Leben „Je größer der Name, desto größer der Druck“

Auf dem Treffen der Hénokiens führte Impulse Interviews mit acht Unternehmensvertretern. Die Firmenlenker sprachen über ihre härteste Prüfung, die größte Herausforderung und den Wertekanon. Den Anfang macht Jean-Philippe Peugeot vom Autohersteller PSA Peugeot Citroën.

impulse: Was war die härteste Prüfung in 201 Jahren?

Wir haben überlebt, weil meine Ahnen es stets verstanden haben, sich vorzubereiten. mein Großvater erahnte die Schrecken, bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach. Wir bauten damals eine moderne Fabrik. er dokumentierte alles, sammelte die Rechnungen für jede Maschine, ließ jedes Detail im Werk fotografieren, um sein Recht falls nötig nachzuweisen. Als die Amerikaner nach dem Krieg Reparationszahlungen bewilligten, war Peugeot eines der ersten Unternehmen, das Geld bekam.

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impulse: Was ist die wichtigste Herausforderung heute?

Wir sind für 200 000 Mitarbeiter verantwortlich und stehen wieder vor einer großen Krise. Ich erwarte für die Autobranche härtere Zeiten als 2008. Jetzt müssen wir uns vorbereiten. Wir achten auf jedes Signal vom Markt, passen unsere Produktion an, damit wir schnell auf Auftragsrückgänge reagieren können. Zudem arbeiten wir an neuen, günstigeren Modellen. Wir werden in Zukunft mit kleineren Stückzahlen leben müssen, und diese Zukunft wird wohl sehr schnell beginnen.

impulse: Hat Sie die große Tradition Ihres Familienunternehmens je unter Druck gesetzt?

Als Kind sah ich nur den Spaß. mit 13 durfte ich mit meinem Vater Prototypen testen. Als ich studierte, wurde mir klar, was für eine Aufgabe auf mich wartet. Dass ich mich würdig erweisen müsste. Je größer der Name, desto größer der Druck.

impulse: Ihr Name ist eine Marke …

Mein Name gehört so vielen Menschen. Ein Fehler – auch im Privatleben – könnte Hunderttausende Mitarbeiter schädigen. Ich bin mir bewusst, dass ich mit der Geburt Privilegien bekommen habe. Aber damit kommen auch Pflichten.

impulse: Welche Werte prägen Ihre Familie?

Verantwortung und Respekt, der Wille, hart zu arbeiten. Und Treue ist wichtig, nicht nur in der Ehe. Treue zu Werten, Konzepten und Menschen.

Interview mit Gekkeikan-Chef Haruhiko Okura

impulse: Was war die härteste Prüfung in 374 Jahren?

Der Zweite Weltkrieg. Damals hungerten die Japaner. es gab nicht genug reis, um alle satt zu ma- chen – schon gar kein Korn für unseren Reiswein, den Sake. Mein Großvater musste die Produktion einstellen. Nur, wie überleben? Er nahm die Eismaschine in Betrieb, die man sonst bei der Produktion von Sake nutzte, und verkaufte die Eiswürfel.

impulse: Was ist die wichtigste Herausforderung heute?

In Japan sinkt der Sakeverbrauch, die jungen Leute trinken lieber Bier. Ein Lichtblick ist der internationale Markt. Zehn Prozent der 15o 000 Hekto liter, die wir im Jahr herstellen, verkaufen wir außerhalb Japans. In den USA haben wir eine eigene Fabrik.

impulse: Wer wird Ihr Nachfolger?

Wir haben drei Söhne, der Älteste soll übernehmen, wie es Tradition in Japan ist. Er studiert International Business in Großbritannien.

Interview mit Barovier&Toso-Chef Jacopo Barovier

impulse: Was war die härteste Prüfung in 716 Jahren?

Im 17. Jahrhundert kam die Konkurrenz durch Brüsseler Glaskünstler, später böhmisches Glas.
Die Kriege. Es war immer auch ein Kampf.

impulse: Wie hat das Familienunternehmen überlebt?

Durch Innovationen. Vieles, was heute Standard ist, haben wir erfunden: Mein Urahne Angelo entwickelte im 15. Jahrhundert das Kristallglas. Und die Chinesen färben heute mit unserer Technik. Dazu werden transparentem Glas besondere Pulver beigemischt.

impulse: Wer übernimmt die Nachfolge?

Mein Sohn und mein Neffe sind leider nicht interessiert. Aber natürlich ist es unsere Pflicht, die Zukunft von Barovier & Toso zu sichern und das Vermächtnis zu bewahren. Mit Institutionellen Investoren wollen wir uns unabhängiger von persönlichen und familiären Belangen machen.

impulse: Was ist Ihre größte Herausforderung?

Unser Produkt ist absolut nicht notwendig. Wir verkaufen Emotionen, Kultur, Schönheit. Die Krise 2008 hat uns hart getroffen, wir kämpfen immer noch jeden Tag. Wer Geld mit seinem Aktiendepot verliert, ist nicht in der Stimmung, 50 000 Euro für einen Kronleuchter auszugeben.

impulse: Werden Sie diese Krise überstehen?

Die Vergangenheit gibt mir Kraft. Wir sind sehr flexibel, haben keine Schulden bei der Bank. Wenn ich zurückschaue – die zwei Kriege, die Krisen -, ist diese Phase jetzt nur eine Delle, ein Abschwung.

Interview mit Hottinguer-Chef Jean-Philippe Hottinguer

impulse: Was war die härteste Prüfung in 225 Jahren?

Drei Generationen waren leider ein Ausfall. Wir gehören zu den ältesten Unternehmerfamilien Frankreichs. Geblieben ist nur die Bank. Mein Vater und sein Familienstamm haben sie von null wieder aufgebaut.

impulse: Was ist Ihre größte Herausforderung heute?

Die Großbanken und ihr kurzfristiges Denken. Sie verlieren zunehmend den Blick auf ihre wichtigste Funktion: die Ausgabe von Krediten.

impulse: Spüren Sie den Druck der Tradition?

Man wächst da auf ganz natürlichem Weg hinein, wird von der Tradition geprägt, ohne es zu merken. Gefühlt bin ich erst die zweite Generation. Mein Vater hat das Geschäft in Frankreich aufgebaut, ich treibe die Internationalisierung voran.

Interview mit J.D.-Neuhaus-Chef Wilfried Neuhaus-Galladé

impulse: Was war die härteste Prüfung in 266 Jahren?

Für mich war es die Bergbaukrise. Jahrzehntelang waren wir im Bergbau Hauptlieferant für pneumatische Hebezeuge und konnten wunderbar davon leben. mein vater belieferte die bergwerke direkt in der Umgebung. Ich übernahm 1986. Jedes Jahr brachen die Umsätze um 15 bis 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein. eine unfassbare Krise.

impulse: Wie haben Sie überlebt?

Wir haben einen internationalen Vertrieb aufgebaut und die Fertigung flexibilisiert. Außerdem haben wir die Produktpalette erweitert. bis hin zu kompletten Offshorekranen. So sind wir Weltmarktführer geworden. Unser Exportanteil beträgt heute über 80 Prozent, und wir beliefern Kunden in fast 100 verschiedenen Branchen.

impulse: Was ist die wichtigste Herausforderung heute?

Bei meinen drei Kindern Begeisterung fürs Unternehmen zu wecken. Wir haben gerade unseren ersten FamilyDay veranstaltet. Die Kinder haben mich mit Fragen zum Unternehmen bestürmt, das hat mich unheimlich gefreut.

impulse: Welche Stärken hat Ihre Familie?

Schon mein Opa hat gesagt, das erwirtschaftete Geld arbeitet am besten im eigenen Unternehmen – so halten wir es auch. Und ich denke, die Mitarbeiter spüren die Verbundenheit der Familie und bleiben uns deshalb treu.

Interview mit Schwarz-und-Schlichte-Chef Friedrich Schwarze

impulse: Was war die härteste Prüfung in 347 Jahren?

In den 1920erJahren hat mein Großvater an der börse in eine Aktie fehlinvestiert. Wir mussten einen Gutshof und privates Vermögen verkaufen. Daneben waren die beiden Weltkriege schwere Krisenzeiten.

impulse: Ihre größte Herausforderung heute?

Ende 2010 haben wir Three Sixty vodka gekauft. Diese neue Marke will ich an die Spitze des Marktes für Premiumwodkas bringen.

impulse: Wie motivieren Sie Ihre Kinder, ins Unternehmen zu kommen?

Allenfalls durch mein Beispiel. Mein Vater hat mich früh in Richtung Nachfolge gedrängt. Daraufhin habe ich meinen Weg zunächst außerhalb des Familienunternehmens gesucht. Ich will meinen Kindern Freiraum lassen. Ein Unternehmen muss so gut sein, dass es auch von einem Fremdmanager geführt werden kann. Meine Tochter arbeitet im Rechnungswesen eines großen Elektronikhändlers. Ihr familiärer Firmenhintergrund ist da weder bekannt noch wichtig. Mein Sohn studiert bWL. Beide kämen als Nachfolger infrage.

Interview mit Okaya-Chef Tokuichi Okaya

impulse: Was war die härteste Prüfung in 342 Jahren?

1967 brannte unser Hauptsitz komplett nieder. Meine Eltern, die damals die Firma führten, waren geschäftlich in Europa unterwegs. Sie schrieben ihren Mitarbeitern, dass sie in sechs Monaten wieder eröffnen wollten, schickten Geld für den Neubau nach Japan und setzten ihre Reise fort, um neue Aufträge zu akquirieren.

impulse: Sie kamen trotz des Unglücks nicht zurück?

Ja – und das war richtig, weil sie so zeigten, dass sie ihren Mitarbeitern zu 100 Prozent vertrauten. So halte ich es heute auch. Meine Mitarbeiter sind meine Familie. Ohne vertrauen geht nichts.

impulse: Verraten Sie uns Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ach, überleben oder nicht, das ist alles Glück.

impulse: Und wie viel arbeiten Sie für Ihr Glück?

Sieben Tage die Woche etwa zwölf Stunden, wenn man die Abendessen einrechnet. Man muss Kunden und Geschäftspartnern gut zuhören und als Unternehmer immer etwas Neues wagen. Anfangs sind neue bereiche oft extrem klein im Vergleich zu den Geschäftsfeldern, von denen das Unternehmen lebt. Aber unter diesen Kleinen ist mit etwas Glück der nächste Wachstumsmarkt. Zuletzt waren das für uns zum beispiel LED-Lichter.

impulse: Wer soll die Nachfolge übernehmen?

Das Unternehmen ist rasant gewachsen, wir haben heute 64 Tochterfirmen. Natürlich wünsche ich mir, dass mein Sohn übernimmt. meine zwei anderen Kinder sind Mädchen, es wäre in Japan unüblich, wenn sie nachfolgen. An diese Möglichkeit habe ich nie gedacht.

Interview mit Viellard-Migeon-Chef Christophe Viellard

impulse: Was war die härteste Prüfung in 332 Jahren?

Wie viele große Industriellenfamilien hat uns die Verstaatlichung der Energieherstellung schwer getroffen. In Frankreich kam sie 1936. Wir hatten rund 1 Mrd. Franc in einen Staudamm investiert. Kurz darauf wurde er verstaatlicht. Das Elektrizitätswerk gibt es heute noch.

impulse: Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Jedes Unternehmen hat sein Silicon Valley, den Ort, wo es herkommt. bei uns ist das Belfort. Dort verstehen die Menschen unsere Werte und Entscheidungen. In Belfort und zwei weiteren Dörfern arbeiten rund 100 Menschen für uns. Dazu kommen 400 Angestellte in Tochterfirmen. 12000 mitarbeiter sind es, wenn man die rapala-vmC-Gruppe und die Lisi-Gruppe hinzuzählt. In diesen Gruppen haben wir uns mit anderen Familien zusammengeschlossen, etwa mit den Peugeots.

impulse: Wer übernimmt die Nachfolge?

Ich bin nur noch Präsident, mein Neffe Emmanuel führt die Geschäfte. Er macht seine Sache hervorragend. Das muss er auch. Er hat 1500 Cousins. Wenn man da keinen Erfolg hat, ist man zerstört.

impulse: Und Ihre eigenen Kinder?

Ich habe Emmanuel immer unterstützt, vielleicht sogar mehr als meinen eigenen Sohn. Als Unternehmer muss man in erster Linie danach streben, das Unternehmen voranzubringen, nicht danach, die eigenen Kinder zu fördern. Emmanuel war schon als Kind ein Leader, das konnte man beim Rugby beobachten. Ich bin überzeugt, dass Führungskräfte gute Sportler sein müssen. Weil man eine gute physische Fitness braucht, um diesen Job durchzuhalten.

impulse: Welche Sportart betreiben Sie?

Heute bin ich alt und gehe nur noch fischen und jagen. Früher habe ich mich für Fußball, Tennis und Skifahren begeistert und gefochten.

impulse: Hat die Tradition Sie je unter Druck gesetzt?

Nein, denn ich habe anfangs eine kleine Sparte übernommen, die Köder- und Angelhakenfabrik. mit der bin ich gewachsen, von 50 auf 3000 Angestellte. Ich durfte mein Leben lang gestalten.

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