Leben Auch das Festland greift zum Namensgeber Sylt

Strandkörbe auf der Insel Sylt.

Strandkörbe auf der Insel Sylt.© DeVIce - Fotolia.com

Sylt, die Insel der Reichen und Schönen, findet sich immer öfter auch in Supermarktregalen fern der Küste. Als Namensgeber soll das Eiland neuen Lebensmitteln das gewisse Etwas einhauchen.

Sylt, die wohl bekannteste Insel Deutschlands, sorgt neuerdings für erstaunliche Karrieren. Waren früher allenfalls die einstige Bretterbude Sansibar – heute Kult-Restaurant samt Handel – oder das Fischimperium Gosch über die Grenzen des Eilands hinaus bekannt, schmückt sich inzwischen eine ganze Produktpalette mit dem Namen der Insel. Sylt als Teil der Bezeichnung findet sich von Wodka über Dosenbrot bis hin zu Salatsoße. Oft haben sie mit der Insel eher wenig zu tun. Mal stammt das Rezept von dort, mal wird die Spirituose mit Kieseln vom Sylter Strand filtriert – und nicht selten soll der klingende Name einfach Kunden locken.

„Dieser Marketing-Trick ist ja nicht neu“, sagt Gudrun Köster von der Kieler Verbraucherzentrale. „Die verkaufen Emotionen und Bilder, die im Kopf entstehen.“ Rechtlich gebe es meist keine Handhabe gegen Ortsbezeichnungen in Produktnamen. Regionale Besonderheiten sind eine Ausnahme. Doch laut Inselmarketing arbeiten nur rund ein Dutzend Lebensmittelproduzenten wirklich auf dem Eiland.

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Sylter Salatsoße und Wodka riefen die Verbraucherschützer bereits auf den Plan. Auch Foodwatch sieht einen Etikettenschwindel. „Mit regionaler Herkunft darf nur dann geworben werden, wenn dies durch die tatsächliche Herkunft der Zutaten gedeckt ist“, fordert Sprecher Martin Rücker. Der Ursprung aller Hauptzutaten müsse klar werden.

Trend zur Regionalisierung

Die Verantwortlichen vom Inselmarketing sagen: „Besser ist es natürlich, das Produkt ‚Sylter Art‘ zu nennen, um Missverständnisse direkt auszuschließen.“ Ärgerlich seien Fälle einer „offensichtlichen Täuschung, wo alles daran gesetzt wird, dass das Produkt so gestaltet und vermarktet wird, als ob es auf Sylt hergestellt wird oder die Rohstoffe von der Insel kommen“. Die Salatsoße sei dafür ein Beispiel.

Für Wissenschaftler hängt der Trend zur Regionalisierung auch an der Sehnsucht nach Verwurzelung in einer globalisierten Welt. „In der Tat ist es ein weit verbreitetes Phänomen, Produkten eine „Heimat“ zu geben“, sagt Monika Kritzmöller. Sie lehrt Soziologie an der Universität St. Gallen und forscht zum Thema. Meist hätten Produkte aber gar keine Heimat mehr, vor allem in Zeiten globaler Produktion.

Hersteller: Sylt-Salatsoße steht für „Sylter Lebensstil“

Kritzmöller attestiert der Masse der Kunden ein widersprüchliches Verhalten: „Der Konsument weiß um den werblich erzeugten Schein und gibt sich zugleich der ihm aufgespannten Gegenwelt mehr oder minder bewusst hin.“ Die Ursache sei recht einfach: Da heute im Einzelhandel ein unübersichtlicher Überfluss das Bild präge, suchten die Kunden Orientierung. Das öffne dem „Illusionstheater“ der Werbung zwar die Tür – sei aber eben auch gewollte Navigationshilfe.

Ob nun Bio, Schnäppchenmentalität, Wellness, Fitness oder fairer Handel – der Griff ins Regal spiegele Lebensstile. Und deswegen passt auch Sylt ins Bild. Die Firma hinter der Salatsoße argumentiert, der Name sei nicht irreführend. „Er weist emotional und fantasievoll auf den Produktcharakter, die nordische Eigenart und Geschmacksrichtung des Produktes und auf den Sylter Lebensstil hin.“

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