Leben Endlos-Hickhack statt Jahrhundert-Verfahren in Guantánamo

Der Prozess um die Anschläge vom 11. September 2001 dürfte in die Geschichtsbücher eingehen - wenn er jemals beginnt. Seit Jahren warten Angehörige der Opfer auf den Start des Hauptverfahrens. In Guantánamo ist das Warten längst Gewohnheit.

Chalid Scheich Mohammed muss einen guten Witz gemacht haben, denn sein Verteidiger legt den Kopf in den Nacken und lacht. Die beiden scheinen zu plaudern, aus der Entfernung wirken sie fast wie alte Freunde. Erst als Richter James Pohl in schwarzer Robe den Saal betritt, verwandeln sich Chalid Scheich Mohammed und David Nevin wieder in den Angeklagten und seinen Anwalt, in zwei der wichtigsten Figuren eines historischen Prozesses – dem bevorstehenden „Jahrhundert-Verfahren“ gegen die mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001.

Die entführten Flugzeuge, die brennenden Türme, das einstürzende World Trade Center in New York – all diese grausamen Bilder scheinen weit entfernt von dem Sondergericht, das diese Woche auf Guantánamo Bay erneut über zig Anträge und Verfahrensfragen im Zusammenhang mit den Attacken entscheiden soll. Fast zwölf Jahre sind seit „9/11“ vergangen. Der angedachte Beginn des Hauptverfahrens im Herbst 2014 ist ungewiss, und irgendwie sind das Lager, das Sondergericht und das ewige juristische Tauziehen um den Prozess nach und nach zur Normalität geworden.

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Das mag man jedenfalls glauben, wenn man den Mann beobachtet, der die schwerste Terrorattacke aller Zeiten auf amerikanischem Boden geplant und das Leben Tausender auf dem Gewissen haben soll. Ruhig blättert Mohammed durch Unterlagen, die ihm seine Verteidiger reichen und streicht sich mit knochigen Fingern durch seinen langen, orange gefärbten Bart. Auch Ramzi Binalshibh, der in Hamburg mit dem Todespiloten Mohammed Atta zusammen wohnte und einer seiner engsten Vertrauten gewesen sein soll, scheint die Voranhörung gelassen zu nehmen – er witzelt während des Hearings mit seinem Hintermann.

Mit welchen Verhörmethoden kamen Aussagen zustande?

Weder die Schließung des umstrittenen Gefangenenlagers, noch ein Beginn – oder gar ein Abschluss – des „9/11“-Verfahrens sind in Sichtweite. Und so haben sich auch die Journalisten auf der Militärbasis schrittweise eingerichtet und persönliche Dinge im kleinen Arbeitsraum gelassen, der sich für einige in ein zweites Büro verwandelt hat. Einige der Reporter sind unzählige Male auf der Insel gewesen und haben schon viele Gefangene, Verteidiger, und Militärs kommen und gehen sehen. Wirklich neue, packende Geschichten hat „Gitmo“ für sie in diesen Tagen kaum zu bieten.

Unermüdlich versuchen derweil Verteidiger und Staatsanwaltschaft, die jeweils andere Seite per Antrag im Gerichtssaal niederzuringen. Ohne Zweifel stehen dabei wichtige Fragen im Raum: Mit welchen Verhörmethoden kamen die Aussagen der mutmaßlichen Drahtzieher zustande? Wird tatsächlich die Kommunikation zwischen den Mandanten und ihren Verteidigern überwacht, wie diese behaupten? Und was genau geschieht hinter den Zäunen des streng geheimen Lagers „Camp 7“, in dem laut Verteidigern Standards der Genfer Konventionen gebrochen werden?

Doch das juristische Klein-Klein erschöpft viele Reporter und unabhängige Beobachter schnell. Rund eine Stunde vergeht allein mit der Frage, ob der an einer Magen-Darm-Entzündung leidende Walid bin Attasch, der die Todespiloten unterstützt haben soll, im Gericht erscheinen kann – und ob es zumutbar ist, ihn hin und wieder die Toilette aufsuchen zu lassen, wenn sein Durchfall ihn plagt. Dass diesen Männern bei einer Verurteilung die Todesstrafe droht und Angehörige von fast 3000 Toten ihre Familienmitglieder, Partner oder Freunde verloren, scheint in diesen Stunden kaum jemanden zu beschäftigen.

Umfassendes Geständnis von Chalid Scheich Mohammed

Als immer wiederkehrenden „Murmeltiertag“ beschreibt Zeke Johnson den Umgang mit den vielen noch immer ungeklärten Verfahrensfragen. „Dieselben Anträge der Voranhörung werder wieder und wieder debattiert, ohne ein Ende in Sicht“, sagt Johnson, der die Hearings für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verfolgt.

Chalid Scheich Mohammed, der wegen seines langen Namens abgekürzt nur noch „KSM“ genannt wird, hatte zu den Attacken vom 11. September ein umfassendes Geständnis abgelegt. „Ich war verantwortlich für die 9/11 Operation, von A bis Z“, sagte er bei einer Vernehmung im Jahr 2007 vollmundig. Zugleich ließ er in gebrochenem Englisch aber wissen: „Ich töte Menschen nicht gern. Es tut mir sehr Leid, dass diese wurden Kinder getötet in 9/11.“

Strengste Sicherheitsauflagen erinnern bis heute daran, dass die USA hier mutmaßliche Terroristen gefangen halten – oder Menschen, die als zu gefährlich gelten, um freigelassen zu werden. Doch im Umgang mit den fünf Angeklagten scheinen die US-Soldaten ihren Griff auch gelockert zu haben. Als die sogenannten „Guantánamo Five“ 2009 vor dem Sondergericht erschienen, wurden sie am Saalboden festgekettet. Heute bleiben die Eisenketten am Boden liegen. Ali Abdel Asis Ali, der die Flugzeugattentäter mit Geld versorgt haben soll, scheint das zu gefallen. Er hat sich im Gerichtssaal die Schuhe ausgezogen.

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