Leben Der Tod der Heißen Witwe

St. Anton gilt als Ballermann der Alpen. Dabei war es einst so schön ruhig hier. Neue Luxusherbergen sollen nun den guten Ruf wiederherstellen.

Damals, in grauer Vorzeit, bestand Après-Ski aus einer Tasse heißem Kakao und der Frage, wer wie welche Abfahrt gemeistert hat. Danach folgte vielleicht noch ein Glühwein, ein Stück Sachertorte oder ein Apfelstrudel und für die Kühneren womöglich eine Runde Canasta. So weit die 60er-Jahre.

Dann kam Gunnar Munthe, und das alles fand ein jähes Ende. 1974 bricht der schwedische Student sein Wirtschaftsstudium ab, zieht in die österreichischen Alpen und ergattert dort eine Stelle als Barkeeper im schönen St. Anton am Arlberg. Die Bar, das Krazy Kanguruh, wird zur Geburtsstätte einer ganz neuen Form von Après-Ski. Was früher leise und beschaulich war, ist nun laut und lärmend. Ausgesprochen ausschweifend eben. Schon bald ist das KK berüchtigt für seine nachmittäglichen Orgien: Eine schunkelnde Menge grölt zu wummernder Rockmusik, andere tanzen in Skistiefeln auf den Tischen, bis der Schweiß die Wände herunterrinnt. Kellnerinnen drängen sich durch die Menge und kippen Kurze direkt in die weit geöffneten Münder der Skifahrer. Und in der Mitte: Zampano Munthe höchstpersönlich, der die Menge anpeitscht und Frauen eine Flasche Schampus verspricht, wenn sie sich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Das KK bleibt nicht lange allein.

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2500 Liter Bier am Tag

Weg von der Landwirtschaft und hin zum Après-Ski-Zirkus: Für Eugen Scalet, den Begründer des Mooserwirt-Mythos, ist das in den 80er-Jahren ein Weg, raus aus den Schulden zu kommen. Der Vater ist früh gestorben, der Familie droht die Armut. Da verkauft Scalet seine Schafe, stattet seine Scheune mit Tischen und Bänken aus und bucht noch einige Livebands dazu. Von da an geht es stetig bergauf. Der Mooserwirt hängt sogar das KK ab. Heute arbeiten dort 65 Menschen und schenken pro Nachmittag mindestens 2500 Liter Bier aus. Vier Tage pro Woche kämpft sich ein Lieferwagen der Brauerei die steile, meist verschneite Zugangsstraße hoch. Der Mooserwirt liegt auf halber Höhe des Arlbergs und schließt jeden Abend um 20 Uhr, trotzdem wird dort Scalet zufolge mehr Bier pro Quadratmeter verkauft als irgendwo sonst in Österreich. Damit niemand verdursten muss, sorgt ein 37 Kilometer langes Leitungsnetz in den Kellern des Mooserwirts für ständigen Nachschub an Alkohol.

Mit dem KK auf der einen Seite und dem Mooserwirt auf der anderen hat sich Sankt Antons blaue Piste Nummer eins zur Après-Ski-Zentrale der Welt entwickelt. Die Piste ist die Hauptroute vom Berg ins Dorf, deshalb bringt die letzte Abfahrt des Tages die Frage mit sich, ob man nach links abbiegt, zum KK, oder nach rechts, zum Mooserwirt. Beide weisen ihre eigenen Rituale und Traditionen auf, an denen sich seit Jahren wenig geändert hat. Ähnlich wie eine Handvoll weiterer Bars in der Nachbarschaft scheinen sie in einer Art ewiger Partyblase zu existieren.

An jedem Winternachmittag um exakt 15.30 Uhr schließen sich die elektrisch gesteuerten Rollläden, dann beginnt zu den Klängen von „The Final Countdown“ die Après-Ski-Sause des Tages. Verantwortlich für die Musik ist der 62-jährige DJ Gerhard, der den Mooserwirt praktisch ununterbrochen seit 1994 Tag für Tag beschallt und dabei sein Repertoire kaum verändert hat.

Für den regelmäßigen Besucher mag das rituelle Ausrasten etwas Stetiges an sich haben: Wenn man nach einem Jahr zurückkehrt, läuft dieselbe Musik, winkt Gerhard genau wie im Vorjahr von seinem Balkon aus der Menge und trägt auch noch denselben Hut. Vor der Scheune stehen dann scheinbar dieselben Leute mit denselben Drinks – Getränken, die sie woanders nie im Leben bestellen würden, etwa die berühmte Heiße Witwe (Pflaumenlikör mit Sahne), einen Flügel (roter Wodka mit Red Bull) oder Jägermeister mit Milch.

Ein paar Stunden und einige Drinks, Tänze und Gesänge später ist es Zeit für das nächste große Sankt Antoner Ritual: der Abstieg der Betrunkenen von der Piste ins Dorf. Einige schnallen ihre Skier mit der Schaufel nach hinten an, während eigentlich erfahrene Alpinisten plötzlich die Eleganz eines Schneepflugs an den Tag legen. Schon bald ist die Piste mit gestürzten Skifahrern übersät, die nicht aufhören zu kichern.

Dabei ist der Ortskern doch so hübsch

All das soll sich nun gründlich ändern. Diesen Winter hält der Wandel Einzug in St. Anton. Denn die ausgelassenen Eskapaden haben St. Anton zwar weltweit einen Ruf als Partyort eingebracht. Wintersportorte in den USA, Frankreich, der Schweiz und Italien konnten (oder wollten) da nicht mithalten. Doch in St. Anton ist nicht jeder glücklich über den Ruf seiner Heimat. Dass jede Nacht mehrere Hundert alkoholisierte Skifahrer in dem Ort einfallen, nachdem sie sich beim Mooserwirt oder im KK abgefüllt haben, geht einigen Einwohnern St. Antons dann doch zu weit. Es gab Unfälle, sogar mit tödlichem Ausgang. Die ständige Feierei würde von den anderen Vorzügen ablenken, so die Kritiker – vom historischen Ortskern, den Hotels in Familienbesitz, den gemütlichen Bergrestaurants, den Wellnessangeboten und vor allem den sensationellen Wintersportmöglichkeiten. Kurzum: Eine Imagekorrektur soll her.

Um die Aufmerksamkeit weg von den Heißen Witwen und dem resultierenden Rummel zu lenken, wollen die Behörden St. Anton mehr Klasse verleihen. Die strengen Bauvorschriften wurden gelockert, lassen aber nur den Bau von Hotels zu, die mindestens vier Sterne aufweisen. Während also andere Wintersportorte diese Saison einfach nur ums Überleben kämpfen, weist St. Anton nicht weniger als fünf neue Luxusherbergen auf.

Am schicksten ist der Tannenhof, dann gibt es das zentral gelegene M3, das generalüberholte, 74 Jahre alte Valluga und das Anthony’s, wo man sich nach der Fertigstellung im kommenden Winter ins Warmwasserbecken auf dem Dach legen kann. Die meiste Aufmerksamkeit zieht jedoch das neue Vorhaben von Eugen Scalet auf sich – das Hotel am Mooserwirt.

Auf dem Papier klingt es, als würde hier der Bär endgültig steppen: Nach Ladenschluss im Mooserwirt feiert man einfach im Hotel weiter und spart sich den gefährlichen Heimweg in den Ort. Doch die Realität sieht überraschend anders aus: Das Mooser Hotel ist eher nüchtern und luxuriös, ein Ort zum Abschalten und nicht zum Feiern. Insofern passt es sehr gut zum neuen, stilvolleren St. Anton. Der Eingang zum Hotel liegt nicht an der großen Terrasse der Bar, wo die Lautsprecher dröhnen, sondern diskret am anderen Ende des Gebäudes. Die Balkone der Schlafzimmer bieten einen Blick auf die Pisten oder die bewaldete Schlucht und nicht auf die Tanzfläche.

Keine Skistiefel nach 20 Uhr

Die große Überraschung ist jedoch, wie ruhig die Zimmer sind. Bei offenem Fenster hört man nicht das Gegröle der Après-Ski-Menge, sondern das Rauschen des Mühltobelbachs. Die Einrichtung ist Hightech und aufwendig. Weiße Wände, Bettwäsche und Schaffelle kontrastieren mit den bunten Möbeln und der Beleuchtung von Designfirmen wie Moroso und Foscarini. Im Erdgeschoss befindet sich ein Spa. Neben den üblichen Dampfbädern und Saunas findet sich dort ein Innen- und Außenpool.

Wenn man im aufsteigenden Dampf sitzt und die schneebedeckten Bäume betrachtet, während man von Warmwasserdüsen sanft massiert wird, fällt es schwer zu glauben, dass man beim Mooserwirt ist.

Sogar beim KK hält der Wandel Einzug. Gunnar Munthe, der Begründer des St. Antoner Après-Ski-Zirkus, hat sich zurückgezogen und führt jetzt ein kleines Hotel im Tal. Sein Nachfolger, der Skirennläufer Mario Matt, hat umfangreiche Modernisierungen vorgenommen. Im Dorf selbst wurde der beliebte Nachtklub Funky Chicken abgerissen, um Platz zu machen für einen feineren Hotelkomplex.

Die stylishe neue Bar Murrmel könnte ein Indiz dafür sein, wohin sich Après-Ski in St. Anton entwickelt. Das Tourismusamt will Bars und Restaurants dazu bringen, keine Skistiefel nach 20 Uhr mehr zuzulassen. Die Après-Ski-Horden aus Mooserwirt und KK sollen so dazu gebracht werden, in ihre Unterkünfte zurückzukehren und sich umzuziehen, bevor sie sich – inzwischen hoffentlich etwas nüchterner – ins Nachtleben stürzen.

Steht das Ende der Party in Sankt Anton also unmittelbar bevor? Nun ja. Kürzlich konnte in der Hauptstraße eine Gruppe junger niederländischer Touristen beobachtet werden, die, jeder mit einer Flasche Jägermeister in der Hand, laut singend ein Verkehrsschild hinaufkletterte. St. Anton ist auf dem Weg, sich für anspruchsvollere Kundschaft aufzuhübschen, aber die eingefleischten Après-Ski-Fans müssen nicht befürchten, dass es künftig nur noch heißen Kakao und Canasta gibt.

Stilvoll nächtigen
Diese Hotels in Sankt Anton lohnen das Ansteuern:
Tannenhof Der alte Tannenhof hatte keinen guten Ruf. Der im November 2011 eröffnete Neubau überzeugt hingegen. Preise: auf Anfrage
Valluga Hotel Komplett umgebaut wurde 2011 auch das Valluga. Die Zimmerpreise beginnen in der Hauptsaison bei 195 Euro
M3 Hotel Auf Lifestyle setzt das M3. Zimmerpreis in der Hauptsaison: ab 150 Euro
Mooser Hotel Neu, edel und mit 17 Zimmern sehr überschaubar. Zimmerpreise: ab 144 Euro
Anthony’s Im Umbau: Ab Herbst bietet das Anthony’s „Lifestyle im Einklang mit der Natur“
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 01/2012.

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