Leben Lokaltermin: „Was darf es sein, Michael Popp?“

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Michael Popp im Restaurant Wonka in Nürnberg

Michael Popp im Restaurant Wonka in Nürnberg© Stephan Minx

Der Chef der Pharmafirma Bionorica liebt Akkuratesse und hasst Geschäftsessen. Seinen Bestseller Sinupret verkauft er ohnehin mit einer ganz anderen Methode.

Dass Essengehen nicht sein Stil sei, sagt Michael Popp noch bevor die Speisekarte auf dem Tisch liegt. „Was andere stundenlang beim Geschäftsessen verhandeln, erledige ich doch viel schneller am Schreibtisch.“ Der heutige Termin im Nürnberger Lokal Wonka kommt besonders ungelegen. Popp fastet. Eigentlich wollte er noch eine Woche länger durchhalten. Wegen der Figur.

Der ­Chef der Pharmafirma Bionorica braucht wenig Worte, um viel über sich zu sagen. Seit bald einem Vierteljahrhundert steht Popp an der Spitze des einst von seinem Großvater gegründeten Herstellers von Pflanzenarzneien, Phytopharmaka genannt. Bekannt sind die Franken vor allem für ihren Bestseller Sinupret – das meistverkaufte Erkältungsmittel Deutschlands. Mit ihm bestreitet Popp gut 30 Prozent seines weltweiten Umsatzes. Der belief sich zuletzt auf über 200 Millionen Euro. Allein 2012 wuchs Bionorica um mehr als 18 Prozent. Eigentlich geht es fast nur bergauf, seit derpromovierte Pharmazeut das Unternehmen kon­trolliert – und Letzteres darf man wörtlich verstehen, so viel wird im Laufe des Abends klar.

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Popp sagt: „Anhand von Zahlen finden wir alles.“ Kein Wunder, dass die Ebit-Marge bei rund 20 Prozent liegt. Popp, drahtig, klein, kompakt, hat Dinge im Griff. Egal ob Figur oder Firma. Gern auch das mit den Medien, weshalb er extra seinen Spindoctor aus Düsseldorf hat einfliegen lassen. Der soll dafür sorgen, dass Popp die richtigen Botschaften sendet. Zum Beispiel beim Getränkebestellen.

„Haben Sie einen Wein vom Castell Miquel?“, fragt der Medienmann. Die Bedienung guckt etwas ratlos, bedauert, leider nein. „Waaas? Den haben Sie nicht?“ Gut, es soll also um Wein gehen. Konkreter: um Popps Weingut. Und das heißt … Genau!

Popp überlegt halblaut, ob es nun wichtiger ist, strikt zu fasten oder doch ein Gläschen zu bestellen. Er entscheidet sich für Letzteres und einen Sauvig­non Blanc. Mit Wein kann man ihn begeistern. Manchmal. Meist aber ist es umgekehrt: Der Wein ist mittlerweile Popps bestes Marketinginstrument. Vor einigen Jahren hat er sich auf Mallorca ein Stück Land mit einer Finca gekauft, um dort von seinen eigenen Reben zu ernten.

Fuhrpark zum Spielen

Wie nur, hatte Popp sich damals gefragt, könnte er seinen Kunden erklären, dass seine Pflanzenpillen hochwertiger, wirksamer und überhaupt viel besser sind als die der Konkurrenz. „Dass ein Wein anders riecht und schmeckt, je nachdem wo und wie er angebaut ist, das begreift jeder“, sagt Popp. Um ganz sicherzustellen, dass Ärzte und Apotheker die Transferleistung von Wein zu Sinupret und Co. auch wirklich bewältigen, lädt er sie zu „wissenschaftlichen Konferenzen“ auf seine Finca nach Mallorca ein. Und zur Weinprobe. „Das Thema Wein funktioniert gut“, sagt Popp zufrieden und, dass er etwas von dem Thunfisch nehme, aber nur eine halbe Portion.

Zurück nach Mallorca. Andere hätten eine teure Eisenbahn im Keller, sagt Popp, er habe sich mit seiner Finca ein größeres Spielfeld eingerichtet – einen Fuhrpark mit Land- und allen möglichen anderen Maschinen. Erst vor Kurzem hat er sich wieder eine gekauft, vorne mit Frontlader, hinten mit Baggerarm. Natürlich könne er damit fahren, sogar baggern. „Aber das ist nicht easy!“

Easy war es bestimmt auch nicht, die mallorquinischen Mitarbeiter auf den Popp’schen Per-fektionismus einzunorden. Stundenlang habe er ihnen gezeigt, wie man den Wein zurechtschneidet, erzählt Popp. Dabei sei das nun wirklich nicht kompliziert. Gleiches beim Fliesenverlegen. „Das ist doch ganz simpel!“ Es sind diese Momente, in denen der Berater Angst bekommt, dass man seinen Chef für einen besserwisserischen Oberlehrer halten könnte. Er sagt, dass man das nicht falsch verstehen dürfe, wie man so einiges an diesem Abend nicht falsch verstehen darf. Zum Beispiel, dass Popp schon immer Unternehmer und nie angestellter Apotheker sein wollte. Nichts gegen Letztere, aber Popp, der sei eben ein Visionär.

Vor allem aber darf er es sich mit den Apothekern nicht verscherzen, weniger noch, seit es Sinupret nicht mehr auf Rezept gibt. Denn am Ende sind sie es, die seine Produkte verkaufen. Doch weil Popp auch hierbei gern die Kontrolle behält, hat er bereits ausgetüftelt, wie seine Pillen in den Apotheken künftig angepriesen werden sollen: in einer Phytothek, eine Art Apotheke in der Apotheke, in der es nur Pflanzenheilmittel gibt. Der eigentliche Clou aber ist, dass die Apotheker Popp für seine Phyto-Installationen bezahlen müssen.

Kurz nachdem die Bedienung ein daumengroßes Stück Käsekuchen mit Orange gereicht hat, holt Popp seine Visitenkarte hervor. „Mit absolut fälschungssicherem Siegel.“ Man weiß ja nie. Dann verlässt er das Lokal. Zurück bleibt ein daumengroßes Stück Käsekuchen mit Orange. Wegen der Figur.

 
 

cover-oktober-abbinderAus dem impulse-Magazin 11/2013

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