder sie kümmern sich auch um diejenigen, deren Schul- oder Unilaufbahn nicht glücklich verlaufen ist.

Potenzial erkennen

Terrabit hat sich für beide Wege entschieden. So hatte einer der Bewerber im Abiturzeugnis in Mathematik eine Fünf. „Dennoch habe ich im Gespräch bei dem jungen Mann enormes Potenzial ausgemacht“, sagt Fischer. Der auf den ersten Blick ungeeignete Kandidat entpuppte sich als eine der besten Nachwuchskräfte seit Langem. Besonders gute Erfahrungen hat der
31-jährige Jungunternehmer mit Studienabbrechern gemacht. „Sie bringen mehr theoretische Kenntnisse und Lebenserfahrung mit“, ist Fischer überzeugt. So gab er in diesem Jahr einem 29-jährigen Juristen, der das zweite Staatsexamen nicht geschafft hat, einen Ausbildungsplatz.

Gute Azubi-Kandidaten entdeckt Fischer auch durch die IHK-Aktion „Wirtschaft macht Schule“. In Realschulen und Gymnasien hält er Vorträge über Berufe in der IT-Branche. Vor zwei Jahren machte der Unternehmer so einen guten Bewerber auf seine Firma aufmerksam, der sich jetzt – nach dem Ersatzdienst – bei ihm bewarb. Von Erfolg gekrönt ist auch Fischers Azubi-Akquise durch seine Nachwuchskräfte. Jedes Jahr überträgt er seinen Auszubildenden die Verantwortung für den firmeneigenen Stand auf der Binea-Bildungsmesse. Dort lässt er seine jungen Leute auf die Schüler zugehen. Die Azubis berichten von ihren persönlichen Erfahrungen in der Ausbildung und machen so Werbung für Terrabit.

Simone Heineking, Geschäftsführerin des gleichnamigen Logistikunternehmens in Landesbergen, hat gleich die gesamte Auswahl an ihre aktuellen Azubis delegiert. „Gleichaltrige reden offener miteinander. Sie stellen oft Fragen und geben Antworten, die ein Personalleiter nie zu hören bekäme“, begründet sie. Jeder Lehrling übernimmt beim Auswahlprozess eine Aufgabe: Die einen stellen das Unternehmen auf einer Berufsmesse vor, andere entwerfen einen Anforderungskatalog und ein Auswahlkonzept.

Zweimal im Jahr veranstalten die Auszubildenden ein Assessment-Center. Dort testen sie die Kandidaten. Mit Fragen zum Unternehmen, das sie zuvor auf einer Betriebsbesichtigung kennengelernt haben. Zusätzlich müssen die Kandidaten ein Telefongespräch mit einem fiktiven Kunden führen und einen einfachen Tourenplan ausarbeiten. Nach den Tests sprechen die Azubis ihren Chefs Empfehlungen aus, und zum Abschluss werden die vorgeschlagenen Bewerber zu einem Gespräch mit den Ausbildungsleitern eingeladen. Sie bestätigen bis jetzt immer das Urteil ihrer Azubis. Auch Geschäftsführerin Heineking ist von deren Wahl überzeugt. „Ich hätte nicht anders entschieden“, sagt sie.

Jahr für Jahr bemühen sich heute bei Heineking mehr als 80 Kandidaten um die zehn freien Stellen, die Zahl der ungeeigneten Kandidaten hält sich in Grenzen. Und: „Seitdem unser Nachwuchs seine Nachfolger selbst aussucht, haben wir keine Abbrecher mehr.“

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