Leben Die Generation „Y“: Ist ihnen Geld egal?

Lieber viel Geld oder vor allem Selbstverwirklichung und Spaß an der Arbeit? Die Generation Y sucht beides – und das am liebsten gleichzeitig.

Sängerin wollte Julia Grimberg werden, und das schon immer. Während der Schulzeit nahm sie Gesangsunterricht, war Mitglied in einer Band. Doch das, was sie nach dem Abi machte, hatte wenig mit ihrer Leidenschaft zu tun: Eine Ausbildung zur Krankenschwester. In einer Kölner Klinik kümmerte sie sich um Kranke – um etwas Sicheres in der Hinterhand zu haben. „Ich hatte mitbekommen, dass man als Sängerin kein festes Einkommen hat“, sagt sie. „Du bist entweder gefragt oder nicht.“

Heute lebt Julia in London, macht gerade ihren Abschluss an der Tech Music School und tritt in den Clubs der britischen Hauptstadt auf. Festes Einkommen – wie erwartet – Fehlanzeige. Ihren Beruf als Krankenschwester hat die 24-Jährige trotzdem erst mal an den Nagel gehängt. Sicherheit spielt für sie nicht mehr die wichtigste Rolle. „Ich entscheide mich für das, was ich jetzt gerade machen möchte“, beschreibt sie ihren neuen Lebensstil.

Anzeige

Kombination von Sicherheit und Spaß

Anders als Julia Grimberg möchten viele Jugendliche und junge Erwachsene Sicherheit und Spaß von Anfang an kombinieren. Aus diesem Grund werden die Berufseinsteiger oft als sehr widersprüchlich empfunden: Einerseits als eine Generation, die anders als ihre Vorgänger nicht mehr alles mitmacht, was Eltern, Lehrer und Arbeitgeber von ihnen wollen. Sie gelten als junge Unbequeme, die es vorziehen, für ein Entwicklungshilfeprojekt Bäume zu pflanzen anstatt bei einem multinationalen Konzern Karriere zu machen.

Andererseits sieht man in ihnen desillusionierte Pragmatiker, die so schnell wie möglich in finanziell ruhiges Fahrwasser mit guter Rentenperspektive kommen wollen. Die 16. Shell-Jugendstudie kommt zu dem Ergebnis, dass der persönliche Erfolg inmitten einer Leistungs– und Konsumgesellschaft das wichtigste für die befragten Jugendlichen ist.

Wie immer man Erfolg definiert: Für 57 Prozent muss das Ganze vor allem Spaß machen. Und den scheinen sie zu haben, denn trotz Wirtschaftskrise und Eurodebakel sehen 59 Prozent der Jugendlichen laut Shell-Studie ihre Zukunft eher rosig als grau.

Spaß und Erfolg, Sicherheit und Selbstverwirklichung – das sind tatsächlich die Pole, zwischen denen sich die Jugendlichen bewegen, die zu Helmut Suchrow kommen. Im Berufsinformationszentrum der Arbeitsagentur Hamburg berät er seit 13 Jahren rund um das Thema Ausbildung, Studium, Zukunft. Und er hat erfahren: Den klassischen Jugendlichen gibt es nicht.

Schon der Stadtteil, in dem jemand aufwächst, könne darüber entscheiden, ob jemand seiner Leidenschaft folgt oder einen konventionellen Berufsweg wählt. Wer im bürgerlichen Westen Hamburgs wohne, mache eher das, was ihm gefällt, so Suchrow. „Die Jugendlichen aus den wohlhabenden Elternhäusern wollen sich in jedem Fall selbst verwirklichen“, sagt er. Den Kindern von weniger betuchten Eltern sei dagegen ein sicherer Job wichtiger.

Vor der endgültigen Entscheidung erstmal Eindrücke sammeln

Erst mal was erleben wollte Malu Weckerling nach dem Abitur. Während sich ihre Schulkameraden um einen Studienplatz bewarben oder Zivildienst leisteten, bereiste sie Ost-Afrika. „Es war für mich schon lange klar, dass ich erst einmal etwas ganz anderes machen wollte“, sagt sie. Von dem, was danach kommen sollte, hatte sie damals keine Vorstellung. „Ich hatte das Bedürfnis, erst noch mehr zu erfahren und kennenzulernen, bevor eine Entscheidung über irgendein Ziel in der Zukunft Sinn machen könnte“, sagt sie.

Zurück aus Afrika verschlug es Malu ins deutsche Heidelberg. „Ich habe eher zufällig begonnen, Religionswissenschaft und byzantinische Archäologie zu studieren. Zwar hat mich das interessiert, aber ich habe dieses Semester auch dafür genutzt, mich generell in der Uni mal umzuschauen und habe dann auch viele andere Studienfächer ausprobiert.“ Darunter Fächer wie Kunstgeschichte, BWL, Geschichte, Philosophie, Psychologie, Mathematik und Jura. Letzteres schließlich überzeugte sie.

Die Entscheidung sei nach einer Religionsvorlesung über die „Postmortalen Gegenwelten von Avataren in russischen Computerspielen“ gefallen, erzählt sie. Direkt anschließend habe sie einen Professor für Strafrecht gehört. „Strukturiert, logisch, abstrakt und dennoch konkret verwendbar“, urteilt sie rückblickend.

Sie als Tochter von zwei Juristen sei selber wohl am meisten darüber erstaunt gewesen, wie gut ihr das Fach gefallen habe. Heute studiert Malu in Berlin. Sie hat sich mit Jura für ein sicheres Studienfeld mit zahlreichen Perspektiven entschieden. Daran habe sie gar nicht gedacht, versichert Malu.Dass gute Berufschancen und Verdienstmöglichkeiten für viele der ausschlaggebende Grund für die Studienwahl sei,habe sie erst im Nachhinein bei ihren Kommilitonen bemerkt.

 

Die Geburtsjahrgänge 1985-1990 kommen auf den Arbeitsmarkt – und über die „Millennials“, auch „Generation Y“ genannt, geistern verschiedene Vorurteile durch die Medien und Personalabteilungen. Doch sind die Y-Jahrgänge wirklich nicht mehr belastbar, besonders empfindlich, wenn es um Stress im Job geht – und lassen sie sich ständig von Facebook und ihrem Smartphone ablenken? In einer neuen Serie klären die auf, die es am besten wissen müssen: Nachwuchstalente der Kölner Journalistenschule, die selbst zur Generation „Y“ zählen. Zur Serienübersicht

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...