Leben Buchmessen-Ehrengast Brasilien: Neuerscheinungen in der Kurzkritik

Mehr als 100 literarische Neuerscheinungen von großer thematischer Bandbreite, dazu noch Reise- oder Fußballbücher: Fast alle Verlage haben in diesem Herbst mindestens ein Buch zum Buchmessen-Ehrengast Brasilien im Programm. Eine kommentierte Auswahl aus der Belletristik.

Klester Cavalcanti: Der Pistoleiro

Weil er keine Chancen auf einen anständigen Beruf hat, begeht Júlio Santana im Alter von 17 Jahren im Nordosten Brasiliens seinen ersten Auftragsmord. Im Laufe seines Lebens bringt er 500 Menschen um, darunter Gewerkschafter und Linke. Nach 35 Jahren schafft er den Absprung. Seine Kinder halten ihn bis heute für einen Polizisten. Eine unglaubliche, doch wahre Geschichte: Der Journalist Cavalcanti erzählt die Biografie Santanas schnörkellos – und doch packend zugleich.

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Transit Verlag Berlin, 168 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-88747-284-9
 

João Paulo Cuenca: Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall

Shunsuke, junger Angestellter einer untergehenden multinationalen Firma in Tokio, verliebt sich in einem Nachtclub in die polnisch-rumänische Kellnerin Iulana. Diese ist jedoch für die schöne Tänzerin Kazumi entflammt. Sie alle werden von einem alten Dichter heimlich überwacht – es ist Shunsukes eigener Vater. Cuenca, der in Japan lebte, macht mit dieser postmodernen Liebesgeschichte Haruki Murakami Konkurrenz!

A 1 Verlag München, 141 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-940666-31-4
 

Andreá del Fuego: Geschwister des Wassers

Eines Morgens schlägt der Blitz in das in den Bergen liegende Haus der Familie Malaquias ein. Die Eltern sterben, während die drei Kinder überleben. Der Ort der Geborgenheit und des Unglücks zieht die Geschwister später immer noch magisch an. Andreá del Fuego erzählt diese anrührende Geschichte in ihrem Erstlingsroman mit ruhigen Worten und klarer Sprache.

Hanser Verlag München, 208 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-446-24331-6
 

Daniel Galera: Flut

Ein junger Mann geht in einem kleinen Ort an Brasiliens Küste einem Familiengeheimnis nach. Dort hatte sein Großvater gelebt, bis er unter ungeklärten Umständen verschwand. Nicht nur eine neurologische Krankheit macht dem Ich-Erzähler bei seinen Nachforschungen dabei zu schaffen. Galera, 1979 geboren, hat einen fesselnden und sprachlich herausragenden Roman über die Suche nach Herkunft und Identität geschrieben.

Suhrkamp Verlag Berlin, 425 Seiten, 22,95 Euro, ISBN: 978-3-518-42409-4
 

Luis S. Krausz: Verbannung

Krauz, 1961 geboren, stammt aus einer österreichisch-jüdischen Exilanten-Familie in São Paulo. In seinem Roman thematisiert er das permanente Gefühl der Entfremdung, das zur Idealisierung der verlorenen Heimat und zugleich in Einsamkeit und Isolation führt. Die Suche nach einer Identität in der Fremde setzt sich auch in der zweiten und dritten Generation fort. Hinzukommt, dass unter den Nachbarn viele ehemalige Nazis wie Josef Mengele sind, die kurz nach Kriegsende nach Südamerika geflüchtet sind.

Verlag Hentrich & Hentrich Berlin, 168 Seiten, 14,90 Euro, ISBN: 978-3-942271-81-3
 

Michel Laub: Tagebuch eines Sturzes

Der Großvater hat Auschwitz überlebt und ist nach Brasilien ausgewandert. Über seine traumatischen Erlebnisse hat er nie gesprochen. Er nimmt sich das Leben, als sein Sohn gerade 14 Jahre alt ist. Der Enkel – Michel Laub – hat aus dieser Geschichte einen Roman gemacht und stellt sich einem schlimmen Erlebnis aus der eigenen Vergangenheit: Er war beteiligt, als ein sozial benachteiligter Mitschüler in die Luft geworfen und nicht mehr aufgefangen wurde.

Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 176 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-608-93972-9
 

Paulo Lins: Seit der Samba Samba ist

Mit seinem Buch über die Gewalt in der „Stadt Gottes“, einem Slum in Rio, hat Paulo Lins 1997 einen internationalen Bestseller gelandet. In seinem neuen Buch geht Lins der Geschichte der Samba nach, der als Musik der Schwarzen im Rotlicht- und Hafenviertel von Rio geboren wurde. Im Mittelpunkt des Buches steht die Beziehung des Zuhälters Brancura zur Prostituierten Valdirene.

Verlag Droemer Knaur, München, 352 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-426-19968-8
 

Clarice Lispector: Nahe dem wilden Herzen

„Nahe dem wilden Herzen“ hieß das Debüt der avantgardistischen Autorin Clarice Lispector, das 1943 in Rio zur literarischen Sensation wurde. Ein Roman von großer radikaler Subjektivität über die Gefühlswelt ihrer Heldin Joana. Das Buch hat an Sprachgewalt nichts eingebüßt – Weltliteratur! Zur Buchmesse erscheinen auch andere Werke Lispectors, die mit der von ihr verehrten Virginia Woolf verglichen wird, in neuer Bearbeitung.

Schöffling Verlag Frankfurt/Main, 272 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-89561-620-4
 

Patrícia Melo: Leichendieb

Ein Päckchen Kokain liegt neben der Leiche eines jungen Mannes. Der Finder beschließt, es zu verkaufen, und verstrickt sich damit in eine Welt aus Betrug und Erpressung. Patrícia Melo, die Großmeisterin des brasilianischen Thrillers mit Wohnsitz in der Schweiz, hat ein bitterböses Buch geschrieben, das zugleich hohen literarischen Ansprüchen genügt. Zu Recht lange auf Platz eins auf der Krimi-Bestenliste der „Zeit“!

Verlag Klett-Cotta Stuttgart, 208 Seiten, 18,95 Euro, ISBN: 978-3-608-50118-6
 

João Ubaldo Ribeiro: Brasilien, Brasilien

Auf einer tropischen Insel nahe der alten Hauptstadt Salvador de Bahia prallen über drei Jahrhunderte hinweg alle Gegensätze des Riesenkontinents aufeinander: Buschindianer, europäische Abenteurer, schwarze Walfänger, Zuckerrohrbarone, Sklaven, Kirchenheilige, die mächtigen Götter Afrikas. João Ubaldo Ribeiros Klassiker ist ganz großes Erzählkino – eine Liebesgeschichte darf nicht fehlen. Zur Buchmesse als Taschenbuch neu aufgelegt!

Suhrkamp Verlag Berlin, 730 Seiten, 16,99 Euro, ISBN: 978-3-518-46447-2
 

Luiz Ruffato: Es waren viele Pferde/Mama, es geht mir gut

Ein 20-Millionen-Moloch in 69 Episoden: Luiz Ruffato hat in „Es waren viele Pferde“ ein literarisch virtuoses Buch über das schwierige Leben in São Paulo geschrieben. Er verleiht den armen Leuten eine Stimme. In „Mama, es geht mir gut“ setzt er seine Linie konsequent fort. Es ist der erste Teil seines fünfbändigen Romanprojekts über die Geschichte der Arbeiterklasse.

Verlag Assoziation A Berlin/Hamburg, 160 Seiten, ISBN 978-3-86241-420-8, 18 Euro; Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg, 160 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3-86241-421-5
 

Luiz Ruffato (Hg.): Der schwarze Sohn Gottes. 16 Fußballgeschichten aus Brasilien

Pelé, Zico oder Ronaldinho: Das sind Namen von Fußballern, die jeder Brasilianer kennt. Aber nicht nur die Großen schreiben Fußball-Geschichte. In der Anthologie geht es etwa um den gescheiterten Drittligaspieler, der seine Erfüllung als Schlachthofarbeiter findet. Oder um geheime Mauerdurchbrüche im Maracanã-Stadion.

Verlag Assoziation A Berlin/Hamburg, 184 Seiten, 16 Euro, ISBN: 978-3-86241-428-4
 

Carola Saavedra: Landschaft mit Dromedar

Erika hat sich auf einer Insel verschanzt. Jeden Tag spricht sie ihre Gedanken auf ein Tonbandgerät, die sie an Alex richtet, mit dem sie seit Jahren vertraut ist. Dabei geht es vor allem um die tote Karen, die beiden nahestand. Ein raffiniertes Vexierspiel um ein Dreiecksverhältnis! Die 1975 in Chile geborene Brasilianerin Carola Saavedra hat in Deutschland studiert.

C.H. Beck Verlag München, 175 Seiten, 17,95 Euro, ISBN: 978-3-406-64709-3
 

Paulo Scott: Unwirkliche Bewohner

Als der Jurastudent Paulo in seinem VW-Käfer die 14-jährige Anhalterin Maína mitnimmt, verändert sich das Leben der beiden. Das Mädchen aus dem Indianercamp und der politisch engagierte Sohn aus gutem Hause kommen sich schnell näher – und doch nie wirklich nahe. Erst Donato, ihrem gemeinsamen Kind, gelingt es, das Unvereinbare zusammenzubringen. Paulo Scott thematisiert in seinem Roman das schwierige Zusammenleben der „Weißen“ mit den Ureinwohnern Brasiliens.

Wagenbach Verlag Berlin, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-8031-3250-5
 

Stefan Zweig: Brasilien. Ein Land der Zukunft

Kein anderes Land hat den Kosmopoliten Stefan Zweig mehr begeistert als Brasilien. Mitten im Zweiten Weltkrieg bereiste der jüdische Schriftsteller das Land und war fasziniert von dessen natürlicher Schönheit und der Toleranz und Offenheit seiner Menschen. Sein Reisebericht ist immer noch sehr lesenswert.

Insel Verlag Berlin, 312 Seiten, 10,00 Euro, ISBN: 978-3-458-35908-1

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