Leben Ein Audi nach der Testosteron-Kur

Wenn man sich bei ABT im bayerischen Kempten einen Audi vornimmt, dann geht es wenig klösterlich zur Sache. Es geht um die schiere Lust am Fahren. Gänzlich unchristlich ist der Preis.

Albert Deuring ist ein höflicher Mensch. Rund 40 Kilometer vor dem Werkstor in Kempten fragt der Chef des ABT Motorsport Engineerings vom Beifahrersitz aus freundlich: „Wie wär’s? Soll ich mal den Rest fahren?“ Das klingt besser als: „Gott, was für ein Geschleiche. Lass‘ mich mal ans Lenkrad, damit wenigstens einer das Auto ausfährt.“ Dabei liegen immerhin schon so um die 80 Kilometer Fahrt hinter uns. Meist Autobahn, aber auch ein gutes Stück schön kurviger Landstraße.

Tempo 280 Plus sind auf den relativ wenig befahrenen und nicht gerade mit engen Kurvenradien gespickten Autobahnen rings um Kempten kein wirkliches Problem. Aber Richtung 300 Stundenkilometer bremst mental dann doch der Respekt den Tatendrang ab. Es ist nicht so sehr der Respekt vor den 620 PS im Rücken – eher der Respekt vor den 345.000 Euro, die der ABT R8 GTR kostet. Und die möchte man dann doch nicht so gern an einer ordinären Leitplanke versemmeln.

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Deuring hat da weniger Bedenken. Er ist mit dem R8 oft auf Dienstfahrt. Zur Abstimmung, während der gesamten Entwicklung, mit Kunden. Er weiß, was er dem Wagen zumuten kann. Und wann. Und wo. Ein heiseres Röhren also, der R8 schwänzelt sich vom Seitenstreifen zurück auf die Fahrbahn – und dann zeigt Deuring, was man bisher verpasst hat. Der Zweisitzer brennt los, als ob es kein Gesetz von der Verzögerung der Masse geben würde. 300 Sachen, 320, dann ist am Horizont ein Auto auszumachen und vorsichtshalber geht es etwas langsamer weiter.

An der Ausfahrt fällt die Tachonadel dreimal so schnell in den zweistelligen Bereich hinunter, wie sie vorher von dort aus hoch geklettert ist. „In jedes schnelle Auto gehört eine schnelle Verzögerung“, sagt Deuring. Klar: Keramikbremsanlage. Schließlich soll der R8 seinem Besitzer auch auf der Rennstrecke Freude machen.

„340 Stundenkilometer sind möglich“, sagt Björn Marek, Pressesprecher von ABT, nach der Fahrt. Man hat keinen Zweifel daran. Die Grundlage für den mattschwarz lackierten ABT R8 GTR, der auf insgesamt 25 Exemplare limitiert ist, baut Audi mit dem Serien-R8 5.2 FSI. Der hat ab Werk 386 kW/525 PS und ein maximales Drehmoment von 530 Nm aus zehn Zylindern. Schon das reicht für Tempo 316 Spitze und einen Spurt in 3,9 Sekunden von 0 auf 100.

In der Montagehalle von ABT wird der Audi nahezu komplett auseinandergenommen. Wenn die Mechaniker nach drei Monaten mit ihm fertig sind, ist er nicht nur gut 190.000 Euro teurer und rund 100 Kilogramm leichter. Er hat dann auch 456 kW/620 PS und ein maximales Drehmoment von 550 Nm. Das reicht für die 340 Stundenkilometer und einen um 0,7 Sekunden schnelleren Spurt auf Tempo 100. Das ist in dem Geschäft eine ganze Welt. Nach 9,9 Sekunden ist man bei 200.

Aber es sind nicht nur Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit, an denen man bei ABT in den drei Monaten dreht: Am Ende steht ein in weiten Teilen neues Auto. So werden Front- und Heckschürze, die verstellbaren Heckflügel, Seitenschweller, Fronthaube und Frontsplitter komplett durch Karbonteile ersetzt. Dazu kommen eine neue Heckklappe inklusive Heckscheibe aus dem Hightech-Polykarbonat Makrolon, Seitenscheiben aus dem gleichen Stoff und Außenspiegel aus der Rennserie. Der angemessene Klang bekommt seinen letzten Schliff durch eine Abgasanlage aus Edelstahl. Für eine erstaunlich gute Mischung aus Sportlichkeit und Restkomfort sorgt ein Gewinde-Sportfahrwerk mit einstellbaren Dämpfern. Auch an der Lenkung hat man in Kempten nachgebessert: Sie ist direkter und präziser als im Serien-R8.

Im Alltag ein zivilisiertes Tier

Innen finden sich Sportlenkrad und Recaro Rennsitze aus Carbon. Dazu kommt eine Mischung aus Carbon-Verkleidungen und einer bis in die Details ausgetüftelten Alcantara-Lederausstattung. „Anfangs waren die Sichtnähte auf dem Armaturenbrett hell“, sagt Albert Deuring: „Die haben sich in der Frontscheibe gespiegelt – nun nehmen wir dunkles Garn.“ Die Überrollbügel aus Edelstahl haben Halterungen für 4-Punkt-Gurte. Normalerweise ist man auf der Straße mit den serienmäßigen 3-Punkt-Gurten unterwegs. Deuring: „Die Renngurte liegen aber griffbereit im Kofferraum.“ Für den Renneinsatz gibt es als Option auch noch Fahreroverall, Helm, Renn- und Handschuhe plus ein eingebautes Videosystem und ein erweiterbares Datenmodul.

Dabei fährt sich der ABT R8 GTR trotz der Testosteron-Kur im Alltag so zivilisiert wie ein VW Passat im Eco-Modus. Er rollt sanft an, lässt sich auf dem Supermarktparkplatz präzise und ohne viel Rangiererei in die Parklücke lotsen oder rollt gemütlich vor der roten Ampel aus. Erst wenn freie Bahn ist, das blaue Autobahnschild im Rücken oder die Linie am Ende der Boxengasse überfahren ist, kann man das Tier aus ihm heraus lassen. Dann drückt einen die brachiale Beschleunigung in die Sportschalensitze, dann ist man froh über den erstklassigen Seitenhalt und erfreut sich am Gepolter des Zehnzylinders, wenn das Getriebe beim Zurückschalten über die Lenkradpaddel eine Prise Zwischengas einstreut. Und dann ist man froh, wenn einer wie Deuring am Lenkrad sitzt.

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