Leben Der Kuss des Karpfens: Warum Kois bei Unternehmern so beliebt sind

Ein Koi ist so etwas wie ein Kunstwerk, bei dem schon der Name des Züchters einen Wert hat, sagt Zoohändler Matthias Pohl.

Ein Koi ist so etwas wie ein Kunstwerk, bei dem schon der Name des Züchters einen Wert hat, sagt Zoohändler Matthias Pohl.© Yvonne Seidel für impulse

Von wegen kalt wie ein Fisch: Japanische Zierkarpfen sind zärtliche Haustiere, die ihren Besitzern an den Füßen Knutschflecken verpassen. Unternehmer erzählen von ihrer großen, schuppigen Liebe.

Sein Liebling hat Probleme mit der Schwimmblase. „Gestern hat er sich am Boden abgelegt und alle Flossen angeklemmt“, beschreibt Thomas Deitlaff die Symptome. Der herbeigeeilte Fachmann nickt und schaut sorgenvoll in den verhangenen Hamburger Regenhimmel. „Bei dem Wetter kann das schon sein.“ Eine entzündete Schwimmblase gleiche einer Lungenentzündung. „Man kann sie mit Antibiotika behandeln, im schlimmsten Fall muss man punktieren, in der Tierklinik.“ Deitlaff schüttelt den Kopf: „Nein, zu viel Stress. Das will ich ihm nicht antun.“

Deitlaff ist „koi kichi“, wie die Japaner sagen, „Koi-verrückt“. Im Gartenteich des selbstständigen Architekten schwimmen 16 japanische Farbkarpfen. In ihrer Heimat sind die Fische ein Sinnbild für Zufriedenheit, Glück, Harmonie und ­Erfolg. Kois stehen zudem für die japa­nischen Grundtugenden: Gemeinsinn, Streben nach Perfektion, Friedfertigkeit. Kurz: So ein Schwarm bringt nur Gutes in den Vorgarten.

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Die rotweißen Kohaku sind die teuersten Kois. Jeder schwarze Punkt mindert den Wert.

Die rotweißen Kohaku sind die teuersten Kois. Jeder schwarze Punkt mindert den Wert.© Julia Werner für impulse

Auch im Westen gelten Kois inzwischen als Statussymbole, weil Fische und Haltung sehr teuer sein können. Vor allem aber, und das beteuern alle Koi-Verrückten, sind sie äußerst liebenswerte Haustiere. Die Karpfen sind anhänglich und furchtlos, lassen sich gern streicheln, fressen aus der Hand oder knibbeln mit ihren großen zahnlosen Mündern an Menschenhänden herum, bis es Knutschflecken gibt. Wer einmal seine Beine in einen Koi-Teich gehängt hat und sich von den Fischen die Füße küssen ließ, versteht, was Fans daran finden.

Deitlaff kam über seine Faszination für asiatisches Design zu den Kois. Der japanische Purismus habe in den 80er-Jahren jeden Architekturstudenten gepackt. Sein Haus in Hamburg-Poppenbüttel prägen gerade Linien, dunkler Holzboden, Bonsais. Der Teich sieht aus wie aus einem Zen-Garten. Eigentlich habe seine Frau Dominique nur zum Spaß vor einem Jahr ein paar Fische in das Becken gesetzt, erzählt der Architekt. Als sie nach einer Rückenoperation längere Zeit ruhen musste, merkte sie, was für eine heilsame Wirkung die Fische auf sie hatten. Sie zu beobachten beruhigte sie.

Poolparty mit Fischen

Auch für Matthias Pohl sind seine Kois „das beste Mittel zur Entschleunigung“. Nach einem anstrengenden Arbeitstag setzt sich der schwäbische Unternehmer an seinen Teich und füttert Fische. Nichts entspanne ihn mehr. „Im Winter hat mir das sehr gefehlt“, sagt er. Wenn es kalt ist, fahren die Fische ihren Kreislauf herunter und liegen reglos auf dem Grund.

Mit 14 Jahren hat Pohl für 1 Mark seinen ersten kleinen Koi in der Stuttgarter Wilhelma gekauft. Einige Jahre und ein Betriebswirtschaftsstudium später übernahm Pohl als geschäftsführender Gesellschafter die Stuttgarter Tierhandlung „Kölle Zoo“ und expandierte. Heute gibt es in Deutschland 13 Läden, die meistverkauften Tiere sind Fische. Allein mit Kois macht Pohl 3,5 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Die meisten japanischen Karpfen kosten zwischen 19,95 und 200 Euro. Ein Drittel stammt aus dem Premiumbereich, das sind Fische für 5000, 10 000 oder 20 000 Euro. Der teuerste Koi, den Pohl je verkauft hat, wechselte für 130 000 Euro den Besitzer.

Den Preis bestimmt die Schönheit. Und die wiederum macht sich vor allem an der Körperform fest. Von oben betrachtet, soll der Fisch ausgewogen sein, der Kopf darf nicht zu spitz zulaufen. Weibchen gelten in der Regel als hübscher. „Aus demselben Grund wie bei den Menschen: Sie haben Kurven“, sagt Pohl. Das Schuppenkleid muss möglichst makellos, Farbe und Muster müssen perfekt sein. Am teuersten sind die rotweißen Kohaku.

Für Unternehmer Matthias Pohl sind seine Koi "das beste Mittel zur Entschleunigung".

Für Unternehmer Matthias Pohl sind seine Koi „das beste Mittel zur Entschleunigung“.© Yvonne Seidel für impulse

Der Kunde bezahlt auch das Prestige des Züchters: „Ein Koi ist so etwas wie ein Kunstwerk, bei dem schon der Name des Züchters einen Wert hat“, erklärt Pohl. Sein Lieblingskoi ist ein hellblauer Jumbo, einen Meter lang und kräftig, aber mittlerweile fast wertlos. Mit dem Alter bekam er schwarze Punkte. So etwas ruiniert den Wert eines Kois. Die Liebe des Besitzers schmälern sie aber nicht.

Pohl steht am Rand des gigantischen Pools in seinem Garten. Wobei: Garten? Von dem ist eigentlich kaum noch etwas übrig. Direkt hinter Pohls Haus fängt das Wasser an. Am anderen Ende des Grundstücks rauscht ein kleiner Wasserfall, auf einer Insel in der Mitte des Teiches stehen Liegestühle.

Im Sommer geht der Unternehmer hier schwimmen. Wenn sein siebenjähriger Neffe zu Besuch kommt, setzt er sich mit Taucherflasche und einer Tüte Fischfutter auf den Boden des Teiches. Und als Pohl seinen 40. Geburtstag feierte, sprangen die Gäste vom Balkon seines Schlafzimmers im ersten Stock ins Wasser. Die Fische störe das nicht, sagt Pohl. 40 Kois und ein paar sibirische Störe ziehen hier ihre Runden. Gesamtwert: 300 000 Euro. Das sei vergleichsweise wenig, sagt Pohl. Einige Kunden hielten sich Koi-Schwärme für eine halbe Million und mehr.

Dabei sind die Fische oft gar nicht das teuerste am Hobby Koi. Vor allem Teichbau und Unterhalt gehen ins Geld. Kois brauchen Platz zum Schwimmen, über den Daumen rechnet man pro Kilogramm Fisch mit 100 Liter Wasser. Eine andere Faustregel besagt, pro Liter Teich müsse man mit 1 Euro Baukosten rechnen. Pohl meint, mit viel eigener Arbeit könnten Koi-Liebhaber einen Teich für 3000 Euro in ihren Garten graben. 10 000 Euro seien aber eher üblich. Sein eigener Teich hat 650 000 Euro gekostet.

Koi-Experte und Tierpfleger Rolof Kracht besucht 300 Kunden in Norddeutschland.

Koi-Experte und Tierpfleger Rolof Kracht besucht 300 Kunden in Norddeutschland.© Julia Werner für impulse

Mehrmals pro Jahr reist Pohl nach Japan, um für seine Zoohandlung einzukaufen. Die Wiege der Koi-Zucht liegt im Niigata-Gebirge. Von 1000 Fischbabys überstehen hier gerade mal 50 die strenge Auslese der Züchter. Ein Teil des Ausschusses kommt in den Zweitmarkt, das sind die Fische für 19,95 Euro. „Mit der Mentalität eines deutschen Geschäftsmannes kommt man in Japan nicht weit“, sagt Pohl. Über Preise werde nicht hart verhandelt, Vertrauen und langfristige Zusammenarbeit seien wichtiger. Die Atomkatastrophe von Fukushima hat die Branche und den deutschen Zoohändler getroffen: Seine Lieblingszüchter aus Niigata sitzen nur etwa 150 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Die Kunden in Europa fürchten sich vor verstrahlten Fischen. Seit zwei Jahren bezieht Pohl seine Kois deshalb aus dem Süden. Bei ihrer Ankunft in Frankfurt werden sie alle mit dem Geigerzähler abgetastet.

Vom Ende einer Liebe

In Hamburg ist Koi-Experte Rolof Kracht auf dem Weg zu seinem schwierigsten Fall. Rund 300 Kunden betreut er in Norddeutschland als Tier- und Teichpfleger. Er parkt sein Auto mit dem Stoff-Koi auf dem Armaturenbrett vor einer Villa und erzählt die traurige Geschichte einer ganz großen Fischliebe, die ein tragisches Ende finden wird: Zwölf Jahre lebte und arbeitete das Ehepaar, das er heute besucht, in Singapur. „Manchmal saßen wir in diesen wunderbaren warmen Nächten im Garten und haben die Beine in den Koi-Teich baumeln lassen, ein Glas Wein getrunken und gewartet, dass die Fische mit uns ­reden“, erzählt Luise B. Ihren vollen Namen möchte sie nicht nennen, es gehe doch um ein ganz privates Hobby von ihr und ihrem Mann, der in Hamburger Kreisen kein Unbekannter sei.

Eigentlich war alles vorbereitet: Das neue Haus in Hamburg-Othmarschen planten ein Architekt und ein Feng-Shui-Experte aus Singapur – mit Innenteich fürs Wohnzimmer, in dem die wärmeverwöhnten Kois vor dem Hamburger Schietwetter sicher sein sollten. Doch dann blieben die 75 Fische, die einzeln in mit Sauerstoff und Wasser gefüllten Plastiksäcken verpackt eingeflogen wurden, beim Zoll hängen. Dabei vergifteten sich einige Tiere beinahe mit ihren eigenen Ausscheidungen. Dann war der Teich auch noch nicht ganz fertig.

Unternehmergattin Luise B. und ihr Mann lebten und arbeiteten zwölf Jahre in Singapur. Von dort brachten sie die Kois mit nach Hamburg.

Unternehmergattin Luise B. und ihr Mann lebten und arbeiteten zwölf Jahre in Singapur. Von dort brachten sie die Kois mit nach Hamburg.© Julia Werner für impulse

Das, die Strapazen der Reise und das neue Klima waren zu viel. Innerhalb ihres ersten Jahres in Deutschland starb fast die Hälfte der Kois. Die Überlebenden werden gepäppelt, so gut es geht. Sie bekommen Orangenscheiben zu essen und Walzermusik vorgespielt, dann schwimmen sie im Takt. „Aber richtig alt wird keiner von denen werden“, sagt Kracht. „Das Immunsystem ist im Eimer.“ Es sei ein sehr schmerzlicher Prozess, sagt Luise. Aber sie und ihr Mann haben sich mittlerweile mit dem Sterben ihrer Fische abgefunden.

Kois können 80 Jahre alt werden. Unter Idealbedingungen. Kracht kennt keinen, der die 35 überschritten hat. Gerade die schönsten Exemplare sind durch die Zucht anfällig für Krankheiten. Fischreiher und Katzen bedrohen die Tümpelbewohner. „Es gibt Koi-Besitzer, die ihre Fische gegen alle Risiken versichern“, sagt Kracht.

Das Paar aus Othmarschen hat stets ein Auge auf seine Sorgenfische. Eine Unterwasserkamera fährt das Becken ab und überträgt Bilder ins Internet. Architekt Thomas Deitlaff steuert übers Smartphone eine Kamera im Garten. Zudem ist der Teich an die Alarmanlage des Hauses angeschlossen: Fallen Filter oder Lüftung aus, wird der Sicherheitsdienst benachrichtigt.

Inzwischen hat Rolof Kracht den kranken Fisch aus dem Teich gefischt. Er heißt übrigens ebenfalls Rolof. Sein Herrchen hat ihn nach dem Pfleger benannt. Vorsichtig tastet der große Rolof dem kleinen den Bauch ab. „Er hat offenbar schon länger nicht gefressen, aber Flossen und Kiemen sehen prima aus.“ Es sieht aus, als würde sein Namensvetter wieder gesund.

Fotos: Yvonne Seidel für impulse

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2 Kommentare
  • Mathias Müller 9. Oktober 2014 22:48

    Hallo,

    da kann ich nur zustimmen, ein Koi ist ein absoluter Entschleuniger!

    Grüße
    Mathias Müller

    • Benjamin Michelsen 8. Oktober 2015 19:57

      hallo…………
      hallo Mathias

      ich kann dem auch nur zustimmen und ich bin ganz froh das der Rohloff Kracht bei uns an Board ist…..

      Grüße aus dem Hohen Norden

      Benjamin Michelsen

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