Leben Ein anderer Schlag

Steife Etikette? Geschlossene Gesellschaft? Golfen geht auch anders: mitten in der Metropole oder idyllisch auf dem Land. impulse traf Unternehmer beim Abschlag.

Zum Golfplatz fahren Bernd Rathjen und Torsten Schilling mit dem Fahrstuhl. Bis in den zehnten Stock saust die Kabine nach oben, über eine Leiter klettern die beiden noch eine Etage höher, auf das Dach eines Berliner Hotels. Am Horizont ragt der Fernsehturm in den grauen Hauptstadthimmel. Die zwei stapfen zwischen Abluftrohren durchs Kiesbett. Rathjen peilt sein Ziel an, die Spree, die tief unten am Hotel vorbeifließt. Abschlag!

Golf auf gepflegtem Rasen – damit können Rathjen und Schilling nichts anfangen. „Die schlimmsten, langweiligsten Geschichten, die ich in meinem ganzen Leben gehört habe, sind Golfergeschichten“, sagt Schilling. Der 47-Jährige spielt lieber Crossgolf. Die Trendsportart ist so abenteuerlich wie unkompliziert: Abgeschlagen wird auf Baustellen, in alten Industriegebieten oder eben auf Hausdächern. Statt eines profanen Erdlochs dient fast alles als Ziel: „Auf dem Wasser kann es ein Schlauchboot sein, wir haben aber auch schon ein ganzes Wohnzimmer auf ein Schiff gebaut und da reingegolft“, sagt Schilling. Ein anderes Mal kaufte der selbstständige Eventmanager eine alte Cessna, sprühte sie an und zielte auf das Flugzeug. „So spektakuläre Sachen machen wir aber nur für besondere Turniere.“

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Je nach Terrain kommen beim „Ditschen“, wie die Spieler ihre Schwünge nennen, unterschiedliche Bälle zum Einsatz. Zum Beispiel Softbälle, die leichter und weicher sind als ein normaler Golfball – damit keine Scheibe zu Bruch geht. Wird in Seen oder Flüsse geschlagen, greift Schilling zu Bällen aus unbehandeltem Holz oder aus Muschelkalk, der sich im Wasser auflöst.

Vom Balkon aus in den Hudson River

Beim Crossgolf, auch Urban Golf genannt, wird die Stadt zum Spielplatz, in Hamburg oder Berlin, Kuala Lumpur oder New York. „Den tollsten Abschlag hatte ich in Manhattan. Bei einer Party haben wir von einem Plastiktisch auf dem Balkon in den Hudson River gegolft“, schwärmt Schilling, der in Deutschland der Pionier dieser jungen Sportart war. Inzwischen organisiert er auch beruflich Golfveranstaltungen. Sein Freund Bernd Rathjen, Chef der Eventagentur Corporate Candy, spielt bereits seit zehn Jahren: „Ich mag die Leute, den Kick, die entspannte Atmosphäre.“ Auch wenn es einen festen Kern gibt – einem Klub oder Verein gehören sie nicht an. „Das passt nicht zu unserem Stil“, sagt Schilling. Das größte Netzwerk, das er 1992 mitgründete, nennt sich Natural Born Golfers und zählt auf Facebook rund 1550 Fans. Auch auf der Website des Crossgolfportals vernetzen sich Spieler (Kontakte im Kasten auf Seite 120). Neben den Turnieren verabreden sich Rathjen und Schilling spontan mit Freunden, auch mal am Abend. Dann geht es von Abschlag zu Abschlag und von Kneipe zu Kneipe. Der Weg ist das Ziel.

Deshalb steigen die zwei auch vom Hoteldach schnell wieder zurück auf den Boden. Zur Spreeseite hin öffnet sich mit dem Gelände des Berliner Osthafens ein perfektes Areal für Crossgolfer. Zwischen der MTV-Zentrale und TV-Produktionsstudios schlagen sie ihre Bälle. Leicht federn sie in den Knien, visieren das nächste Ziel an. Ein Probeschwung, schon surrt der Golfschläger durch die Luft und der Ball hüpft die Betonpromenade entlang.

Kein elitärer Kreis, kein Klub, keine Aufnahmegebühren – das gibt es auch auf dem Land. Swingolf nennt sich die rustikale Spielvariante. Sie kommt aus Frankreich, der Name leitet sich vom Swing ab, der Schwungbewegung beim Golfen. Das Terrain sieht einem klassischen Platz ähnlich, ist aber kleiner und naturbelassen. Die Spieler begegnen hier schon mal einer Gänseschar an einem Teich mit Schilf und Entengrütze. Für die Rasenflächen sind Dünger und Pestizide tabu. In Deutschland gibt es mehr als 30 solcher Anlagen, eine davon auf dem Gut Sophienhof in Waabs, in der Nähe von Eckernförde. Zwischen Feldern liegen 18 Spielbahnen, markiert von kleinen Fähnchen.

Golf ganz anders
Die wichtigsten Variationen des Klassikers
Swingolf Die rustikale Variante des klassischen Golfs wird deutschlandweit auf mehr als 30 Anlagen gespielt. Tageskarten inklusive Ausrüstung kosten um die 10 Euro. Nach einer kurzen Einführung und einigen Probeschwüngen geht es auf die Bahn. Einen Überblick über deutsche Plätze gibt es unter www.swingolf-deutschland.de
Crossgolf Ein paar abenteuerlustige Freunde, Golfschläger und Spezialbälle – und schon kann es losgehen mit dem Urban-Golfen in der Stadt. Aber Vorsicht: Passanten dürfen nicht gefährdet werden. Kontakt zu den Natural Born Golfers über www.naturalborngolfers.com. Im Portal www.crossgolfforum.de finden sich News zu Turnieren und Events. Auf der Website www.crossgolf.de werden Turniere angekündigt und Spielergruppen in ganz Deutschland genannt.
Discgolf Beim Discgolf kommen Frisbees zum Einsatz. Das Ziel: mit möglichst wenig Würfen in spezielle Körbe zu treffen. In den USA wird diese Sportart bereits professionell ausgetragen. Auch in Deutschland verbreitet sie sich. Der Deutsche Frisbeesport-Verband informiert unter www.discgolf.de
Fußballgolf Was mit Frisbees funktioniert, macht auch mit dem liebsten Sportgerät der Deutschen Spaß: dem Fußball. Auf immer mehr Plätzen können Kicker ihr Ballgefühl unter Beweis stellen. Als Ziele dienen Netze, große Löcher oder Traktorreifen. Mehr unter www.fussballgolfen.de

Vor dem Schlagabtausch gibt Horst-Dieter Stobbe im Restaurant neben dem Platz noch eine Runde Bier aus. Es ist Freitag, 11 Uhr vormittags. Vor vier Jahren waren Stobbe und seine zwei Freunde bei einem Männerwochenende zum ersten Mal swingolfen, seitdem treffen sie sich regelmäßig auf dem Platz. „Auf das Spiel, aber den Sieg für mich“, prostet Stobbe und lacht laut. Der Inhaber des Handwerksbetriebs S&P aus Melsdorf bei Kiel „gehört eigentlich nicht zur typischen Golferklientel“, wie er sagt. Der Harley-Fahrer hat eine Lehre als Isolierer gemacht, dann das Abitur nachgeholt, VWL, Jura und Sport studiert. Parallel gründete er die erste Firma, heute beschäftigt er acht Mitarbeiter, die Dächer decken und Schornsteine bauen. Stobbe, der Chef, macht die Kundenkontakte, mehr als 400 im Jahr.

Jetzt aber liegt das Handy im Auto. „Beim Boxen powere ich mich richtig aus, beim Swingolf kann ich entspannen. Wellness für Männer.“ Stobbe greift nach seinem Schläger – beim Swingolf wird mit einem einzigen Universalschläger gespielt, der drei unterschiedliche Seiten hat. Die Ausrüstung ist bei der Tagesgebühr von 11 Euro inklusive. Stobbe ruft: „Jetzt wollen wir mal einen Eagle spielen und uns den Fünfer schnappen.“ Das Vokabular ist dasselbe wie beim klassischen Golf.

Dynamische Körperhaltung, konzentrierter Blick, schneller Schwung – den Männern ist ihre Erfahrung anzusehen. Mit dem typischen „Pfloat“-Geräusch trifft der Schläger den Ball, der im hohen Bogen über die Bahn fliegt. Sie brauchen für eine Runde gute zwei Stunden, schätzt Stobbe. „Wenn fünf Anfänger hier zusammen unterwegs sind, kann das locker sechs Stunden dauern.“ Familien kämen oft und spielten nur ein paar Löcher. „Das ist ja das Schöne am Swingolf, alles flexibel.“

Landpartie mit Bierchen

Ein derber Spruch jagt den nächsten, „um die Gaudi“ geht es Stobbe und seinen beiden Freunden, die bei der Polizei und im Rathaus arbeiten. Doch trotz der Frotzeleien – alle Schläge werden gewissenhaft notiert: „Geschummelt wird nicht. Dann bräuchten wir gar nicht spielen“, sagt Stobbe. Er fährt regelmäßig zu Turnieren, ist auch bei der Europameisterschaft in Frankreich dabei.

Die drei Freunde sind mittlerweile sogar in einem normalen Golfklub Mitglieder geworden, Swingolf war ihr Einstieg in den Sport. Von Golf als beruflicher Netzwerkplattform hält Stobbe aber weiterhin nichts: „Beim Spielen übers Business sprechen? Kommt nicht infrage. Wenn, dann werden Geschäfte hinterher bei einem Bier und einem Korn gemacht.“

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