Leben „Ein diskreter Held“ – Vargas Llosas neuer Roman

Der neue Roman "Ein diskreter Held" von Mario Vargas Llosa ist im September im Suhrkamp Verlag erschienen.

Der neue Roman "Ein diskreter Held" von Mario Vargas Llosa ist im September im Suhrkamp Verlag erschienen.© Suhrkamp

Rente mit 77? Nicht für Vargas Llosa. Der Nobelpreisträger kann vom Schreiben nicht lassen und hat einen neuen Roman veröffentlicht. Er führt den Leser wieder nach Peru. Es geht um Liebe und Verbrechen und den Mut des Einzelnen. Eine gute Mischung - sollte man meinen.

Als Mario Vargas Llosa 2010 den Roman „Der Traum des Kelten“ veröffentlichte, hatte ihm die Schwedische Akademie  wenige Wochen zuvor den Literaturnobelpreis zuerkannt. Ans Aufhören dachte der peruanische Preisträger dennoch nicht. Drei Jahre später hat der inzwischen 77 Jahre alte Schriftsteller einen neuen Roman vorgelegt.

Nach der Zeitreise in die Abgründe europäischer Kolonialgeschichte im „Kelten“ spielt „Ein diskreter Held“ im heutigen Peru. Erzählt werden zwei Geschichten: Die des Fuhrunternehmers Felícito Yanaqué, der sich in der nördlichen Stadt Piura aus ärmsten Verhältnissen hochgearbeitet hat und den nun anonyme Schutzgelderpresser abzocken wollen. Und die des steinreichen Geschäftsmanns Ismael Carrera in Lima, der mit seinen gut 80 Jahren die hübsche Haushälterin Armida heiratet, damit seine nichtsnutzigen Söhne nicht sein Vermögen erben.

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Beide Geschichten laufen nebeneinander, die Felícitos in den ungeraden und die Ismaels in den geraden Kapiteln, ein Strickmuster, das man aus anderen Vargas-Llosa-Romanen kennt. Felícito folgt der Mahnung seines verstorbenen Vaters, sich niemals rumschubsen zu lassen und beschließt, der Schutzgeldmafia nicht einen einzigen Sol zu zahlen. Ismael verdrückt sich mit seiner jungen Frau auf Hochzeitsreise nach Europa und lässt seinen Geschäftsführer Don Rigoberto den Zorn der Söhne abfedern, die den alten Herrn für unzurechnungsfähig erklären lassen wollen.

Vargas Llosa greift hochaktuelle Themen in Lateinamerika auf

Geschichten, die das Leben schreibt also, und am Ende fließen beide zusammen, denn Armida, so stellt sich heraus, ist Felícitos Schwägerin. Es sind für Lateinamerika hochaktuelle Themen, die Vargas Llosa anschneidet: Die organisierte Kriminalität auf der einen und die dynamische wirtschaftliche Entwicklung in Ländern wie Peru auf der anderen Seite. In diesen stürmischen Zeiten braucht es Männer mit Charakter. Sein Roman wolle den anonymen Helden Tribut zollen, die vielleicht nie belohnt würden aber wahrscheinlich die Gesellschaften voranbrächten, sagte Vargas Llosa bei der Vorstellung in Madrid.

Vargas-BuchcoverDie deutsche Fassung ist nur wenige Tage nach dem spanischen Original erschienen. Nach den ärgerlichen Übersetzungsfehlern im „Kelten“ macht sich der Wechsel des Übersetzers positiv bemerkbar. Die Geschichte selbst hat aber Schwächen. So erwartet man eigentlich, am Beispiel Piuras mehr zu erfahren über das Wirken des organisierten Verbrechens, das Krebsgeschwür der Korruption, das Komplizentum von Polizei und Kartellen, worunter so viele Länder Lateinamerikas leiden. Doch am Ende ist es gar keine Mafia, die Felícito erpresst, sondern – so viel sei schon mal verraten – ein Einzeltäter aus dem familiären Umfeld. Und die Polizei selbst klärt den Fall auf.

Etwas bemüht wirkt der Versuch, in Anlehnung an Thomas Manns „Doktor Faustus“ auch noch eine Teufelsfigur in die Erzählung einzubauen. Arg rührselig wiederum kommt die Geschichte von Félicitos Vater daher, der, von seiner Frau verlassen, den Jungen alleine aufzieht. In die Rückblenden schleichen sich Wiederholungen ein.

Kein Meisterwerk

Vargas Llosa beschreibt anschaulich, wie sich die Stadt Piura, in der er selbst einige Jahre lebte, verändert hat, mit asphaltierten Straßen, Hochhäusern, Kinopalästen, Einkaufszentren. Merkwürdig ist, dass in Zeiten, in denen jeder Staatschef in Lateinamerika seinen eigenen Twitter-Account pflegt und mutige Bürger in Mexiko auf Facebook gegen die Drogenmafia kämpfen, Vargas Llosas Helden E-Mail, Internet und Smartphones kaum zu kennen scheinen.

Das „Meisterwerk“, als das der Verlag ihn anpreist, ist Vargas Llosas neuer Roman sicher nicht. Als Verbrechensgeschichte ist er nicht so spannend geschrieben wie „Das Fest des Ziegenbocks“ (2000), als Liebesgeschichte nicht so herzzerreißend wie „Das böse Mädchen“ (2006), und er schließt auch keine historischen Wissenslücken wie „Der Traum des Kelten“. Es dürfte aber nicht sein letzter Roman gewesen sein, gab Vargas Llosa in Madrid zu verstehen: „Seit langem sage ich immer wieder, dass ich gerne schreibend sterben würde.“

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