Leben Chapeau! Die Wiedergeburt der Hüte

Für Individualisten: Handgefertigte Kopfbedeckungen

Für Individualisten: Handgefertigte Kopfbedeckungen© Dennis Williamson

Ob klassischer Bogart, eleganter Zylinder oder feminine Glocke: In den 1920er-Jahren waren Hüte ein Statussymbol. Das Auto verdrängte diese Mode. Jetzt kommen die individuellen Kopfbedeckungen wieder zurück - und mit ihnen die Hutmacher.

Sie muss den Filzlappen zur Strecke bringen. Anja Kaninck steht in ihrem Atelier und nimmt dem Hutrohling seinen letzten Lebenswillen. Sie schießt auf ihn mit Wasserdampf, zwingt ihn auf die Streckbank, die sie Hutweiter nennt, klemmt ihn ein und walzt ihn platt. Kaninck gewinnt den Kampf, das Stück Stoff gibt auf. Plötzlich wird sie fast liebevoll: Sie streichelt und striegelt den Hut, legt ihm ein Seidenband um und zupft zärtlich an seiner Krempe.

Das Ringen mit den Rohlingen gehört zu Kanincks Beruf. Die 39-Jährige ist Modistin und stellt Hüte und Mützen her, im Unterschied zum Hutmacher überwiegend für Damen. In ihrem Hamburger Atelier sind sie wie Trophäen ausgestellt: ein eleganter Charleston-Hut im 20er-Jahre-Stil, verziert mit perlenbesticktem Netz und einer weißen Feder, daneben ein schlichter schwarzer Bogart mit Lederband. Sie alle waren einst gleichförmige Rohlinge, Filzstumpen, die aussahen wie ein Käppchen. Kaninck haucht ihnen Leben ein. Jeder Hut bekommt seinen eigenen Charakter. Das fasziniert die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt so an ihrem Beruf. Die Ausbildung zur Modistin absolvierte Kaninck direkt nach der Schule, mit 22 war sie Deutschlands jüngste Modistin mit Meistertitel.

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Die Modistin Anja Kaninck stellt in ihrem Atelier in Hamburg vor allem Damenhüte her

Die Modistin Anja Kaninck stellt in ihrem Atelier in Hamburg vor allem Damenhüte her. © Dennis Williamson© Dennis Williamson

„Hutträger sind Individualisten“, sagt sie. „Sie brauchen eine gewisse Portion Selbstwertgefühl und Mut.“ Wer heutzutage einen Hut auf dem Kopf trägt, sticht aus der Masse heraus. So wie Johnny Depp oder Udo Lindenberg – Künstler, die es gewohnt sind, im Mittelpunkt zu stehen. Manchem Unternehmer sind Hüte deshalb zu ex­travagant. Doch es gibt sie, die Chefs mit Kopfbedeckung: Der ­Kanadier Peter Munk etwa, Chef des Goldförderunternehmens Barrick Gold, hat elegante Hüte zu seinem Markenzeichen gemacht.

Ausdruck von Individualität

Auch Hans Reitz ist Hutträger mit Unternehmergeist. Der 47-Jährige gründete unter anderem eine Café-Kette, eine Beratungsfirma für Social Business und ist Chef der Kommunikations- und Eventagentur Circ. Er tritt häufig auf, um über seine Ideen zu sprechen – und trägt dabei meist ein sportliches Cap oder einen Hut.

15 Modelle hat Reitz im Schrank, eine Mischung aus teuren Designerstücken und Schnäppchen vom Flohmarkt. Der Hut ist für ihn ein Ausdruck von Individualität, der Männern sonst vorenthalten bleibt. „Damen haben viel mehr Möglichkeiten, sich über Mode auszudrücken“, sagt Reitz. „Wir sind in dieser Hinsicht schon sehr stark reglementiert.“ Sein Lieblingsmodell ist ein wandelbarer Schlapphut des japanischen Designers Yohji Yamamoto. Der Unternehmer entscheidet jeden Tag neu, ob er einen Hut tragen will. „Manchmal fühle ich mich mit Hut einfach wohler und ausgewogener. Mehr bei mir.“

„An einem Bad Hair Day ist ein Hut Gold wert“

Ein weiterer Vorteil des Hutes: Man kann ihn vor anderen ziehen. „Wenn ich Menschen treffe, die etwas Besonderes geleistet haben, möchte ich ihnen meinen Respekt zollen. In solchen Momenten den Hut zu ziehen und ‚Chapeau, Madame!‘ sagen zu können, das hat schon einen gewissen Charme“, sagt Reitz. Und einen praktischen Aspekt gebe es natürlich auch: „An einem Bad Hair Day ist ein Hut Gold wert“, sagt der Mann, der sein lockiges Haar etwas länger trägt. Das hat zur Folge, dass er seine Kopfbedeckung ungern wieder absetzt, wenn die Mähne erst mal versteckt ist. „Das sieht sonst furchtbar aus.“ Um zu grüßen und Respekt zu bekunden, lüpft Reitz seinen Kopfschmuck zwar kurz. Ansonsten gilt: „Wenn ich ihn einmal aufhab, bleibt er auf.“ Auch im Restaurant, wo das Huttragen laut Knigge eigentlich streng verboten ist. „Da guckt der eine oder andere schon, wenn ich meinen Hut nicht absetze. Aber das ist mir egal.“

Noch vor einigen Jahrzehnten wäre so ein Verhalten undenkbar gewesen. Den Hut in geschlossenen Räumen oder in Gegenwart einer Dame nicht abzunehmen war damals ähnlich rüpelhaft, wie jemandem direkt ins Gesicht zu niesen. Doch nicht nur die Benimmregeln rund um das Modeaccessoire haben an Bedeutung verloren, sondern auch der Hut selbst. In den 1920er-Jahren ging kein Mann unbehütet aus dem Haus, es sei denn, er wollte auffallen. Für Unternehmer war Huttragen damals Pflicht: Melone, Zylinder und Homburg galten als Statussymbole, ohne die sich der Herr von Welt unangemessen gekleidet vorkam.

Das Auto kam, der Hut verschwand

Mit der Verbreitung des Autos begann der Fall des Hutes: Er störte schlichtweg beim Fahren – und männliche Attribute ließen sich über die Anzahl der Pferdestärken besser vermitteln als über die Krempenbreite. Fortan ging es mit der Hutindustrie rasant bergab. „Ihren Tiefpunkt erreichte sie Ende der 80er-Jahre“, sagt Andreas Voigtländer, Vorsitzender der Gemeinschaft Deutscher Hutfachgeschäfte und Inhaber eines Hutladens in Wiesbaden. „Damals war die Generation der 68er erwachsen, die weg wollte von allem Konformismus und hin zu legerer Mode.“

Voigtländer ist überzeugt, dass der Hut nun zurückkommt, vor allem bei Jüngeren. „Früher waren unsere Kunden um die 50, heute kommen immer mehr 20- bis 30-Jährige zu uns.“ Sie kaufen das, was sie auf Promi-Häuptern sehen: die Schiebermütze von Sänger Xavier Naidoo oder einen Trilby, wie ihn der Musiker Roger Cicero bei Konzerten trägt. „Für den klassischen Unternehmer sind solche Hüte natürlich nichts“, sagt Voigtländer. Da sei ein etwas breiterer Hut im Bogart-Stil passender. „Aber was ist schon ein typischer Unternehmer? Heute sitzen ja auch Querdenker und junge Quereinsteiger in den Führungsetagen.“

Welchen Hintergrund ihre Kunden haben, weiß Modistin Anja Kaninck meist gar nicht. „Ich treffe sie zwar öfter zu den Anproben, wir reden aber fast nie über Berufliches.“ Da gehe es eher um den nächsten Urlaub oder ein Pferde-Derby – 150 bis 450 Euro kostet so ein handgemachter Kopfputz. Das leisten sich eher wohlhabende Frauen. Auch zu Hochzeiten und Taufen werden Hüte gern getragen. Kaninck sagt: „Eine Dame ohne Hut ist wie ein Bier ohne Schaumkrone.“ Am intensivsten werde bei den Anproben aber über das „Gemeinschafts­projekt“ gesprochen, wie die Modistin es nennt, denn ihre Hüte erarbeite sie nicht allein, sondern zusammen mit den Kunden.

 

Worauf Sie bei Form und Modell achten sollten:Drücken und strecken
Wer groß und kräftig ist, sollte eine eher breite Hutform wählen. Kleine, zierliche Menschen dagegen werden von einem zu großen Hut optisch erdrückt. Der Rand kann ausgleichen: Ein nach unten abfallender drückt, ein vorn aufgeschlagener streckt.

Gesichtskontrolle
Trägern mit rundem Gesicht stehen kantige, zylindrische Formen. Für kantige Gesichtszüge empfehlen sich dagegen eher weichere, rundere Hüte.

Stilfrage
Farben und Materialien des Hutes sollten sich idealer­weise in der Kleidung wiederfinden.

Richtig aufgesetzt
Herren sollten den Hut bis maximal an die Ohren aufsetzen, Damen dürfen ihn auch über die Ohren ziehen.

cover-oktober-abbinderDer Beitrag stammt aus dem impulse-Magazin 11/2013

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