Leben Das Glück liegt in der Ferne – Junge Portugiesen wandern in Ex-Kolonien aus

Die Skyline der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro.

Die Skyline der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro.© sfmthd - Fotolia.com

Jugendliche in Portugal haben derzeit keine gute Perspektive, viele haben keinen Job. Ein Grund für junge und gutausgebildete Portugiesen, in die Ferne aufzubrechen - zum Beispiel nach Brasilien.

Wenn Helena in Brasilien ist, wird sie besonders den „bacalhau“ vermissen. Stockfisch ist in ganz Portugal eine Spezialität, sie schwärmt vom Rezept ihrer Mutter: Stockfisch im Ofen überbacken. Die 29-Jährige will weg aus Portugal und in die brasilianische Stadt São Paulo auswandern – etwa 8000 Kilometer von ihrer Heimatstadt Porto entfernt. Helena Alves hofft, in Südamerika die berufliche Chance zu finden, die das krisengebeutelte Portugal ihr nicht bieten kann. „Wenn es eine gute Gelegenheit für mich gäbe, hier zu arbeiten, würde ich vielleicht bleiben. Aber so wie es dem Land im Moment geht, ist das unmöglich“, sagt die junge Journalistin. So wie Helena geht es vielen jungen Menschen in Portugal.

Jung sein heißt in dem Land derzeit auch, mobil zu sein und im Ausland sein Glück zu versuchen. Etwa 52.000 Portugiesen haben nach Angaben der Nationalen Statistikbehörde im vergangenen Jahr das Land verlassen. Mehr als die Hälfte davon sind junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren. Portugal steckt seit zweieinhalb Jahren in der Rezession. Im zweiten Quartal dieses Jahres wuchs die Wirtschaft zwar den Angaben zufolge um 1,1 Prozent, das lässt hoffen. Aber noch immer wird für das laufende Jahr mit einer schrumpfenden Wirtschaft gerechnet.

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Arbeit zu finden ist schwierig für junge Portugiesen. Etwa 37 Prozent der Menschen zwischen 15 und 24 Jahren waren im August laut der Statistikbehörde arbeitslos, von den 25- bis 34-Jährigen war rund jeder fünfte ohne Job. Die Arbeitslosenquote in der Gesamtbevölkerung lag demnach bei 16,5 Prozent.

Rund ein Drittel der Auswanderer zieht in ein außereuropäisches Land

Die Auswanderer zieht es vermehrt in ferne Länder: 2012 verlegte rund ein Drittel von ihnen den Wohnsitz in ein außereuropäisches Land. Beliebt sind portugiesischsprachige Ziele. Portugal unterhält wegen seiner Kolonialvergangenheit Kontakte in die ganze Welt: Nicht nur in Brasilien, sondern auch in Afrika wird Portugiesisch gesprochen, in Angola und Mosambik beispielsweise. Aber auch weiter östlich, in Macau und Timor Leste in Asien.

Helena sitzt in einem ihrer Lieblingscafés in ihrer Heimatstadt Porto, im Norden Portugals. Hier hat sie ihren ersten Uniabschluss gemacht, außerdem in London studiert und als Praktikantin bei internationalen Medien gearbeitet. Erst vor wenigen Tagen ist sie aus São Paulo zurück gekommen, endlich mit einem Jobangebot in der Tasche. Fünf Monate hatte sie dort nach einer festen Stelle gesucht, nebenher ein wenig frei gearbeitet.

Nun wird sie bald wieder ihre Koffer packen und aufbrechen, dieses Mal für länger. Derzeit warte sie auf ein Arbeitsvisum, sie wird für eine gemeinnützige Organisation Pressearbeit machen. „Natürlich ist es schwer, wegzugehen. Und Brasilien ist nicht das Paradies, wie viele denken. Das Leben dort ist teuer.“

Kein Job – trotz Studienabschluss an Elite-Uni

Wie Helena wartet auch João São Miguel Marques auf den Abflug. Der 30 Jahre alte Elektroingenieur hat an der renommierten Universität von Coimbra studiert. Trotzdem hatte er Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Dann arbeitete er von Mai bis September mithilfe eines staatlichen Praktikumprogramms in Mosambiks Hauptstadt Maputo.

„Am Anfang wollte ich nicht nach Mosambik. Meine Freunde mussten mich überzeugen“, sagt der Portugiese und lacht. „Hinterher habe ich es geliebt.“ João hat in Mosambik zwei Angebote. Sein Lohn werde etwa doppelt so hoch sein wie in Portugal. Obwohl João von Afrika begeistert ist, sagt er: „Ich hätte schon gerne eine Wahl, ob ich gehen oder bleiben will.“

Die seit dem Beginn der Finanzkrise anhaltend starke Emigration ist nach Meinung von Experten ein großes Problem für das wirtschaftlich angeschlagene Portugal. 2012 wanderten laut der Statistikbehörde sogar noch mehr Menschen aus als im Rekordjahr 2011. Die Zahl ist um 8000 Menschen gestiegen.

Insbesondere gutqualifizierte Menschen gehen

„Die demografische Lage ist äußerst besorgniserregend“, sagt Soziologe João Peixoto. Er arbeitet am Institut für Wirtschaft und Management der Technischen Universität in Lissabon. Peixoto beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Migration der Portugiesen. „Für ein so kleines Land wie Portugal haben wir eine enorm hohe Auswanderung. Und das größte Problem ist nicht die Menge, sondern, dass die gutqualifizierten Menschen weggehen.“

Peixoto befürchtet, dass im Extremfall nur ältere und weniger gut ausgebildete Menschen in Portugal zurückbleiben und das Land in der Europäischen Union an den Rand gedrängt werden könnte. „Der sogenannte Brain drain, also der massive Verlust von Know-how, ist in Portugal keine Gefahr, sondern bereits Realität.“ Bisher fehlten die Anreize für Menschen wie João und Helena, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Selbst wenn sie das wollen.

„Ich liebe Portugal und will auf jeden Fall zurückkommen“, sagt Helena. Es mache ihr Sorgen, dass so viele junge Leute aus der Heimat weggingen. João möchte mit seiner Einschätzung lieber abwarten. „Ich will keine großen Pläne machen. Es ändert sich ja doch immer.“

1 Kommentar
  • Klein 25. Oktober 2013 00:17

    Wir benötigen Fachkräfte für IT Platform Linux
    Bio-Agrarwirtschaft
    Sozialdienst/Kinderbetreuung

    und würden gern auch aus Portugal Menschen, die sich flexibel und aktiv in diese Art
    von Tätigkeit einarbeiten können und sprachflexibel sind, dauerhaft be-
    schäftigen. Wie könnte ein Kontakt zustandekommen?

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