Leben Der Nürburgring: 24 Stunden Hölle

Fünf Tage in der Woche Chef, zwei Tage Rennfahrer: Jörg Viebahn.

Fünf Tage in der Woche Chef, zwei Tage Rennfahrer: Jörg Viebahn. © Tillmann Franzen/impulse

Obwohl der Nürburgring zu den härtesten und gefährlichsten Strecken der Welt zählt, fahren dort nicht nur Profis. Auch Laien stellen sich den schwierigen Kurven und Schleifen. impulse hat drei Unternehmer dabei begleitet.

Jörg Viebahn reißt sich die feuerfeste Haube vom roten Gesicht. Schreit: „Super getimt“, stürmt vom Auto in die Garage, ruft: „Jetzt ist der ganze Vorsprung wieder weg.“ Pfeffert seine Rennhandschuhe in eine Tonne in der Ecke und brüllt so laut dass es möglichst viele Audi-Mechaniker hören. Der Unternehmer hat gerade jede Hundertstelsekunde aus seinem Porsche herausgepresst, durch den Nieselregen, über steile Kuppen und durch enge Kurven. Und jetzt, wo er eigentlich nur noch an der Box das Auto auftanken und an einen anderen Fahrer übergeben wollte, steht ihm ein Audi im Weg.

Der Wagen vorne ist einer der Favoriten, unterstützt vom Werk, besetzt mit Profi-Fahrern. Er liegt auf Platz 2, Viebahn auf Platz 40. Der Audi ist zuerst zum Tanken gekommen. Viebahns Team muss warten. Es dauert Minuten, bis der Porsche wieder ins Rennen geht, und noch länger, bis die Wut verpufft. Viebahn und seine drei Teamkollegen haben da noch fast einen ganzen Tag Rennen vor sich – auf der berüchtigtsten Rennstrecke der Welt: der Nordschleife des Nürburgrings.

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Eine im Rausch designte Achterbahn

Moderne Pisten, wie man sie heute aus der Formel 1 kennt, bestehen aus ebenen, weitläufigen Asphaltflächen. Sie sind komfortabel, sicher und ungefähr so spannend wie ein Baumarktparkplatz. Die Nordschleife schlängelt sich dagegen als Relikt aus den 1920er-Jahren 25 Kilometer über die Berghänge der Eifel, wie eine im Rausch designte Achterbahn. Niki Lauda wäre hier fast in seinem Auto verbrannt. Der dreifache Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart erklärte einst, hier in der, wie er es nannte, „Grünen Hölle“ könne man in sieben Minuten mehr Angst erleben, als die meisten Menschen in ihrem gesamten Leben.

Der verruchte Mythos wirkt magnetisch. Nicht nur die Autokonzerne schicken jedes Jahr ihre Teams zum 24-Stunden-Rennen. Auch ambitionierte Freizeit-Rennfahrer suchen das Abenteuer auf dem Nürburgring. Sind das Todesmutige? Raser? Verrückte? Im Gegenteil, es sind Menschen wie Georg Weiss. Er ist Mitte 50, besitzt in vierter Generation ein Druckerei- und Verlagshaus in der Eifel-Kleinstadt Monschau, spricht leise und sehr bedächtig. „Sie fahren den Nürburgring hundertmal und finden immer noch eine Stelle wo sie einen Fehler machen“, schwärmt er. „Es wird hart gefightet“, wie im Geschäft. Nur habe man dort ständig Kunden, die fordern. Hier stünden dagegen alle zusammen, egal was passiert, meint Weiss. „Für mich ist das Erholung.“

Als die Autos am Freitag zu ihren ersten Trainingsrunden losröhren, herrscht um die Strecke längst die Atmosphäre eines Rockfestivals. Rund um den Kurs campieren Fans auf schlammigen Wiesen und feiern mit Dosenbier. An diesem Pfingstwochenende sind 21 0000 Zuschauer zum 24-Stunden-Rennen ge­kommen. Manche von ihnen feiern seit Jahrzehnten jedesmal an derselben Stelle. Am Metzgesfeld, am Schwalbenschwanz, am Flugplatz. So heißen hier legendäre Kurven, deren Namen wohlige Nostalgie erzeugen, oder blanke Panik. Je nachdem, auf welcher Seite der Leitplanke man gerade sitzt.

Spucktüten für die Gäste

Der Körper fliegt nach rechts, nach links, das Auto schwankt wie ein Ruderboot im Orkan, schießt durch das Kurvengeschlängel am Hatzenbach, knattert über die Randsteine, fliegt den Leitplanken entgegen, nur um im letzten Moment abzudrehen. Hocheichen, Quiddelbacher Höhe. Die Beschleunigung drückt einen in den Sitz, der Magen kribbelt. Vor der Frontscheibe verschwindet die Straße zwischen eng stehenden Bäumen, das Auto rauscht mitten hinein in die Fuchsröhre.

Mit weit über hundert geht es ins hinunter Tal und gleich wieder einen Berg hinauf. Das fühlt sich an, als presse einem jemand das Gehirn an die Schädeldecke. Und dabei ist das für Nürburgring-Verhältnisse gerade eine Spazierfahrt. Am Steuer sitzt kein abgekochter Profi-Racer, sondern Peter Zimmer, Rentner aus Köln, der dieses Wochenende ehrenamtlich für die Rennleitung fährt. Die Bremsen qualmen, der Motor heult, die Knie der Passagiere zittern. Zimmer grinst und meint: „Die Profis sind hier schon noch einmal 100 Stundenkilometer schneller.“

Nuerburgring

22.40 Uhr: Es regnet in Strömen. Wenige Minuten später wird das Rennen abgebrochen, ©Tillmann Franzen/impulse

Er habe für Gäste immer Spucktüten im Auto, sagt Heinz Schmersal. Der 67-Jährige ist geschäftsführender Gesellschafter von Schmersal, einem Hersteller von Sicherheitsschaltern, mit mehr als 1200 Mitarbeitern. Am Wochenende ist er auch Rennfahrer und Teambesitzer. Eine Saison kostet ihn bis zu 500.000 Euro, rechnet er vor, allein 100.000 gibt er für die Reifen aus. Am schönsten sei der Nürburgring nachts, erzählt Schmersal. Dann ziehe die Luft von den Lagerfeuern und Grills der Fans ins Auto, und es rieche im Cockpit nach Würstchen.

Nur: Diesesmal kommt Schmersal gar nicht bis in die Nacht. Sein 24-Stunden-Rennen endet 45 Stunden vor dem Start mit einem Knall. Im Qualifikationstraining lässt er profillose Reifen an sein Auto schrauben. Die sind schnell, wenn es trocken ist, aber unfahrbar bei Nässe. Die Strecke ist feuchter als erwartet. Trotz aller Vorsicht verliert Schmersal in der S-Kurve Hedwigshöhe die Kontrolle und kracht mit Tempo 118 in die Leitplanken. Sein erster Unfall. „Es fühlt sich an, als wenn ich verhauen worden wäre“, sagt er. Schmersal ist mit blauen Flecken davongekommen. Der Porsche ist bis zum Rennen nicht mehr zu reparieren.

„Es gibt Schlimmeres“, meint Schmersal. „Vor drei Jahren bin ich am Auto von Leo Löwenstein vorbeigefahren.“ Löwenstein war 2010 der bisher letzte Fahrer, der bei einem Rennen auf der Nordschleife gestorben ist. Er kollidierte mit einem anderen Wagen. Löwensteins Aston Martin überschlug sich, prallte in die Leitplanken und fing Feuer. „Ich musste das mit ansehen“, sagt Schmersal nachdenklich. Nun, nach seinem eigenen Unfall müsse er so schnell wie möglich wieder in einen Rennwagen. „Das muss man abschütteln.“

Eineinhalb Stunden vor dem Rennen strömen Tausende Fans auf die Zielgerade. Sie jagen nach Autogrammen, machen Fotos von den aufgereihten Autos und ihren Fahrerhelden. Georg Weiss posiert in einer weißen Jacke mit dem Firmenschriftzug „Weiss“. Auf seinem Porsche steht groß „Weiss Druck“und „Wochenspiegel“. Das ist ein Anzeigenblatt aus dem Verlag von Georg Weiss. Vor dem Auto lächeln Mädchen in schwarzen „Wochenspiegel“-Shirts. Es gibt eine VIP-Lounge für Verlagskunden, und an der Strecke werden „Wochenspiegel“-Sonderausgaben verteilt. Für Georg Weiss ist der Motorsport nicht nur Freizeit, sondern gehört zum Geschäft.

20 Euro für Not-Benzin

Bei Jörg Viebahn leuchtet nirgendwo auf dem Auto ein Firmenlogo, auch nicht auf dem Rennoverall. Dort steht nur „Jörg Viebahn A+“– seine Blutgruppe. „Ich möchte Beruf und Privates nicht miteinander verbinden“, meint er. Das hätten Unternehmer früher gemacht. Er gehöre zu einer neuen Generation. Viebahn sieht deutlich jünger aus als 48, schlank und fit. Er gibt kein Geld aus, um am Rennen teilzunehmen. Er wird bezahlt, ist sozusagen Profi-Rennfahrer in Teilzeit. „Ich will von den Profis als sportlich Gleichgesinnter wahrgenommen werden. „Unter der Woche leitet er die Firma Viebahn Systemtechnik, einen Spezialhersteller für Transportbehälter mit 65 Mitarbeitern.

So wie andere Eltern ihre Kinder ins Fußballstadion mitnehmen, fuhren Viebahns Eltern früher mit ihm im Kinderwagen zum Nürburgring. Als Jugendlicher nahm er mit einem VW Polo an Slalom-Rennen teil. Er hätte Profi werden können. Viebahn aber studierte lieber, gründete seine Firma und startete in der Freizeit bei Langstreckenrennen. Sechs Jahre lang fuhr er im BMW-Spitzenteam Schubert, bis der Autokonzern ihn durch einen Werksfahrer ersetzte. Seitdem ist er für das kleine Team Prosport am Start, in der Klasse GT4. Das ist die zweite Liga auf dem Nürburgring. Die Autos sind zu schwach, um gegen die Topwagen zu fahren.

Im Teamzelt herrscht vor dem Start eine entspannte familiäre Atmosphäre. Viebahns Frau ist da, seine 16-Jährige Tochter, sein Vater. Der erfahrene Teamchef erklärt, jeder Fahrer bekomme für die Nacht eine Notfalltasche. Der Inhalt: eine Taschenlampe, ein Handy, 20 Euro – für den Fall, dass das Benzin ausgeht und der Fahrer einem Fan ein paar Liter Sprit abkaufen muss. Alles schon vorgekommen. Als um Punkt 17 Uhr die Rennwagen von ihrer Einführungsrunde zurückkehren, und eine Stampede mit mehr als 170 Autos über die Zielgerade schießt, bremst Viebahn spät in die erste Kurve, fährt an ein, zwei Konkurrenten vorbei und lässt sie hinter sich – bis er beim ersten Tankstopp vom Audi aufgehalten wird.

Georg Weiss steigt in das Auto ein, als sein Team auf Platz 13 liegt. Als er zurückkommt, liegt er auf Platz 18. Weiss zieht den Helm vom Kopf und schnappt nach Luft, sein Gesicht ist rot. Die Trinkflasche, aus der die Fahrer normal über einen Schlauch trinken, ist ausgefallen. Das machte die Runden quälend lang. Es fängt an zu schütten. „Regen ist nicht so mein Ding“, meint Weiss – und überlässt das Fahren für den Rest des Rennens seinen Teamkollegen. Die Tropfen prasseln immer heftiger, es wird dunkel, Nebel zieht auf. Als es immer schwerer wird, das Auto auf der Fahrbahn zu halten, steigt Viebahn wieder ein. Keine fünf Minuten später, um 22.44 Uhr, unterbrechen die Veranstalter das Rennen.

Wenig später steht Viebahn wach und aufgedreht im Teamzelt. Er schläft nie bei 24-Stunden-Rennen und fährt meist die Runden in der Nacht. Sein Vater verabschiedet sich und verschwindet in den Regen. Am nächsten Tag wird er sagen, er sei froh gewesen über den Abbruch, weil er so für ein paar Stunden keine Angst um seinen Sohn haben musste.

Von drei Unternehmern schafft es nur einer bis ins Ziel

Morgens um 8 Uhr geht es weiter. Das 24-­ Stunden-Rennen vom Nürburgring ist diesmal am Ende kaum mehr als ein 15-Stunden-Rennen. Vorn kämpfen die Topteams um den Sieg. Weiter hinten verliert ein Teamkollege von Jörg Viebahn in der schnellen Mutkurve die Kontrolle über den gemeinsamen Wagen. Eine Bodenwelle, eine Unachtsamkeit, der Porsche fliegt mit Tempo 200 in die Leitplanken. Wie durch ein Wunder steigt der Pilot mit leichten Prellungen aus. Das Rennen ist für das Team vorbei.

Drei Unternehmer sind angetreten, um das 24-Stunden-Rennen zu meistern. Als die Wagen am Pfingstmontag um 17 Uhr dem Ziel ­entgegenrollen, ist nur noch Georg Weiss übrig. Sein Porsche wird Dreizehnter. Weiss reckt ­jubelnd den Zeigefinger in die Höhe, seine Fahrer umarmen ihn. Jörg Viebahn muss auf ­seinen Triumph noch eine Woche warten. Mit einem geliehenen Auto tritt er zum Europameisterschaftslauf im britischen Silverstone an. Es ist eine moderne, weitläufige Strecke, ganz ohne verruchten Mythos. Und Viebahn gewinnt. Der Unternehmer hat alle Profis besiegt.

 

imp_201307_100Der Beitrag erschien im impulse-Magazin 07/2013
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