Leben Krise stärkt Rechtsextremisten

Die Acropolis in der griechischen Hauptstadt Athen

Die Acropolis in der griechischen Hauptstadt Athen© sorincolac / Fotolia

Griechenland kämpft nicht nur gegen die Finanzkrise. Auch der Rechtsextremismus wird immer bedrohlicher. Von der Bedeutungslosigkeit vor ein paar Jahren sind die Rechtsextremisten in allen Umfragen zur drittstärksten Kraft aufgestiegen.

 

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„Schert euch hier weg. Lebensmittel bekommen nur Griechen.“ Mit diesen Worten verscheucht ein kahlgeschorener 1,90 Meter großer Bodybuilder junge Menschen, die augenscheinlich aus dem indischen Subkontinent stammen. Die Szene spielte sich jüngst im Zentrum Athens ab. Die fremdenfeindliche und rechtsextremistisch orientierte Partei Chryssi Avgi (Goldene Morgenröte) startete eine ihrer Aktionen der „Hilfe für die notleidende Bevölkerung“.

Ein kleiner Lastwagen kam, zwei Bänke wurden aufgestellt. Etwa ein Dutzend junger Leute, die T-Shirts mit dem Logo der Partei trugen, machten sich breit und riefen: „Kommt. Aber nur Griechen. Einwanderer sind Feinde der Nation.“ Es wurden Obst, Gemüse und Spaghetti verteilt. „Es war widerlich. Nur wer einen griechischen Personalausweis zeigte, bekam was“, sagt eine 66-jährige Rentnerin.

In Griechenland hat die Euro-Schuldenkrise und der bislang unkontrollierbare Flüchtlingszustrom zu einem vehementen Anstieg des Rassismus in einigen Teilen der Gesellschaft geführt. Rund 1,5 Millionen Nicht-EU-Ausländer trieb die Hoffnung auf ein besseres Leben nach Griechenland. In dem kleinen Land an der südöstlichen Außengrenze Europas leben Hunderttausende ohne Papiere.

Legale Arbeit gibt es für sie nicht, denn auch die Einheimischen leiden. Fast 60 Prozent der jungen Leute sind ohne Job. Ihren Eltern geht es ebenfalls immer schlechter. Insgesamt mehr als 27 Prozent sind arbeitslos. Da ist es für die Propagandisten der Chryssi Avgi sehr leicht, den Sündenbock für das Elend zu finden: den Migranten.

Die griechische Presse warnt schon seit Monaten vor einem „rassistischen Amoklauf“. In den vergangenen drei Jahren stieg die „Goldene Morgenröte“ quasi aus der Bedeutungslosigkeit auf und zog mit 18 Abgeordneten ins Parlament ein. Umfragen sehen sie aktuell sogar bei elf Prozent. „Die Neonazis drittstärkste Kraft, ich kann es nicht fassen“, sagt ein 88-jähriger Widerstandskämpfer, der während des Zweiten Weltkrieges gegen die Besatzer der Wehrmacht in den griechischen Bergen gekämpft hatte.

Samaras: „Tödliche Mischung“

Ministerpräsident Antonis Samaras spricht von einer „unglaublichen
Lage“: „Wenn Sie die Wirtschaftskrise und die damit verbundene Verunsicherung mitzählen, dann haben Sie eine tödliche Mischung“, warnte er bereits im Oktober vergangenen Jahres. Ein Todesopfer gab es schon.
Mitten in Athen stachen schwarz gekleidete Männer im August
2012 einen dunkelhäutigen Mann nieder. Der 19-Jährige verblutete. Die Tat ist kein Einzelfall. Migrantenorganisationen berichten von Hunderten Überfällen mit zahlreichen Verletzten.

In vielen Fällen schaut die völlig überforderte und unterbezahlte Polizei einfach weg, wenn ein Migrant misshandelt wird. Mitunter sollen sogar Polizisten als Mitglieder der Chryssi Avgi identifiziert worden sein. Die politische Führung hat deshalb eine neue Polizeiabteilung gegründet, die sich mit Zwischenfällen aller Art beschäftigt. Die Rechtsextremisten werden dennoch immer stärker und aggressiver. Aus Protest gegen die negative Berichterstattung über die Partei urinierte ein Abgeordneter der Chryssi Avgi am Eingang des großen Privatfernsehsenders Mega-Channel.

Zögerliche Diskussionen um ein Verbot

Die griechischen Sozialisten und ihr Vorsitzender Evangelos Venizelos schlugen vor, Chryssi Avgi zu verbieten. Die anderen Parteien sind eher zurückhaltend. Sie fürchten, dass ein Verbot die Rechtsextremisten stärken könnte. Die Regierung macht darauf aufmerksam, dass selbst der Europarat im vergangenen Monat eine Abgeordnete der Chryssi Avgi in seinem Parlamentsausschuss akzeptiert und nicht ausgeschlossen habe.

Dabei sitzen die Migranten in der Falle. Viele wollen weiter Richtung Italien, Deutschland, den Niederlanden oder Belgien und Skandinavien. Die Grenzen sind für sie aber dicht. Wer einmal in einem EU-Land Asyl beantragt hat, darf nicht in ein anderes reisen.

So spielt sich das Drama weiter in Griechenland ab. Hunderte Migranten suchen Essbares in den Müllcontainern von Athen. Kriminelle Einwanderer überfallen Frauen auf offener Straße. Touristen, die sich in den gefährlichen Regionen des Zentrums bewegen, werden von kleinen Banden überfallen und ausgeraubt. Die Kleinkriminalität nimmt rasant zu. In fast jede zweite Wohnung im Stadtteil Patissia wurde in den vergangenen Monaten eingebrochen.

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