Leben Milliardäre als „Volksvertreter“ in China

Geld, Finanzen, Münzen

Oftmals fehlt es Unternehmern an genügend Reserven© rangizzz - Fotolia.com

Chinas Volkskongress ist wohl das reichste Parlament der Welt. Unter den Abgeordneten sind jetzt 31 US-Dollar-Milliardäre. Ein heikles Thema, denn die Kluft zwischen Arm und Reich wächst.

Bescheidenheit ist angesagt auf der diesjährigen Tagung des Volkskongresses. Keine verschwenderischen Bankette, keine großen Blumengestecke, kein teurer Schnaps, kein Luxus. Die Delegierten lassen exklusive Designerklamotten lieber im Schrank, geben sich bescheiden. Sonst zeigen Chinesen gerne Reichtum, aber mit dem neuen Parteiführer Xi Jinping herrscht erstmal neue Zurückhaltung.

„Alles soll sparsamer sein“, erklärt ein hoher Regierungsbeamter, warum nicht mehr in teure Hotels eingeladen wird. „Die neue Führung will keine extravaganten Veranstaltungen“, fügt er mit einem Lächeln hinzu.

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Den Kampf gegen grassierende Korruption und die Verringerung der Kluft zwischen Arm und Reich haben sich die neuen Führer erstmal auf die Fahnen geschrieben, um das Volk hinter sich zu scharen. Wer aber durch die Reihen der knapp 3000 Abgeordneten in der Großen Halle des Volkes geht, findet beispiellosen Reichtum: Der neue Volkskongress zählt 31 US-Dollar-Milliardäre – 13 mehr als zuvor, wie aus der Reichenliste des Shanghaier Hurun Reports hervorgeht.

Weitere 52 Milliardäre sitzen in der parallel tagenden Konsultativkonferenz, einer zahnlosen Beraterversammlung verdienter Persönlichkeiten. Diese zweite Kammer genießt zumindest protokollarisch große Wertschätzung und wird mit dem Parlament als die „zwei Versammlungen“(Lianghui) auf einer Stufe genannt.

Keine andere Volksvertretung in der Welt dürfte so viel Reichtum bündeln. Allein die fünf reichsten Abgeordneten des Volkskongresses besitzen mindestens fünfmal so viel Geld wie alle Mitglieder des amerikanischen Kongresses zusammen, rechnen US-Medien vor.

Trotz seines gigantischen Vermögens von 82 Milliarden Yuan, umgerechnet zehn Milliarden Euro, gibt sich der Delegierte Zong Qinghou als Mann des Volkes. Der Chef des Getränke-Imperiums Wahaha ist der reichste Chinese überhaupt. Da ist der Erklärungsbedarf groß.
„Ich lebe kein luxuriöses Leben“, zitieren die Staatsmedien den 68-Jährigen. „Mein Leben ist so einfach wie das vieler Chinesen.“

Grund für hohe Zahl der Milliardäre

Viele Chinesen, die nicht wissen, wie sie Schulen, Wohnung oder Krankenhaus bezahlen können, nehmen ihm das nicht so leicht ab. So verteidigt sich der Volksvertreter Zong Qinghou: „Ich habe angefangen, Getränke zu verkaufen, habe mich nicht an Macht-für-Geld-Geschäften beteiligt und niemals Schiebereien gemacht.“Er weist damit unfreiwillig darauf hin, dass Funktionäre in Chinas Wandel zur „sozialistischen Marktwirtschaft“ ihre politische Macht in wirtschaftlichen Einfluss und persönlichen Profit umgemünzt haben.

Die Nähe zur Politik ist für große Unternehmer in China überlebenswichtig – zum einen wegen ihrer Geschäfte, zum anderen wegen der nötigen Protektion. So erklären Experten die hohe Zahl der Milliardäre im Parlament. Soft-Drink-König Zong Qinghou beschreibt sich lieber als Wohltäter: „Ich habe Leuten geholfen, reich zu werden.“Er nennt seine Angestellten, Zulieferer und „viele Bauern“. Damit passt er seine Lebensgeschichte schön in die kommunistische Ideologie ein, die seit Beginn der Reformen Ende der 70er Jahre einigen erlaubt hat, „schneller reich zu werden“, um dann anderen auch zu Wohlstand zu verhelfen.

Die Sache hat nur einen Haken: China ist eine der ungleichsten Gesellschaften der Welt geworden – mit großem Reichtum und schlimmer Armut. Der Gini-Koeffizient, der die Unterschiede misst, wird jetzt offiziell auf 0,47 beziffert, obwohl chinesische Wissenschaftler sogar bereits 0,6 errechnet hatten. Wo auch immer die Wahrheit liegt:
Über 0,4 ist mit sozialen Unruhen zu rechnen.

Enorme Konflikte

Der heute in China mit Blick auf die Superreichen auch scherzhaft „Lamborghini“-Koeffizient genannte Maßstab geht auf den italienischen Statistiker Corrado Gini (1884 bis 1965) zurück. Bei einem Wert von 0 sind Einkommen oder Vermögen gleichmäßig auf die Bürger verteilt. Je mehr der Wert sich der 1 nähert, desto größer ist die Ungleichheit.

„Die Konflikte sind enorm“, stellt der politische Kommentator Zhang Lifan fest. „Unzufriedenheit und Trübsinnigkeit über die ungerechte Einkommensverteilung sind ziemlich groß.“Deswegen haben Chinas neue Führer auch eine Verdoppelung der Einkommen bis 2020 versprochen. Doch dürfen Kostensteigerungen nicht alles zunichte machen. „Wenn sie den Menschen keine Verbesserungen liefern können, wird ihnen das Volk das Leben schwer machen“, warnt Zhang Lifan.

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