Leben Die Hassliebe zum Spiegel Europas

Das Atomium wurde zur Weltausstellung 1958 in Brüssel gebaut.

Das Atomium wurde zur Weltausstellung 1958 in Brüssel gebaut.© WBT-J.P.REMY

Fehlplanung, Bauwahn, nerviger Verkehr: Das ist Brüssel. Aber die Metropole ist auch das Herz Europas und Zentrum seiner Politik. Manche sehen in Belgiens Hauptstadt ein Sinnbild für alles, was Europa ausmacht.

Verstopfte Straßen, dreckige Bürgersteige oder die Bürokratie – in Brüssel findet jeder sein Lieblingsärgernis. Gleichzeitig glänzt die Stadt mit Architektur-Highlights, mit Bier, fantastischer Schokolade, Pommes frites und einer fast altmodischen Wertschätzung für gute Lebensart. Als „etwas schizophrenen Ort“, beschreibt der seit über 20 Jahren in Brüssel lebende britische Autor Derek Blyth die Widersprüche.

Belgiens Hauptstadt ist Dreh- und Angelpunkt des Landes, Schnittpunkt zwischen den frankophonen Wallonen aus dem wirtschaftlich schwachen Süden und den reicheren, niederländisch sprechenden Flamen im Norden. Als Sitz der wichtigsten Einrichtungen der Europäischen Union und der Nato ist Brüssel auch die inoffizielle Hauptstadt Europas. Das bringt Spannungen zwischen Einheimischen, die sich über steigende Preise und für „VIPs“ blockierte Fahrspuren ärgern, und Ausländern, die sich nach deutscher Effizienz, schwedischem Umweltbewusstsein oder griechischem Wetter sehnen.

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Seinem Brüssel-Frust machte der Korrespondent der Zeitung „Libération“, Jean Quatremer, im Mai Luft. Brüssel sei für Franzosen als Wohnort gut zum Steuersparen, aber ansonsten hässlich, verbaut und gescheitert, schrieb er. Entrüstete Einheimische empfohlen ihm, „nach Hause“ zu gehen. „Er hatte sicher einen schlechten Tag, aber es  steckt auch etwas Wahrheit dahinter“, sagt Carlo Luyckx, Chef des Verbindungsbüros Brüssel-Europa. Er unterstützt Stadtneulinge und erklärt Anwohnern, warum die EU wichtig für die Stadt ist.

Viele neue Brüssel-Bewohner verteidigen ihr Zuhause

Luyckx sieht mehrere Gründe für die Probleme: Unterfinanzierung, die auf dem Unwillen der Flamen beruhe, für die größtenteils frankophone Hauptstadt aufzukommen, das fehlgeleitete Ziel der 1960er Jahre, Brüssel in die perfekte Autostadt zu verwandeln, und ein sperriges, kompromissgeprägtes Verwaltungsmodell. Andererseits halte die Hauptstadt Belgien zusammen. „Wenn es Brüssel nicht gäbe, hätten wir uns vielleicht geteilt“, sagt Luyckx.

Tatsächlich sind viele Brüssel-Fans Ausländer, die ihr neues Zuhause verteidigen. „Ich fühle mich hier freier als in anderen Städten, weil mir keine Identität aufgezwungen wird“, sagt der deutsche Künstler David Helbich. Seine Facebook-Seite „Belgian Solutions“ blickt mit Humor auf Brüssels kreative Problemlösungsansätze. Zu sehen sind Stufen, die in Mauern führen, fantasievoll an die Realität angepasste Verkehrsschilder und unzählige Absperrbänder, die Gehsteige, Straßen und Auffahrten umflattern. Für Helbich ist Brüssel eine „unfertige“ Stadt, ein bisschen wie Berlin kurz nach dem Fall der Mauer.

Der Grand Place mit dem Rathaus im Zentrum von Brüssel

Der Grand Place mit dem Rathaus im Zentrum von Brüssel© WBT-JLFlemal

„Typisch für Brüssel ist, dass nichts für typisch erklärt wird, und immer wieder neue Identitäten draufgeklatscht werden“, erklärt er. Dies führe dazu, dass etwa schöne Jugendstilgebäude für moderne Bauten abgerissen würden. Der Erneuerungsprozess, den die Stadt seit den 1960ern durchmachte, hat sogar einen eigenen Namen: „Brüsselisierung“, mittlerweile ein Synonym für misslungene Stadtplanung. Laut Helbich ist dies alles stets gekoppelt mit dem befreienden Bewusstsein, „dass es keine Notwendigkeit gibt, eine endgültige Entscheidung zu treffen, weil alles vorübergehend ist“.

„Mix aus frankophonem Spaß und Lebensgefühl und flämischer Effizienz“

Der Autor Blyth kämpft gegen das Klischee, Brüssel sei ein „grauer Kompromiss“ als Europas Hauptstadt. Die Stadt sei nicht aus Zufall dazu geworden. Brüssel habe bei der Weltausstellung 1958 mit seinem Charme überzeugt. „Es hatte diesen Mix aus frankophonem Spaß und Lebensgefühl und flämischer Effizienz – eine magische Kombination“.

Brüssel sei ein Spiegel Europas, sagt Blyth mit Blick auf die Unterschiede zwischen Nord und Süd. Die Finanzkrise brachte diese noch stärker zum Vorschein. Bisher habe es die Stadt immer irgendwie geschafft, die Bruchlinien zu verkleben. „Wenn Brüssel erfolgreich ist, kann auch Europa ein Erfolg sein. Wenn Brüssel versagt und Belgien auseinanderfällt, dann gibt es keine Hoffnung mehr.“

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