Leben „Grenzdarsteller“ für Touristen: Wie Berlins falsche Soldaten Kasse machen

Ein falscher Grenzsoldat am Checkpoint Charlie in Berlin

Ein falscher Grenzsoldat am Checkpoint Charlie in Berlin© jiortola - Fotolia.com

Sie stellen sich in Uniform neben Touristen, lächeln ins Bild - und halten die Hand auf. An historischen Schauplätzen Berlins verdienen falsche Soldaten an der Vergangenheit - nicht alle Ordnungshüter wollen das akzeptieren.

Männer in US-Soldatenuniform stehen am einstigen Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie. Sie salutieren und schütteln sich die Hände. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist das ein tägliches Bild: Solche „Grenzdarsteller“ – verkleidete Soldaten als Attraktion für Touristen – stehen am Brandenburger Tor, am Potsdamer Platz oder eben am Checkpoint Charlie. Für manche ist das eine Verunglimpfung historischer Stätten, für andere ein willkommenes Fotomotiv – und für die Darsteller ein blühendes Geschäft.

Dem Bezirksstadtrat Mitte, zuständig für Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, sind die falschen Soldaten ein Dorn im Auge. Die ehemaligen Grenzstätten seien „Negativbereiche“, sagt Sachgebietsleiter Thomas Tailor. An besonders geschichtsträchtigen Orten sei Gewerbe nicht erlaubt, dafür vergebe der Bezirk keine gewerberechtlichen Genehmigungen.

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Was in Rom die verkleideten Gladiatoren und in Barcelona die Stierkämpfer, sind in Berlin die Grenzsoldaten. Sie verdienen Geld mit der Vergangenheit und lassen sich mit Touristen fotografieren. Zwei bis sechs Euro kosten solche Souvenirs. Und viele Touristen wollen sich mit Symbolfiguren des Kalten Krieges fotografieren lassen. Fast im Minutentakt wird an guten Tagen der Kameraauslöser gedrückt, die Kasse der Darsteller klingelt im selben Tempo.

Gewinn der Grenzdarsteller mit Visa-Stempeln pro Tag: 3500 Euro

Neben Fotos gibt es nachgemachte Reisevisa für den ehemaligen West-Sektor – mit angeblich originalen Stempel-Aufdrucken. Geprüft wird die Originalität nicht – solche Stempel werden im Internet für unter 50 Euro angeboten.

In den letzten eineinhalb Jahren verzeichnete der Bezirk Mitte einen deutlichen Anstieg an Scheinvisa-Verkäufen. Der tägliche Gewinn, den die Grenzdarsteller mit Visa-Stempeln machen, wird auf mindestens 3500 Euro geschätzt. Dagegen geht der Bezirk vor. Der Bezirksstadtrat spricht von 70 laufenden Ermittlungsverfahren seit vergangenem Juli, darunter 25 Beschlagnahmungen. „Bisher sind uns 20 Personen bekannt, die wir regelmäßig am Potsdamer und Pariser Platz entdecken und deren Uniformen und Produkte wir einziehen“, berichtet Tailor.

Bisher blieb dieses Vorgehen wirkungslos. „Trotz der Beschlagnahmung stehen dieselben Personen am nächsten Tag wieder vor Ort und versuchen, Geld zu machen. Daran lassen sich organisierte Strukturen ablesen“, sagt Tailor. Einzelne Gruppen hätten Reviere, sogar Handgreiflichkeiten habe es schon gegeben, als eine Partei in ein anderes Gebiet eindrang. Die Verkäufer haben demnach unterschiedliche Hintergründe: Berliner stehen dort ebenso wie Osteuropäer, Studenten ebenso wie Arbeitslose.

Anders als am Potsdamer und Pariser Platz ist am Checkpoint Charlie der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zuständig. Der geht bisher nicht gegen Grenzdarsteller vor. Was in Mitte geheim abläuft, geschieht am Checkpoint Charlie öffentlich: Der Verkauf von Scheinvisa. An einem Tisch erhalten Touristen ein Dokument mit der Aufschrift „Anlage zum Westberliner Personalausweis“ und je nach Geldbeutel sechs Stempel für fünf Euro oder 15 für zehn Euro. Zudem können sich auch hier Touristen mit vermeintlichen Grenzsoldaten fotografieren lassen. Zwei Männer in US-Uniform stehen hier regelmäßig – einer macht die Fotos, mit dem anderen posieren die Touristen.

Zwei Euro je Foto – pro Person

Die Behörde tut sich schwer, die Tätigkeit der Grenzdarsteller als gewerblich einzuordnen. Der Leiter des Bezirksordnungsamtes, Joachim Wenz, sieht derzeit keine Gründe, gegen die falschen Grenzsoldaten vorzugehen. Es gebe keine Beschwerden. „Wenn etwas Rechtswidriges geschieht, dann werden wir auch handeln“, versichert er. Laut Ordnungsamt fordern die Soldaten für das Fotografieren keinen festen Geldbetrag. Touristen könnten eine Spende geben, das sei freiwillig.

Bei näherem Hinsehen erscheint die Freiwilligkeit fraglich. Preisschilder am Gürtel der Soldaten beziffern den Wert eines Fotos, zwei Euro oder drei US-Dollar pro Person. Und Szenen wie diese sind normal: Fünf Jugendliche wollen sich mit einem Soldaten vor der Rückseite des Kontrollhäuschens fotografieren lassen. Jeder zahlt zwei Euro. Ein Sechster springt ins Bild – und wird von den Soldaten verscheucht. Er hat nicht gezahlt und darf nicht mit aufs Foto.

Bei Reisegruppen kassieren die Soldaten in kurzer Zeit viel Geld. Innerhalb weniger Minuten verdienen sie mehr als 50 Euro. Es wird nicht der einzige Gewinn des Tages bleiben.

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