Leben Der Mai macht Theater!

Klar - Theater kann man nie genug haben! Nein, ich meine nicht den täglichen Zirkus mit Ehepartnern, Arbeitskollegen, Banken, Kindern. Ich meine das real existierende Theater - richtig mit Bühne, Schauspielern und Regisseuren. Im Wonnemonat bekommen Sie so viel davon um die Ohren, dass Sie bis Silvester davon zehren.

Ein Festival jagt das andere: von Recklinghausen über Berlin und Wolfsburg bis Schwetzingen und Wiesbaden. Man hat das Gefühl, in den nächsten Wochen wird alles auf die Bühne gehievt, was nicht schnell genug auf die Bäume kommt.

Zumindest bei großen Festivals sollte man erwarten, dass sich die Veranstalter absprechen. Aber was in anderen Kulturbereichen wie zum Beispiel bei Filmfestivals funktioniert (Berlin, Cannes, Venedig und Locarno haben sich schon vor Jahrzehnten geeinigt) scheint in der Bühnenzunft ein Unding: So haben es die beiden wichtigsten Theaterevents – das Berliner Theatertreffen und die Ruhrfestspiele Recklinghausen – auch dieses Jahr geschafft parallel um Publikum und Presse zu buhlen.

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Jetzt kann man natürlich regional argumentieren und sagen: Wer fährt außer beinhartem Fachpublikum von Berlin nach Recklinghausen oder umgekehrt um sich Theaterstücke anzuschauen? Also ich kenne da einige! Und bei beiden Veranstaltungen lohnt es sich: Wenn auch Berlin nur Inszenierungen zeigt die schon länger laufen: Aber das sind – behauptet zumindest die Jury – die „bemerkenswertesten“ zehn des letzten Jahres. Hoffen wir, dass bei den „bemerkenswertesten“ nicht auch bemerkenswert schlechte dabei sind.

Die Palette spannt sich von Klassikern wie Hauptmanns „Biberpelz“ über Avantgarde-Gedöns des „Performance-Kollektivs“ She She Pop bis hin zu eigentlich Unspielbarem aus dem Hause der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

Natürlich hat auch Recklinghausen Koproduktionen im Schlepptau die schon im Vorfeld Premiere feierten. Highlight ist das hoch gelobte Mozart-Projekt „The Giacomo Variations“ mit Hollywoodstar John Malkovich als Casanova. Die vom MTV-Girlie zur ernsthaften Schauspielerin gereifte Heike Makatsch ist in einer Bühnenadaption des Wim-Wenders-Films „Paris, Texas“ zu bewundern.

Dass die meisten Recklinghauser Uraufführungen aus Hamburg stammen, hat einen historischen Hintergrund: Im Nachkriegswinter 1946/47 reisten Künstler von der Elbe ins Ruhrgebiet und baten dort um Kohle – weil sich das Publikum in den eiskalten Theatern der Hansestadt den Allerwertesten abfror. Im nächsten Mai kamen die Hamburger zurück und bedankten sich bei den Bergarbeiterfamilien mit Gastspielen. Dieser legendäre Deal – Kunst gegen Kohle – ist auch heute noch nicht vergessen.

Übrigens: Wer in Berlin kein Ticket mehr ergattert, kann drei Festival-Inszenierungen auf der Großbildleinwand im Sony Center umsonst und draußen sehen. Und zu kalt ist es dafür – auch ohne Kohlen – ganz bestimmt nicht.

Mehr Informationen
Berliner Theatertreffen: berlinerfestspiele.de
Ruhrfestspiele: ruhrfestspiele.de

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