Leben Denkmal mit Rissen: Josef Ackermann geht in die Offensive

Er steuerte die Deutsche Bank durch die Finanzkrise und wurde zum Sprachrohr einer ganzen Branche. Zuletzt jedoch bekam das Denkmal Josef Ackermann Risse. Eine neue Biografie wirbt um Verständnis.

Josef Ackermann schätzt Klartext. Am Donnerstag sieht er sich zu klaren Worten gezwungen: Erstmals nach seinem überstürzten Rücktritt als Verwaltungsratspräsident des Versicherungskonzerns Zurich vor zwei Wochen äußert sich Ackermann zu Vorwürfen, er trage eine Mitschuld am Suizid von Zurich-Finanzchef Pierre Wauthier: „Dass ich in einem Brief des Verstorbenen verantwortlich oder mitverantwortlich gemacht wurde für seinen Suizid, muss ich mit aller Entschiedenheit zurückweisen.“ Die Anschuldigungen seien „in keiner Weise nachvollziehbar“. Seine seltenen Gespräche mit Wauthier seien immer fair verlaufen.

Verlesen muss Ackermann die Verteidigungsrede ausgerechnet an dem Tag, als sein langjähriger Sprecher Stefan Baron eine insgesamt sehr wohlwollende Biografie präsentiert: „Späte Reue. Josef Ackermann. Eine Nahaufnahme.“ (Erscheinungstag: 13.9.2013). Und an jenem Tag, an dem Ackermann bestätigt, dass er sich nach dem überraschenden Wechsel an der Spitze des größten deutschen Elektrokonzerns auch aus dem Siemens-Aufsichtsrat zurückzieht.

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Der ehemalige „Wirtschaftswoche“-Chefredakteur Baron zeichnet das Bild eines Bankmanagers, dem die Finanzkrise ab 2007 den „Werte-Kompass“ aus dem Elternhaus wieder ins Bewusstsein rückt und der Konsequenzen zieht: „Gewiss, Josef Ackermanns Reue kam erst, als der Schaden größtenteils bereits angerichtet war“, konstatiert der Autor. Doch: „Die Umkehr war ehrlich gemeint, auch wenn sie dem Schweizer die Möglichkeit bot, sein arg ramponiertes Ansehen aufzupolieren, also nicht allein auf uneigennützige Motive zurückging.“

Der politischste Chef der Deutschen Bank

Ackermann – so stellt es Baron dar – spannt die Fäden, national wie international: In den Marathonverhandlungen über die Rettung der Hypo Real Estate (HRE) im Herbst 2008 etwa habe ein Telefonat mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) buchstäblich in letzter Sekunde den Durchbruch gebracht. Am 7. Februar 2012, seinem 64. Geburtstag, habe Ackermann mit dem damaligen griechischen Ministerpräsidenten Lucas Papademos in Athen um Auswege aus der Staatsschuldenkrise gerungen.

„Von Kindesbeinen an ist er es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen, bewundert und umschwärmt zu sein“, schreibt der ehemalige Deutsche-Bank-Kommunikationschef (2007-2012) über seinen damaligen Chef. Die Finanzkrise habe Ackermann die Chance geboten, „seine ganze Substanz zu zeigen. Er nutzte sie.“

Der Mann, der privat unter anderem Fiat Cinquecento fährt, sich als leidenschaftlicher Tischfußballspieler bekannte und für den Notfall stets „genügend Toblerone-Schokolade in der Schublade“ seines Dienstschreibtisches hatte, sei „zum Doyen der globalen Finanzbranche aufgestiegen“ und „der politischste Bankchef geworden“, den die Deutsche Bank bislang gehabt habe, schwärmt Baron.

„Kein Zuckerschlecken, für Josef Ackermann zu arbeiten“

Doch es klingt auch Kritik an in Barons „subjektivem Erfahrungsbericht“: „Es ist kein Zuckerschlecken, für Josef Ackermann zu arbeiten. Wie an sich selbst stellt er auch an seine Umwelt höchste Anforderungen und gibt sich nur mit erstklassigen Ergebnissen zufrieden. Schon 1b ist ihm zu wenig.“ Und: „Josef Ackermann die Wahrheit zu sagen … ist zwar erwünscht, aber anstrengend.“

Zehn Jahre (2002-2012) habe Ackermann die Bank mit fast demselben Team geführt „und hinterlässt im Laufe der Zeit dabei so manche persönliche Verletzung“. Baron stellt fest: „Außenstehende erleben den intellektuell hochmütigen, den extrem fordernden, verschlossenen, abweisenden, ja kalten Josef Ackermann nur selten. Er weiß, dass ihm diese Seite bei anderen keine Sympathiepunkte einbringt.“

Ackermann macht aus solchen Charakterzügen keinen Hehl: Er hoffe, dass die Menschen ihn nach Lektüre des Buches besser kennen und verstehen, sagt der 65-Jährige bei der Buchvorstellung in Berlin. Das Buch beschreibe treffend seinen Führungsstil und zeige, „dass ich Probleme … damit habe, wenn um den Brei herumgeredet, die Dinge schöngefärbt und verharmlost werden, anstatt sie offen und ehrlich beim Namen zu nennen“. Der Top-Manager hofft zudem, dass die Leser „die Zwänge besser verstehen, denen Unternehmenschefs in einer globalen Wettbewerbsgesellschaft ausgesetzt sind“.

Einer von Ackermanns größten Fehlern

Dass Ackermann nicht rechtzeitig einen Nachfolger aufgebaut habe, sei „einer der größten Fehler, die dieser herausragende Unternehmensführer in seinem Berufsleben gemacht hat“, meint Baron. Das Ergebnis: Über Monate gab es ein unwürdiges Gezerre um die Macht in den Frankfurter Zwillingstürmen.

Insgesamt jedoch fällt Barons Urteil wohlwollend aus: Bedenke man wie turbulent die Zeiten waren, „zeugen eine Handvoll Ausrutscher, missverständlicher oder kontroverser Äußerungen während einer ganzen Dekade an der Spitze einer so wichtigen Institution wie der Deutschen Bank von großer Disziplin“.

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