Leben Marktführer kämpft um E-Zigaretten

Sven Heeder entdeckte den Markt für E-Zigaretten als einer der Ersten - und wurde Marktführer. Jetzt diskutieren Politiker ein Verbot von E-Zigaretten. Das will der Unternehmer nicht hinnehmen.

Die Sonne scheint, der Himmel strahlt blau, aber die Wolken am Horizont sind dunkel. Sven Heeder blinzelt und seufzt. Das Wetter gefällt ihm, einerseits. Andererseits kann er es überhaupt nicht gebrauchen. Schneeregen, zwölf Monate im Jahr, wäre besser für sein Geschäft. Denn schönes Wetter führt dazu, dass sich Raucher nicht mehr daran stören, vor die Tür zu müssen. Und deshalb nicht überlegen, ob sie zur ­E-Zigarette wechseln sollten, mit der sie auch drinnen rauchen könnten.

Heeder zuckt mit den Schultern. Müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Er hat ganz andere Probleme, die sein Geschäft bedrohen. Seine Existenz. Dabei macht er eigentlich alles richtig, rein betriebswirtschaftlich gesehen. Seine Firma Red Kiwi ist deutscher Marktführer im E-Zigaretten-Geschäft, Arbeitgeber von 80 Angestellten und seit der Gründung vor fünf Jahren kräftig gewachsen. Doch es gibt Dinge, die hat Heeder nicht in der Hand – etwa die Politik. Der Unternehmer kämpft seit Monaten nicht mehr um Kunden und Umsätze, sondern um die Auslegung von Paragrafen. Er sagt: „Wir sind Lobbyisten geworden, weil die anderen ebenfalls wie Lobbyisten agieren.“ Die anderen?

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Zum Beispiel das Gesundheitsministerium von Nordrhein-Westfalen. Dort ist der Verkauf nikotinhaltiger Bestandteile der E-Zigarette in normalen Geschäften seit Dezember 2011 untersagt. Das Ministerium in Bremen zog Anfang des Jahres nach. Auch die Drogenbeauftragte des Bundes spricht sich für ein Verbot aus. Die Deutsche Lungenstiftung in Hannover und das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg warnen vor E-Zigaretten. Die Bundes­regierung plant, die Geräte wegen ihres Nikotingehalts unter das Arzneimittelgesetz zu stellen. E-Zigaretten dürften dann nur noch in Apotheken verkauft werden. Zudem müssten sie ein aufwendiges Zulassungsverfahren durchlaufen. Eines, das sich die Händler gar nicht leisten könnten – viele sind so klein, dass sie ihre Produkte aus dem Wohnzimmer heraus verkaufen. Die E-Zigarette zum Medikament zu machen käme einem Verbot gleich. Das Aus für die junge Branche.

Ein Unternehmer wird Lobbyist

Heeder eilt über den Parkplatz seiner Firma Red Kiwi in Seevetal, südlich von Hamburg. Von einer nahen Chemiefabrik zieht ein süßlicher Geruch herüber. Am Horizont kämpft sich ein Windrad schlapp durch die niedersächsische Luft. Vor dem Lager bleibt Heeder kurz stehen, die Hand an der Klinke. Auf der Tür klebt ein großer roter Kiwi, ein flugunfähiger Vogel, nachtaktiv. Das ganze Jahr über stößt er schrille Pfiffe aus, um sein Revier zu verteidigen. Auch Heeder versucht, seine Gegner abzuwehren. Weshalb er schnell laut, ärgerlich und emotional wird. Eine Anti-E-Zigaretten-Kampagne laufe da, schimpft er. Schließlich gebe es viele, die von der Abschaffung der E-Zigarette profitieren würden. Etwa den Staat. In elektrischen Zigaretten wird das Nikotin flüssig verdampft, daher kommen die Geräte ohne Tabak aus und damit auch ohne Tabaksteuer. Zudem verliere die konventionelle Zigarettenindustrie Kunden, sagt Heeder. Eine mächtige Branche mit etwa 20 Mrd. Euro Umsatz in Deutschland pro Jahr. Die E-Zigaretten-Händler setzen lediglich 100 Mio. Euro um. „Auch für die Pharmaindustrie geht es um viel Geld“, sagt Heeder.

Kontrollierte Rauchsubstanzen

Als der Unternehmer im März 2007 Red Kiwi gründete, kam er aus der Arbeitslosigkeit. Er arbeitete allein, aus dem Wohnzimmer, importierte aus China, legte Wert auf Qualität und vor allem auf eigene Produkte, die er extra in Auftrag gab. Er garantierte für deren Haltbarkeit. Und hob sich so von der Konkurrenz ab. Das Geschäft wuchs. Der Gründer zog in ein ­Industriegebiet um und hatte die nächste Idee: Red Kiwi ließ die Liquids, also die Flüssigkeiten, die in der E-Zigarette verdampfen, selbst herstellen und konnte so für den Inhalt bürgen. Die meisten Liquids kommen bis heute aus China und sind dementsprechend unkontrolliert. ­Heeder dagegen bot Markenware an, steckte so sein Revier ab. Und muss es nun verteidigen.

Längst hat er seine Kampfzone über Red ­Kiwi hinaus ausgeweitet, fühlt sich zuständig für die geschätzten zwei Millionen deutschen E-Zigaretten-Benutzer. Schließlich war der 36-Jährige früher selbst starker Raucher, hasste seine gelben Zähne und die stinkenden Klamotten.

Spricht Heeder von seinem Produkt, klingt er manchmal wie ein Fan. Er redet über den Genuss der Zukunft, schwärmt: „Der Wechsel von der Tabakzigarette zur E-Zigarette, das ist so ähnlich wie der Wechsel von der Schreibmaschine zum Computer.“ Und wie ein Fan neigt er dazu, Dinge zu überhöhen, wenn sie nicht passen. Der Umgang mit der E-Zigarette zeige das Verhältnis der Deutschen zur Demokratie, sagt er. Und wie Medien funktionieren. Und letztlich sei es eine Geschichte davon, wie Bürger ihren Glauben an beides verlieren könnten. „Weil alles, was die Debatte bestimmt, aus Halbwahrheiten besteht.“

Um das zu ändern, initiierte er im Herbst vergangenen Jahres die Gründung des Bundesverbands der E-Zigaretten-Händler (VdeH). Laut Satzung wollen die 50 Mitglieder „Aufklärungsarbeit“ betreiben. Dazu haben sie mehrere Gutachten in Auftrag gegeben: Eines soll beweisen, dass es keine Giftstoffe im Dampf von E-Zigaretten gibt und somit auch keine anderen Menschen als Passivraucher gefährdet werden. Ein anderes, dass krebserregende Stoffe „sowohl im flüssigen Zustand als auch in der Dampf­phase“ nicht nachweisbar sind, ein drittes, dass der Dampf in den Lungen „längerfristig“ ungefährlich ist.

Wären Gutachten die Grundlage für Politik, Heeders Welt wäre in Ordnung. Aber Gutachten sind keine Studien, und sie haben Schwächen. So meint etwa „längerfristig“ einen Zeitraum von 28 Tagen. Und wie unabhängig können Gutachten sein, die von den Händlern der Produkte finanziert sind?

Politisch nicht gewollt

Heeder nickt. Er kenne das Problem, aber was solle er machen. „Die, die unabhängige Studien finanzieren könnten … die Behörden … die tun es nicht … warum …“ Er bricht den Satz ab und holt seine E-Zigarette aus der Tasche. Als er daran zieht und Dampf nach oben steigt, riecht man – nichts. Heeder wird mit einem Mal ausgeglichener. Im Dampf findet er auch den Gedanken wieder, mit dem er begann. Oft schießen seine Sätze nach vorn wie mit dem Katapult abgefeuert, landen weit vom Ziel entfernt. Heeder weiß das, er lächelt und sagt entschuldigend: „Aber das wollten Sie ja gar nicht wissen.“ Er kann nicht anders. Das Thema bringt ihn in Rage. „Wir haben einfach den Eindruck, dass unser Produkt politisch nicht gewollt ist.“

Es könnte doch alles so einfach sein. Schließlich gab es bereits eine Reihe von Urteilen und Kommentaren, die die E-Zigarette nicht als ­Arzneimittel einstuften. Heeder beginnt, an den Fingern abzuzählen. Die Beck’schen Gesetzeskommentare. Daumen. Der Europäische Gerichtshof in Den Haag. Zeigefinger. Das Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder). Mittelfinger. Das Verwaltungsgericht Köln. Ringfinger. Und das Oberverwaltungsgericht Münster, das Ende April per einstweiliger Anordnung Warnungen vor E-Zigaretten untersagte. Eine ganze Hand. Sie sagt: E-Zigaretten sind kein Arzneimittel. Sie können vorerst weiter verkauft werden. Trotzdem haben die Bundesländer ihre Verbote noch nicht zurückgenommen.

Die Lage bleibt unübersichtlich und unsicher. So schaut Heeder nach Brüssel. Dort will die EU-Kommission dieses Jahr klären, ob die E-­Zigarette Arzneimittel oder Tabakprodukt ist. Zuständig ist die Kommission Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher. Deren Haltung ist noch wage: „Derzeit werden verschiedene Möglichkeiten erwogen, eine endgültige Position wurde aber noch nicht gefunden“, sagt Kommissionssprecher Frédéric Vincent.

Heeder zieht erneut an seiner E-Zigarette, er „dampft“, wie man das in der Szene nennt. Sicher ist, dass „Dampfer“ wie er viel weniger Giftstoffe und Feinstaub zu sich nehmen als konventionelle Raucher: Verbrennt der Tabak einer Zigarette, entstehen rund 4000 ­Giftstoffe, von denen knapp 90 krebserregend sind. Ungeklärt ist, was genau die Inhalation von Propylenglykol, das in der E-Zigarette vernebelt wird, langfristig in der Lunge auslöst. Über den in der EU als Lebensmittelzusatz zugelassenen Stoff, der auch Bestandteil von Disko­nebel ist, schreibt das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz, dass „die niederkettigen, mehrwertigen Alkohole (…) ­toxikologisch praktisch unbedenklich“ seien. „Eine direkte akute und chronische Gesundheitsgefährdung ist unter den Bedingungen, wie sie in einer Diskothek bestehen, nicht zu befürchten.“ Aber eben nur dort: Eine über ­Jahre angelegte Studie einer ­gasförmigen Aufnahme existiert noch nicht.

„Wie tief wird eingeatmet? Und was passiert im Lungengewebe?“, fragt Martina Pötschke-Langer. Sie trägt den etwas umständlichen Titel Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention und des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle und arbeitet beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Die Expertin für E-Zigaretten bestreitet gar nicht, dass die E-Zigarette weniger gesundheitsschädlich sei als die Tabakzigarette. „Aber darum geht es ja gar nicht“, sagt sie. Worum dann? „Die Grundsätze des Verbraucherschutzes werden nicht beachtet“, sagt Pötschke-Langer. Jeder Verbraucher habe ein Recht zu wissen, welche Wirkung und Nebenwirkung ein Produkt habe. Und das sei bei der E-Zigarette eben nicht der Fall. Zudem sei die Zusammensetzung der Liquids nicht durchschaubar. Und: „Inhalationsstudien, vor allem zur Tiefeninhalation, gibt es nicht.“ Und weil das so ist, kann weder die Gefährlichkeit der E-Zigarette bewiesen werden noch das Gegenteil.

Keine Kompromisse

Genau das ist Heeders Problem. Natürlich, gibt er zu, sei Nikotin ein Gift. Natürlich diene die E-Zigarette nicht der Entwöhnung von Tabak, aber das bewerbe auch niemand. Und natürlich sei das Dampfen nicht gesund. Nur eben weniger schädlich.

„Gesundheit“, sagt er und zieht das Wort in die Länge, es klingt leidend. Nicht, dass er etwas gegen die Gesundheit hätte, im Gegenteil. Immerhin komme er, komme der gesamte Verband der E-Zigaretten-Händler der Politik doch entgegen. „Wir tun doch was“, sagt Heeder. Erneut zählt er auf: Kennzeichnung der ­Produkte. Freiwillige Selbstbeschränkung des Nikotingehalts. Laboranalysen. Prüfung der Händler. Keine Abgabe an Jugendliche unter 18 Jahren. „Und das“, sagt Heeder und zieht eine kleine Liquidflasche aus der Tasche. Erdbeergeschmack. Deutlich sichtbar klebt ein Totenkopf unten auf der Flasche, der auf das Nikotin hinweist. Heeder dreht. Die Flasche geht nicht auf. Er dreht schneller, fester. Nichts. „Kindersicherung“, sagt er und grinst. Kritiker beeindruckt das nicht. Dadurch, dass die Liquids etwa nach Erdbeere schmecken und nicht nach Tabak, so ihr Vorwurf, könnten Jugendliche leichter zum Rauchen verführt werden. Auch rücke die E-Zigarette Rauchen wieder ins öffentliche Bewusstsein, was unter Umständen inspirierend wirke.

Man habe lange überlegt, ob „elektrische Zigarette“ überhaupt der richtige Name sei, sagt Heeder. Schließlich sei das Produkt doch so anders als die Tabakzigarette. „Aber den Begriff kennen die Leute, damit können sie etwas anfangen.“ Man spreche Raucher an. Keine Nichtraucher. „Ich hätte auch kein Problem damit, wenn auf unsere Produkte eine Steuer erhoben wird“, sagt Heeder. Man solle jedoch nicht so tun, als ob er wie ein Dealer mit Drogen handle. Aber womit genau handelt er? „Mit einem Genussmittel.“ Genussmittel. Ein umständliches Wort für eine umständliche Debatte, die wenig Platz für Kompromisse lässt.

Heeder ist Händler. Er kauft und verkauft elektrische Zigaretten, aber jetzt muss er vor allem ein Verkäufer seiner Argumente sein. Und er muss genug Käufer finden. Denn hätte die Bundesregierung recht mit ihrer Auffassung und die E-Zigarette wäre kein Genussmittel, Heeder wäre ein Krimineller, der täglich gegen das Arzneimittelgesetz verstieße.

Er steht in seinem Lager zwischen Paketen, die sich auf Paletten stapeln. E-Zigaretten, fertig gepackt für die Händler in über 2000 Geschäften deutschlandweit. Seit die Gesundheits- und damit auch eine Verbotsdebatte immer mehr an Fahrt gewinnen, will sie kaum einer mehr. Die Händler seien verunsichert, sagt Heeder. Und natürlich, er merke das: 40 Prozent weniger Umsatz im Vergleich zum letzten Jahr macht sein Unternehmen. Er sagt das nicht verzweifelt, eher trocken, ist halt so, damit muss man leben.

An einem Tisch sortiert eine Handvoll Männer Komponenten der E-Zigarette. Sie wird aus China geliefert, bei Red Kiwi neu zusammen­gestellt und konfektioniert. In abgeschrägten Plastikbehältern, wie sie zur Aufbewahrung von Schrauben benutzt werden, sind die Liquids nach Farben sortiert: ohne Nikotin, gelb, mit wenig Nikotin, blau, viel Nikotin, rot. Alte Postkisten dienen als Sammelstelle für kaputte Akkus. „Die werden unkompliziert ausgetauscht“, sagt Heeder stolz. Schließlich garantiert er für seine Produkte.

„Deswegen haben wir ja auch gar nichts gegen Regelungen“, sagt er und meint den Verband. Natürlich, der Markt sei unübersichtlich, eine Konsolidierung könne nicht schaden. Die meisten Mitbewerber seien Feierabendhändler, die sich, was den Inhalt ihrer Produkte betreffe, auf Lieferanten verlassen müssten. Aber bei den Großen sei das anders. „Muss man deswegen mutwillig Arbeitsplätze gefährden?“ Das Totschlagargument. Die Mitarbeiter im Hintergrund sortieren stoisch weiter.

Mit Vollgas gegen die Wand?

Seit er sich erinnern kann, hat Heeder Wert ­darauf gelegt, sein eigener Chef zu sein. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum er überhaupt angefangen hat, E-Zigaretten zu verkaufen. Er wollte bestimmen. Etwas hat sich verändert in den letzen Monaten: Sven Heeder bestimmt nicht mehr. Er wird bestimmt. Er tut, was er kann. Aber was, wenn das Thema ihm letztlich entgleitet? Was, wenn er verliert? „Wir verlieren nicht“, sagt er. Aber wenn doch? Er schweigt.

In seinem Büro stehen Modellflugzeuge auf einem Regal, ausschließlich kleine Modelle. „Das Tolle an den Kleinen ist“, sagt er, „dass man auch mal mit Vollgas gegen eine Wand fliegen kann. Dann ist es nicht sofort kaputt.“

Red Kiwi ist der größte Händler von E-Zigaretten in Europa.

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