Leben Französische Filmemacher fürchten Tarifvertrag

Eine Szene aus dem Film "The Artist"

Eine Szene aus dem Film "The Artist"© Festival de Cannes

Steht der französische Autorenfilm vor dem Aus? Dieses Schreckensszenario malen einige Filmschaffende an die Wand. Sie warnen vor einem neuen Tarifvertrag, der bald in Kraft treten soll.

„The Artist“, „Ziemlich beste Freunde“ oder „La vie d’Adèle“: Französische Regisseure sind mit ihren Filmen regelmäßig unter den Preisträgern internationaler Festivals. Um sich gegen die finanzstarke Mainstream-Konkurrenz aus Hollywood zu behaupten, pumpt Frankreich in seine Filmindustrie viel Geld. Während einige Schauspieler zu den bestbezahlten weltweit gehören, müssen Maskenbildner, Tontechniker oder Kameramänner jedoch oft mit Mini-Löhnen und unbezahlten Überstunden leben. Auch der diesjährige Gewinnerfilm des Filmfestivals Cannes, „La vie d’Adèle“, stand wegen angeblich unzumutbarer Arbeitsbedingungen der Techniker in der Kritik.

„Wir müssen auch unsere Miete bezahlen“
Daran könnte sich nun etwas ändern. Vom 1. Oktober an soll ein neuer Tarifvertrag die Arbeitszeiten und Löhne für die Branche verbindlich regeln. Der Text sorgt allerdings für große Aufregung. Mehr als 800 Filmschaffende fürchten durch die Mehrkosten den Tod des französischen Autorenkinos. Der Vertrag werde sie „lebendig begraben“, beklagen sie in einem offenen Brief an Präsident François Hollande. Er stelle die Realisierung von Filmen mit weniger als 2,5 Millionen Euro Budget infrage. Die unabhängige Produktionsfirma UPF warnt, ein Drittel der französischen Filme werde verschwinden oder künftig im Ausland realisiert – trotz möglicher Sonderregelungen für einen kleinen Teil von Produktionen.

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Filmtechniker und manche Regisseure halten die Befürchtungen für übertrieben. „Der französische Film wird nicht daran zugrunde gehen, dass man normale Gehälter bezahlt“, sagt die 30 Jahre alte Kameraassistentin Claire Dabry. Sie hat tagtäglich gegen unbezahlte Überstunden und viel zu niedrige Löhne zu kämpfen. „Wir lieben den französischen Film und wollen, dass er erhalten bleibt. Aber wir müssen auch unsere Miete bezahlen“, ergänzt Dabry.

Auch Regisseur und Kameramann Gilles Porte hält die Argumentation der Vertragsgegner für „gefährlich“. „Man kann die Jungen nicht dazu ermutigen, Filme mit großem Budget zu machen, ohne die Leute zu bezahlen.“ Der Vertrag sei absolut notwendig, jedoch verbesserungsfähig. Etwa im Bezug auf die Arbeitszeiten. Überschreite ein Techniker die festgelegten Wochenstunden, müsse das laut neuem Vertrag 15 Tage zuvor bekanntgegeben werden. „So etwas kann man im Filmbereich nicht vorhersehen“, so Porte.

Hohe Gagen für Stars, Hungerlöhne für Techniker
Das eigentliche Problem sieht er – wie viele andere Filmschaffende – in dem System der Filmfinanzierung und der Transparenz des Budgets. Es sei nirgends einsehbar, was die Produzenten mit den Fördergeldern machten. So gingen die hohen Gagen mancher Stars nicht selten auf Kosten der Techniker. „Ein Problem der Verteilung“, sagt Porte.

Kulturministerin Aurélie Filippetti hat vor wenigen Tagen auf die Kritik reagiert. Sie will den Text bis Ende September überarbeiten lassen. Den Gewerkschaftsvertretern dürfte das nicht gefallen. „Wir kämpfen seit Jahren für einen solchen Vertrag“, sagt Kameramann Denis Gravouil von der Gewerkschaft Spiac-CGT.

Manche Filmemacher hatten sich bereits mit den geplanten Änderungen arrangiert. „Das ist eine Herausforderung für junge Regisseure, Filme anders zu machen, weg vom Cinéma bourgeois“, sagt Gilles Porte. Der 28-jährige Regisseur Florent Cassiani-Ingoni ergänzt: „Ich werde auch mit dem neuen Vertrag noch Filme machen können.“ Für ihn verhindert der Text, dass Leute ausgebeutet werden. „Wenn er denn eingehalten wird“, fügt er hinzu.

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