Leben Ausgekochtes Theater

Selbstmord vor laufender Kamera! Ich bin mir sicher, diese kranke Idee hatten schon viele TV-Produzenten auf ihrem Wunschzettel - und ließen sie nur aus Angst vor dem empörten Aufschrei der Öffentlichkeit fallen. Der flämische Theatermacher Jan Lauwers bringt dieses menschenverachtende Unterhaltungskonzept nun auf die Bühne.

Nein – keine Angst: Natürlich muss sich dort niemand umbringen. Das international bekannte Ensemble „Needcompany“ präsentiert lediglich ein Theaterstück zu diesem Thema. Premiere für „Die Kunst der Unterhaltung“ ist am 5. März am Wiener Akademietheater.

Jan Lauwers – das ist bei ihm und seiner Truppe Programm – geht es selbstverständlich nicht nur um die dürre Darstellung von Fakten: Hier wird getanzt, geschrien, gepoltert und gestritten bis die Fetzen fliegen. Und was bietet sich mehr an für einen gepflegten TV-Selbstmord? Richtig geraten: eine Kochshow! Dieses Genre verpestet weltweit die gesamte Bildschirmlandschaft und ist somit der perfekte Hintergrund für Verzweiflungstaten jeglicher Art: Wer hätte noch nicht an Selbstentleibung gedacht, wenn er beim Zappen der Reihe nach in die Gesichter oder Kochtöpfe von Johann Lafer, Tim Mälzer und Jamie Oliver schauen musste. Lauwers hat einen alternden Schauspieler in den Mittelpunkt seines Stücks gestellt: Ein bekannter französischer Starkoch soll dem bemitleidenswerten Mann das letzte Mahl zubereiten.

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Als mediales Sahnehäubchen wird die große Liebe des Suizid-Aspiranten eingeladen – mit der er (wie die Werbeabteilung des Senders publikumswirksam verlauten lässt) „mehr als 1000 Mal Sex hatte“. Ein abgehalfterter Arzt, dessen kranken Zynismen den Zuschauern zusätzliche Gruselschauer über den Rücken jagen sollen, treibt in diesem Stück ebenfalls sein Unwesen. Er hört passenderweise auf den Namen Dr. Joy.

Die Gastgeberin der Sendung, eine abgewrackte Kabarettistin darf in ihren Beiträgen immer wieder die Dekadenz des Abendlandes feiern. All das ist selbstverständlich nur die Vorbereitung für die Galavorstellung des Protagonisten. Der muss dann im Finale lautstark und barrierefrei über die Gründe seiner Verzweiflung schwadronieren und dann zur Tat schreiten.

Gespannt kann man bei dieser Premiere nicht nur auf die szenische Umsetzung sein – die funktioniert bei der Needcompanie fast immer. Knackpunkt ist der Zusammenhang. Frühere Produktionen wie „Isabellas Zimmer“, „Der Lobstershop“ und „Das Hirschhaus“ begeisterten das Publikum zwar aufgrund ihrer ausufernden Inszenierungsideen – die letzten Feinheiten haben aber nicht alle Zuschauer verstanden. Doch das sollte bei einem solchen Thema kein Problem sein. Und Selbstmorde von Zuschauern aus purer Langeweile sind bei den meist lautstarken und expressiven Inszenierungen der flämischen Avantgardetruppe sowieso nicht zu erwarten.

Mehr Informationen:
www.burgtheater.at
www.needcompany.org

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