Leben Luxusuhren: Wie Edelmanufakturen im Wettbewerb bestehen

Maßarbeit: Axel Kmonitzek von Fischer & Cie. setzt einen Chronometer zusammen

Maßarbeit: Axel Kmonitzek von Fischer & Cie. setzt einen Chronometer zusammen© Nicolas Felder

Jede tickt anders: Manufakturen fertigen Zeitmesser mit individuellem Design. Im Wettbewerb mit den großen Uhrenkonzernen können sie nur mit viel Enthusiasmus bestehen.

Axel Kmonitzek mag Komplikatio­nen. Kalender, Stoppuhr, Mondphasenanzeige. Auch einige der 40 Armbanduhren im Besitz des 31-Jäh­rigen sind mit derlei Extras ausgestattet, im Sammlerjargon: mit Komplikationen. „Ich bin Uhrenenthusiast, immer schon“, sagt Kmonitzek. Und ohne diese Leidenschaft, da ist sich der Unternehmer sicher, wäre seine Uhrenmanufaktur ein Flop geworden. „Wir hätten nie Kontakte zu Lieferanten knüp­fen können“, sagt er, „wären von Uhrmachern und vor allem von den Kunden nicht ernst genommen worden.“

Kmonitzek ist Mitinhaber der Uhrenmanufaktur Fischer & Cie. in der Hamburger Hafencity. Die Idee dazu kam ihm und seinem Kompagnon Max Fischer, als beide noch einer anderen Firma vorstanden, dem Startup Meinverein.de, einer Art Facebook für Vereine. Fischer wollte damals seinem Vater zum 60. Geburtstag eine Maßuhr schenken, fand aber keinen Anbieter solch individueller Stücke. Also engagierten er und Kmonitzek kurzerhand einen Uhrmacher.

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Inzwischen hat die Firma vier feste Mitar­beiter, zwei Uhrmacher bauen jede Woche Maßuhren, die zwischen 2000 und 10 000 Euro kosten. In mehreren Sitzungen bestimmen die Kunden nicht nur Gehäuseform, Zifferblatt und Armband, sondern auch individuelle Gravuren oder Wappen, die in die Uhr eingearbeitet werden. Sogar Kleinserien produzieren die Hamburger.

Unabhängige Uhrenhersteller sind rar geworden

Unabhängige, inhabergeführte Uhrenhersteller sind seit der Quarzkrise selten geworden. 1969 brachte der japanische Seiko-Konzern die erste digitale Quarzuhr auf den Markt. Weil die neue Technik genauer und wesentlich günstiger war, gerieten die familiengeführten europä­ischen Uhrenhersteller in Not – einige gaben auf, andere taten sich zusammen oder wur­den übernommen. Heute gehören die meisten traditionellen Uhrenmarken zu Luxusgüter-Holdings wie Richemont oder der Swatch Group.

Die Konzerne machen Neulingen und kleinen Anbietern das Leben schwer. Nicht nur stehen ihnen enorme Werbebudgets zur Verfügung, um ihre Nobelmarken weltweit bekannt zu machen; sie sponsern prestigeträchtige Segelregatten und Golfturniere. Die Kleinen der Branche sind auch abhängig von den Konzernen, weil diese die wichtigsten Hersteller von Uhrwerken sind, den sogenannten Kalibern. Kleine Manufakturen bearbeiten die Kaliber nur noch und bauen sie in ihre eigenen Gehäuse ein – wie auch Fischer & Cie.

Das Problem: Die Konzerne verkaufen Experten zufolge nur an ausgewählte Abnehmer. An ETA etwa, ein Unternehmen der Swatch-Group und der wichtigste Uhrwerkhersteller. ETA soll für Elegance, Technology, Accuracy stehen – und niemand kann dort offenbar einfach so anrufen und Werke ordern.

Geschäftsabschluss per Handschlag

Die Erfahrung hat auch Kmonitzek gemacht. Für die ersten Uhren besorgte er ETA-Werke, die andere Uhrmacher auf Lager hatten. Und selbst das klappte nur, weil er persönlich in der Schweiz und in der deutschen Swatch-Zentrale in Pforzheim vorstellig wurde und „etliche Obstler und Biere“ kippte. „Solche Geschäfte schließt man bis heute per Handschlag ab“, sagt Kmonitzek. „Alles ziemlich archaisch.“

Inzwischen ordert der Unternehmer bei Soprod. Dort musste er aber gleich große Mengen Uhrwerke abnehmen. Dafür reichte anfangs das Geld nicht, zumal der Produktionsstandort aufgebaut werden musste. Die Unternehmer wandten sich deshalb 2009 an den Business Angel und einstigen Chef von Sony Music, Rolf Schmidt-Holtz. Der verordnete den Jungunternehmern ein professionelles Konzept. Seither heißt die Strategie Empfehlungsmarketing. Die jungen Uhrmacher pflegen intensiv ihre Kontakte auf Facebook und im realen Leben.

Handwerk: Christopher Graf entwirft eine Uhr nach den Kundenwünschen. Fünf Monate kann es dauern, bis so ein Stück fertig ist.

Handwerk: Christopher Graf entwirft eine Uhr nach Kundenwunsch. Fünf Monate kann es dauern, bis so ein Stück fertig ist. © Nicolas Felder© Nicolas Felder

Kmonitzek nimmt sich die Zeit, Kunden gemeinsam mit Designer Christopher Graf zu beraten. „Die Leute finden es gut, dass der Unternehmer selbst mitarbeitet“, sagt der Chef, „und ich kann sagen, dass ich jeden Kunden persönlich kenne.“ Der direkte Verkauf spart außerdem Kosten, die ansonsten für den Juwelier fällig wären. So bleiben die Preise des Unternehmens konkurrenzfähig.

„Wir profitieren vom Berlin-Bonus“

Anders als die Hamburger Newcomer kann die Uhrenmanufaktur Askania im Wettbewerb auf ihre traditionsreiche Marke setzen. Die war vor dem Zweiten Weltkrieg weltbekannt, der Name ist älter als heutige Branchengrößen wie Rolex oder Breitling. „Das nutzen wir natürlich“, sagt Vorstand Leonhard Müller. Seit fünf Jahren vergibt er den Askania Award an Persönlichkeiten aus dem Filmgeschäft – und zelebriert damit die Firmenhistorie. Denn in den 30er-Jahren baute Askania neben Messinstrumenten auch Filmkameras, die etwa beim Dreh von „Der Blaue Engel“ zum Einsatz kamen.

Mit einem weiteren Marketingargument punktet Askania: „Wir profitieren vom Berlin-Bonus“, sagt Müller. Die Manufaktur sei heute die einzige der Hauptstadt – vor Krieg und Quarzkrise waren es einmal 36.

Müller stieß 2002 auf Askania, kaufte die Markenrechte für den Bereich Lifestyle – und kann jetzt Brillen, Stifte und eben Uhren unter diesem Namen herstellen. Er tat sich mit einem Uhrmachermeister zusammen und ließ ihn nach alten Vorlagen drei Fliegeruhren bauen. Nachdem Interessenten die acht Quadratmeter seines Messestands auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung stürmten, startete er die Serienproduktion. Inzwischen verkauft Askania nach eigenen Angaben rund 3000 Uhren pro Jahr. Die meisten Werke dafür bekommt die 15-Mann-Firma von der Swatch Group – weil Askania eine traditionsreiche Marke ist.

Dreher, Fräser, Uhrmacher

Darauf ist das Familienunternehmen Damasko nicht angewiesen. Die Firma aus Barbing, östlich von Regensburg, baut mit 20 Mitarbeitern ihre eigenen Uhrwerke. Inhaber Konrad Damasko kommt aus der Metallbearbeitung und hat sich auf Maschinen für besonders präzises Drehen und Fräsen spezialisiert. Weil Damasko ein Uhrennarr ist, tüftelte er so lange, bis er mit seinen Spezialisten auch Unruhspiralen, Drehlünetten und andere Uhrenteile fertigen konnte. 1994 gründete er eine Uhrensparte. 16 Jahre später hielt Damasko das erste eigene Uhrwerk in Händen. Gerade rechtzeitig, denn Uhrwerkehersteller fingen bereits an, die Lieferungen einzuschränken.

Inzwischen produziert Damasko Gehäuse, Stahlarmbänder etc. Bis zu 90 Prozent der Uhrenkomponenten kommen aus eigener Herstellung. „Die Kunden“, sagt Damasko, „wissen das zu schätzen.“ Auch dass er und seine Ehefrau Petra sie höchstpersönlich in Empfang nehmen, wenn sie ihre Schmuckstücke abholen. Damasko hat einen langen Atem bewiesen und wird nun von den Uhrensammlern ernst genommen.

Individuelle Extras

Motorblöcke zu Uhren Christoph Pfeiffer hat diesen Weg noch vor sich. Und er ist weit für den Unternehmer, der vor 20 Jahren die Billigkaufhauskette Pfennigpfeiffer gründete. Ende 2012 stieg er bei der Uhrenmanufaktur Hemess im sächsischen Glashütte ein. Pfeiffer kaufte Marke, Immobilie und Ausrüstung, investierte „sechsstellig“, wie er sagt, stellte Uhrmacher und eine Designerin ein. Sechs Mitarbeiter hat das Unternehmen jetzt, wie viele Uhren er 2014 verkaufen will, hat Pfeiffer noch nicht festgelegt.

Die vier Modellreihen, die er nun auf den Markt bringt, zeichnen sich durch besonders individuelle, emotionale Extras aus, sagt Pfeiffer: eine Platine, gefertigt aus den Motorblöcken alter Sportwagen, eine Fliegeruhr aus dem Propeller eines Flugzeugs, das Hunderte Male den Pazifik überquert hat. Dabei hofft Pfeiffer, dass der Firmensitz Glashütte, ein Standort mit Uhrentradition, auf Hemess abstrahlt. „Das lässt Chinesen die Tränen in die Augen treten“, sagt Pfeiffer.

Die Werke für seine Uhren bekommt der Unternehmer übrigens ganz offiziell von großen Herstellern, von welchen, will er nicht verraten. Er habe eben Mitarbeiter mit 25 Jahren Berufserfahrung, sagt Pfeiffer. Dadurch seien die „nötigen sensiblen Kontakte“ gesichert.
cover-dezember-abbinderAus dem impulse-Magazin 12/2013

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