Hybrid-Uhren Halb Klassiker, halb Smartwatch: Was können die neuen Hybrid-Uhren?

Hybrid-Uhren sehen aus wie klassische Armbanduhren, können aber wie Smartwatches Schritte zählen und haben einen Touchscreen. Was taugen die schicken Mischwesen?

Was kommt dabei heraus, wenn sich eine edle Schweizer Uhrenmarke am oberen Ende der Preisskala und ein koreanischer Tech-Konzern gemeinsam etwas Neues ausdenken? Antwort: die De Grisogono Samsung Gear 2.

Der dissonante Doppelname lässt erahnen, dass hier zwei Welten aufeinandertreffen. Bei der Schöpfung handelt es sich um eine goldene, mit 127 Diamanten besetzte Uhr, mit der man telefonieren kann. Das edle Teil hat auch einen Touchscreen und misst den Herzschlag. Kostenpunkt: 15.000 Dollar. Mit Grüßen an die russische Oligarchengattin. Für manche wird ein Traum wahr, Puristen treibt es die Zornesröte ins Gesicht. Die Fusion von jahrhundertealtem Handwerk und modernster Technologie ist ein Spagat. Den wagen jetzt immer mehr Nobelmarken.

Anzeige

Hybrid-Uhren: Mischwesen fürs Handgelenk

Auf der Uhrenmesse Baselworld versuchte die Branche, die Zwitterwesen als den nächsten großen Trend anzupreisen. Nach Fitness-Armbändern und Smartwatches kommen nun also sogenannte Hybrid-Uhren auf den Markt: Mischwesen fürs Handgelenk, die anmuten wie traditionelle Zeitmesser, aber ausgewählte digitale Funktionen bieten und via Display gesteuert werden.

Einen Überblick über aktuelle Modelle zeigt die Bildergalerie über dem Artikel.


Besuchen Sie mit uns Schweizer Uhrenmanufakturen

Sie wollen live miterleben, wie Spitzenuhren gebaut werden, und die Chefs einiger der berühmtesten Uhrenmarken der Welt persönlich kennen lernen? Dann seien Sie mit dabei: Vom 31. Oktober bis zum 3. November fahren wir mit einer kleinen Gruppe in die Schweiz und besuchen dort exklusive Uhrenmanufakturen. Hier erfahren Sie mehr über die Uhrenreise.


Spätestens seit die Apple Watch Schätzungen zufolge mehr Umsatz erzielt als alle Rolex-Modelle zusammen, drängen Uhrenbauer wie Fossil oder Frederique Constant in das Segment. Sie wenden sich an Käufer, die das Design der Smartwatches von Apple, Garmin oder Huawei als zu steril für das eigene Handgelenk empfinden, aber Wert auf Schrittzähler, Bezahlfunktionen oder Internetzugang legen.

„Das spricht beispielsweise Konsumenten an, die bislang rechts eine elegante Armbanduhr tragen und links ein Fitnessband“, sagt Oliver Siegle von Chrono24, einem Marktplatz für Uhrenhändler. „Und es soll jüngere Käufer bewegen, sich an die Historie bekannter Marken heranzutasten, und sich später, mit steigendem Einkommen, vielleicht eine teure, klassische Uhr zuzulegen.“ So bietet Tag Heuer an, sein vergleichsweise günstiges digitales Einstiegsmodell in Zahlung zu nehmen, wenn sich ein Käufer nach ein paar Jahren für eine deutlich teurere Sammleruhr entscheidet.

Auch Modemarken wie Armani, Diesel und Michael Kors machen sich in dem jugendlichen Segment auffällig breit, was darauf hindeutet, dass es sich eher um ein stylisches Accessoire handelt als um … ja, um was eigentlich?

Klassische Uhr mit eingebautem Betriebssystem

Als Sammlerstücke oder gar Wertanlage scheiden Hybrid-Uhren jedenfalls aus. Sie werden so schnell vom Lauf der Zeit überholt wie ihre großen Schwestern, die Smartphones. Schließlich arbeiten sie meistens mit demselben Betriebssystem. In der Regel ist das Android. Dessen Funktionen verbrauchen übrigens Strom wie der Junkie das Meth, weshalb öfter neue Batterien nötig sind. Wie gesagt: nix für Puristen. „Das Beste aus beiden Welten“ ist das einhellige Werbemotto. Was sich auch so übersetzen ließe: Jede Uhr ist ein mehr oder minder großer Kompromiss. So sind die Hybridmodelle oft unschön dicklich, all die Technik muss ja untergebracht werden. Schaut man genau hin, sieht man, dass die klassischen Zeiger zwar aus der Ferne viel hermachen. Aus der Nähe nehmen sie dem Display aber auch viel Platz weg. Und mitunter wird es unfreiwillig komisch: Einige Hybriduhren lassen sich so einstellen, dass das Ziffernblatt eine vom Träger zuvor festgelegte Uhrzeit anzeigt, wenn jemand Bestimmtes anruft. 5 vor 12? Ah, die Gattin.

Fans von mechanischen Uhrwerken fallen als Zielgruppe also aus, ebenso Technikfreaks. Die nutzen lieber eine reine Smartwatch mit allen Funktionen und lesen auch E-Mails am Handgelenk. Wer bleibt da noch?

Vermessung des eigenen Körpers

„Sehr viele“, sagt Jens Krauss vom Schweizer Forschungs- und Entwicklungszentrum CSEM. „Hybrid-Uhren werden recht bald Quarzuhren ersetzen, weil sie neben der Uhrzeit weitere Funktionen bieten, die elektro-mechanische Uhrwerke nicht ermöglichen.“ Aktuell sei vor allem die Vermessung des eigenen Körpers stark gefragt, Schrittzähler, Überwachung von Puls und Herzschlag oder Analyse des Schlafs. Doch auch die Bezahlung des Einkaufs an der Supermarktkasse sei mit Hybrid-Uhren zunehmend möglich – ohne die EC-Karte zu zücken. Beim Kauf solch eines Zwitters sollten Interessierte andere Kriterien anlegen als bei der Auswahl einer klassischen Armbanduhr, empfiehlt Philipp Man. Der Gründer von Chronext, einer Shopping-Plattform für Luxusuhren, rät: „Die Entscheidung sollte wie bei anderen Gadgets oder einem Smartphone erfolgen. Ich würde darauf achten, dass die Hybrid-Uhr neu auf dem Markt und nicht älter als ein, zwei Jahre ist, weil die Technologie recht schnell veraltet.“ Auch die Batterielaufzeit sei ein wichtiger Faktor. Und da die digitalen Uhren oftmals in Verbindung mit dem eigenen Smartphone funktionieren, muss das Betriebssystem kompatibel sein. Wer zum Beispiel ein iPhone nutzt, sollte darauf achten, dass die Uhr auch iOS unterstützt. Preislich liegen Hybride oft im unteren bis mittleren dreistelligen Bereich, was im Uhrenmarkt als Segment für Einsteiger gilt.

Neben der Tag Heuer Connect, der die Experten trotz ihrer Klobigkeit gute Noten geben, stechen zurzeit zwei Modelle kleinerer Marken hervor. Skagen punktet mit skandinavischem Design, das zurückhaltend und souverän ist – eine seltene Kombination. Und der französischen Marke Withings ist die Verbindung von Alt und Neu so gut gelungen, dass sie in der Hoffnung auf neues Leben gleich von einem Geist aus der Vergangenheit aufgekauft wurde: Nokia.

 


Ein Artikel aus der impulse-Ausgabe 07/2017

Sie können die Ausgabe als Einzelheft oder als ePaper kaufen. Übrigens: Mitglieder im impulse-Netzwerk erhalten die neueste Ausgabe nach Hause geliefert. Und über die impulse-App für iOS- und Android-Geräte können Sie die neuen Ausgaben bequem auf Tablet oder Smartphone lesen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...