Leben Bildstörung mit Gerhard Richter

Ob "Bomber" ihre tödliche Fracht abwerfen, "Onkel Rudi" stolz seinen Uniformmantel präsentiert oder junge Menschen gut gelaunt mit dem "Motorboot" durchs Wasser brausen: Auf Gerhard Richters Bildern mischen sich naive Bildsprache, politische Aussagen und Freude an widerborstiger Ästhetik zu beeindruckenden Kunstwerken.

Mit 80 Jahren ist der Mann noch lange kein alter Meister – aber mittlerweile Deutschlands wichtigster Künstler. Seine internationalen Erfolge brachten ihm einen Ruf ein, als sei er schon in die Klasse von Rembrandt und Da Vinci aufgestiegen. Jetzt eröffnen in Hamburg gleich zwei Ausstellungen mit seinen Bildern.

Werke des in Köln arbeitenden Vielfachtalents finden sich in allen großen Museen der Welt: vom New Yorker Museum of Modern Art über die Londoner Tate Galerie bis hin zum Pekinger National Art Museum. Bei Auktionen in den letzten zehn Jahren wurden für seine Arbeiten mehr als 150 Mio. Euro bezahlt. Alleine 10,5 Mio. Euro gab ein Sammler bei Sotheby’s für sein Bild „Kerze“ aus. Ein Preis, der beim Künstler selbst Kopfschütteln auslöst. Es bestehe „ein völliges Missverhältnis zwischen dem Wert und der Relevanz von Kunst und diesen wahnwitzigen Preisen“, glaubt er.

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Trotz dieser weltweiten Akzeptanz ist der in Dresden geborene Richter, dessen Karriere in der DDR mit großformatigen Wandbildern begann, für Kritiker kaum einzuordnen. Eines seiner Markenzeichen ist die Verfremdung von Fotos, die er aus Illustrierten ausschneidet. 1988 irritierte er die Welt mit seinem Zyklus „18. Oktober 1977“: Auf 15 Bildern präsentierte er die gerade ums Leben gekommenen RAF-Terroristen. 2006 entwarf der überzeugte Atheist für die Fassade des Kölner Doms ein 113 Quadratmeter großes Glasfenster.

Empfehlenswert ist der bei Hirmer erschienene Katalog zur Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunstforum. Er dokumentiert Richters einzigartige Kombination aus hohem Anspruch und Banalität nicht nur in Bildern. Da wird auch in Texten immer wieder der Kombination von ideellen Werten und naiven Reizen nachgespürt. Sogar der Hirsch im Wald und eine Klopapierrolle gehören zu Richters Motiven.

Trotz dieser populären Themen war er nie nah an modischen Trends wie Pop-Art, Fotorealismus oder Fluxus. „Andy Warhol“, sagte er einmal, verdanke er lediglich „die Anerkennung des Mechanischen im Abmalen von Fotografien“. Bei aller Klarheit der Aussagen, Richters wichtigstes Stilmittel war immer die Unschärfe – sogar von Fotos abgemalte Bilder stattete er damit aus. Diesem Aspekt widmet sich die, in der Hamburger Kunsthalle startende, zweite Ausstellung.

Bei Richters Kunst – so hat man oft das Gefühl – verberge sich unter der Oberfläche immer noch eine weitere Dimension, irgendetwas was sich den Blicken des Betrachters entzieht. Deshalb sind auch Kunstkritiker in ihrer Beurteilung manchmal ratlos: Einige sprachen sogar von „Bildstörung“.

Infos:
www.buceriuskunstforum.de und www.hamburger-kunsthalle.de

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