Leben Brotlose Kunst: Verein kämpft gegen Lohndumping an Bühnen

Das Logo des Anfang September gegründete Vereins "art but fair"

Das Logo des Anfang September gegründete Vereins "art but fair"© art but fair e.V.

Die Gagen für Schauspieler und Musiker vor allem in der freien Szene sind oft haarsträubend niedrig. Die Initiative "art but fair" kämpft gegen Dumpinglöhne - und will ein Gütesiegel für faire Theater entwickeln.

Schauspielkunst ist hierzulande häufig buchstäblich brotlos: Da zahlt ein Privattheater 80 Euro für eine Vorstellung, und für die Proben nichts. Mit 150 Euro Abendgage kann ein Gastsolist an einem kleinen Stadttheater rechnen und 1500 Euro brutto für sieben Wochen Proben. Das monatliche Durchschnittsgehalt eines Ensemble-Schauspielers an einem öffentlichen Theater liegt bei 2580 Euro, an einem freien Theater sind es oft nur 600 bis 700 Euro.

Solch erschreckende Beispiel-Zahlen nennen der Deutsche Bühnenverein und die Bühnengenossenschaft. In der freien Szene sieht es noch düsterer aus. Längst ist von einem Bühnenprekariat die Rede. Doch die Künstler nehmen Dumpinggagen nicht mehr einfach so hin. Bis in die großen Opernhäuser erregt der Anfang September gegründete Verein „art but fair“ Aufsehen, der für gerechte Löhne im Bühnenbetrieb kämpft. Sogar der mächtige Deutsche Bühnenverein nimmt die Initiative ernst und begrüßt sie.

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Bekannte Opernsänger wie Edita Gruberova und die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman haben sich „art but fair“ angeschlossen. Opernstar Kulman griff öffentlich die renommierten Salzburger Festspiele an, weil sie die bis zu sieben Wochen dauernde Probenarbeit der Künstler nicht mehr bezahlen wollten.

Verein will freiwillige Selbstverpflichtungen der Theater erreichen

Unter Führung des Hagener Musical-Produzenten Johannes Maria Schatz will der Verein freiwillige Selbstverpflichtungen der Theater und Musikbetriebe erreichen und das mit einem Gütesiegel belohnen. Am Anfang stand die Facebook-Seite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“. Chansonniers, Solosänger, Cellisten, Intendanten und auch Theaterpädagogen stellten dort unmoralische Angebote vom Stadttheater bis zu Festspielen ein. „Offensichtlich war es Zeit, dass wir das Tabuthema Gage aus der Grauzone herausgezogen haben“, sagt Schatz.

Da sucht ein privates Theater in Koblenz Schauspieler aus Griechenland, Italien oder Osteuropa für 20 Euro pro Vorstellung und einer Probenpauschale von 50 Euro. „Sie sollten viel Spaß an der Arbeit haben“ steht in der Anzeige.

Aber auch prominente Schauspieler geraten ins Visier von „art but fair“. Zum Beispiel der Filmstar und Regisseur Matthias Schweighöfer, der für seinen Film „Vaterfreuden“ einen Song Contest ausschrieb. „Art but fair“ las das Kleingedruckte und forderte Schweighöfer auf, den Nicht-Gewinnern die Nutzungsrechte an ihren eingesandten Songs zu überlassen. Schweighöfer ging umgehend auf die Vorwürfe ein.

„Goldene Regeln“ für faire Beschäftigungen

Die Initiative hat „Goldene Regeln“ für faire Beschäftigungen entwickelt. Es geht nicht nur um faires Geld auch für Proben, sondern auch um einen höflichen Umgang und Solidarität untereinander. Fördergelder für Theater solle es zudem nur geben, wenn auch angemessene Gagen gezahlt werden, fordert „art but fair“.

Um das Überangebot an Künstlern abzubauen, sollten Hochschulen nur Bewerber aufnehmen, „die reelle Chancen auf dem Arbeitsmarkt aufweisen können“. Die Forderungen gehen noch viel weiter. „Kunst muss als Staatsziel ins Grundgesetz, damit sie dem Kommerzialisierungsdruck entzogen wird“, sagt Schatz.

Einen einheitlichen flächendeckenden Mindestlohn im Bühnenbetrieb hält Schatz nicht für sinnvoll, weil dann immer nur eine Bezahlung am unteren Ende drohe. Derzeit liegt die tarifliche Mindestgage für Schauspieler an Theatern bei 1650 Euro im Monat brutto. Er will bis Ende des Jahres einen Kalkulator für Richtgagen auf die Webseite von „art but fair“ stellen, der auch Standort und Berufsjahre der Künstler einbezieht. „Man kann in Wien oder Hamburg nicht das gleiche zahlen wie in Sachsen-Anhalt.“

Viele Theater bauen unter Sparzwang feste Ensembles ab

Vor allem für freie Solokünstler müsse es Richtgagen geben, sagt Schatz. Denn immer mehr Theater bauen unter Sparzwang ihre festen Ensembles ab und setzen auf Gastverträge für wenige Auftritte. Die Zahl befristeter Verträge ist laut Bühnenverein-Statistik in den vergangenen 20 Jahren von 8000 auf heute über 23 000 gestiegen.

Auch die Künstler müssten ihr Verhalten ändern, sagt Schatz. Sie sollten Engagements zu Dumpinggagen ablehnen und immer schriftliche Verträge abschließen. Das Problem: Solisten sind anders als etwa Orchestermusiker gewerkschaftlich nur schwach organisiert. Der Direktor des Bühnenvereins, Rolf Bolwin, fordert daher Solo-Künstler auf, der Bühnengenossenschaft beizutreten. Zwar begrüßt der Bühnenverein als Arbeitgeberverband den Kampf für faire Gagen. Bolwin betont aber: „Der Weg zu dem, was „art but fair“ berechtigterweise fordert, geht über die Gewerkschaft.“

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