Leben „Elternschaft ist immer unattraktiver geworden“

In Deutschland fehlen die Kinder. Doch noch mehr Geld wird keinen Babyboom bringen, sagt ein Forscher. Sein ungewöhnlicher Rat an die Eltern: Nehmt Kinder nicht wichtiger als euch selbst!

Die Deutschen machen um ihre Kinder zu viel Aufhebens – auch deshalb bekommen sie nach Expertenmeinung seit Jahrzehnten so wenige. Der Bevölkerungsforscher Prof. Norbert Schneider sieht als einen Grund für die niedrige Geburtenzahl in Deutschland ein überzogenes Elternideal. Es gehe nicht um fehlendes Geld, sondern um Kultur: „Es wird erwartet, dass Eltern ganz für die Kinder da sind. Damit ist Elternschaft immer unattraktiver geworden“, sagte der Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Die Behörde in Wiesbaden berät seit 40 Jahren die Bundesregierung in Fragen des demografischen Wandels.

Gerade die Erwartungen an moderne Mütter seien widersprüchlich und nicht zu erfüllen. „In diesen Konflikt wollen sich die Menschen nicht begeben. Die Gesellschaft erwartet erwerbstätige Mütter, die unabhängig von ihrem Mann sind, die sich aber auch intensiv um die Kinder kümmern“ – so beschreibt Schneider die Überforderung.

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Es gebe kaum positive Leitbilder: Mütter seien entweder „Rabenmütter“, „Heimchen am Herd“ oder „Latte-Macchiato-Mütter“ – dieser spöttische Begriff bezeichnet Frauen in der Großstadt, die sich mit teuren Kinderwägen in Cafés treffen und den Stolz auf ihre Mutterrolle herauskehren. Kinderbetreuung außer Haus gelte immer noch als minderwertig, auch wenn sich dies langsam ändere. Das Leitbild mit der Spannung zwischen Frauenemanzipation und Kindeswohl hat sich nach seiner Überzeugung seit den 1980er Jahren entwickelt.

Schneider sieht Deutschland in einem Kulturwandel. Andere Länder hätten andere Antworten gefunden – mit besseren Ergebnissen für die Geburtenrate. „Frankreich ist immer noch ein patriarchalisches Land, das Familienbild ist traditioneller.“ Dort sei das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern distanzierter: „Die Bedürfnisse der Erwachsenen gehen vor, Kinder stehen nicht so im Mittelpunkt wie in Deutschland.“ Nordische Länder wie Dänemark hätten dagegen die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt gestellt. Sie würden früh und umfassend betreut und gefördert. Doch auch dies entlaste die Eltern.

Deutschland müsse seine Kinderbetreuung noch verbessern, folgerte Schneider. Auch seien vielfältige Möglichkeiten von Teilzeitarbeit notwendig. „Wir wissen, dass viele Mütter Arbeitszeiten zwischen 27 und 32 Stunden anstreben.“ Väter wollten eher 35 als 40 Stunden arbeiten. Das gebe Familien die Freiheit, ihre Lebensform zu wählen. Vor allem aber müsse man inneren Druck von den Eltern nehmen. „Wir brauchen mehr Gelassenheit“, sagte Schneider. „Die Idee ist falsch, dass Kinder sich besser entwickeln, wenn man sich permanent um sie kümmert.“

2 Kommentare
  • Kinder...sind das Großartigste auf der Welt - und... Kinder sind das Normalste auf der Welt. 24. Juni 2013 12:51

    Gerne Kinder haben – das wollen junge Menschen dann, wenn das Bild „Familie“ attraktiv ist, von den eigenen Angehörigen und der Gesellschaft positiv bewertet wird.

    Der Autor legt einen Finger in die Wunde, wenn er feststellt, dass hierzulande eher ZUVIEL Gewicht auf das Kind gelegt wird als zuwenig.

    Es gibt einen schönen Satz:

    „Kinder…sind das Großartigste auf der Welt – und ….Kinder sind das Normalste auf der Welt.“

    In Deutschland macht man aus Angst vor Fehlern vor dem „Großartigsten“ offenbar die gegenteilige Bewegung und vergisst, dass Kinder auch „was Normales“ sind und die Herausforderungen, die sie mit sich bringen, auch zu bewältigen sind.
    Oder man gibt sich weltpessimistisch und behauptet, aus reinster Sorge um die Zukunft den Kindern „diese Welt nicht zumuten“ zu wollen.
    Auch „passen“ Kinder oft gerade nicht in die Berufs- und Lebensplanung. Das gilt vielen als ausreichendes Argument für Abtreibungen. Im Gegenteil, wer da nicht aufs Kind „verzichtet“, wie es euphemistisch heisst, wird scheel angesehen. Kinder während der Berufseinarbeitungszeit? Gar während der Ausbildung?

    Aber die Kinder sind ja gerade ein Teil dieser Zukunft! Wie soll die schön werden, wenn die Kinder vorher als unpassend aussortiert wurden ?

    Wohl wird leicht vergessen, dass der Mensch an der Herausforderung selber wächst. Und dass es viel, viel Freude macht, Kinder heranwachsen zu sehen und bei allen Schwierigkeiten sicher ins Leben zu begleiten. Wobei die Freude überwiegt.

    Ich empfehle diesen Blog einer jungen Mutter, an dem man sehen kann, dass es auch manchmal gelingt: Beruf mit Mann und Kind.

    http://erziehungsluecke.wordpress.com

  • Klaus 21. Juni 2013 12:25

    “ Kinderbetreuung außer Haus gelte immer noch als minderwertig, auch wenn sich dies langsam ändere“
    Nicht minderwertig, sondern zu teuer.
    Was hat die Kinderbetreuung außer Haus für einen Sinn, wenn die den kompletten Lohn der Mutter auffrißt, ausser der Bestätigung im Beruf und der Karriere ?
    Bezahlbare Betreuungsplätze würden sicher auch zu mehr Kindern führen

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