Leben Mit dem Eiswind

Ein Highlight auf jeder Fahrt: Wale in der Wildnis beobachten

Ein Highlight auf jeder Fahrt: Wale in der Wildnis beobachten © Ruth Helmling

Wildnis, Gletscher, einsame Gipfel und Eisbären: Ein Segeltörn in die frostige Arktis ist ein Abenteuer.

Die „Noorderlicht“ wirkt winzig im Hafen von Longyearbyen – ein kleiner roter Punkt im farblosen Einerlei von Schnee, Eis und mehrstöckigen Kreuzfahrtschiffen. Erst aus der Nähe wird klar, wie groß das Segelschiff wirklich ist: Der Rumpf misst 40 Meter, die zwei Masten haben jeder den Umfang eines Baumstammes. Dicke Taue bilden ein kaum durchschaubares Dickicht an Deck. Mit Gummistiefeln unter dem Arm klettert ein Gast nach dem anderen an Bord. Sie haben die Stiefel auf Anraten der Crew schnell noch gekauft: Sie werden Wasser, Schnee, Moos und Matsch durchwaten auf ihrem Weg zu Walrossen, blumenüberwachsenen Walknochen und zu den Gipfeln der Berge. Vor ihnen liegen zwei Wochen Urlaub in eisiger Wildnis.

Spitzbergen liegt auf einem Globus nur einen Fingerbreit vom Nordpol entfernt. Im Winter wird die zerklüftete Insel meist vom Packeis eingeschlossen. Im Sommer schmilzt die Sonne unzählige Wasserstraßen in die kristallblauen Fjorde frei. Dann läuft beinahe täglich ein Luxusliner den Hafen Longyearbyens an.

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„Auf ein Kreuzfahrtschiff wirst du mich, bevor ich 80 bin, nicht freiwillig bringen“, sagt Heinz Claus, einer der 20 Gäste auf der „Noorderlicht“. Er hat sich als Einziger keine Gummistiefel gekauft, sondern vertraut auf ­wasserfeste Bergschuhe und Gamaschen. Mit Bergsteiger­ausrüstung kennt sich der Unternehmer aus. 1980 hat er den österreichischen Zweig der Outdoor-Marke Salewa mitgegründet. Inzwischen ist Salewa eine internationale Aktiengesellschaft mit einem Umsatz von mehr als 150 Mio. Euro. Seine Geschäftsanteile hat der 65-Jährige vor ein paar Jahren verkauft. Nun arbeitet er als Berater – seine Vorstellung von Ruhestand.

Etagenbett und Drei-Gänge-Menü

Menschen, Taschen, Tüten – alles verschwindet im Schiffsbauch. Durch den gemütlichen Aufenthaltsraum im Deckhaus geht es hinunter zu den Kabinen. Heinz Claus und seine Ehefrau Doris werden sich in den nächsten Tagen sehr nah sein – in der Kabine ist kaum Platz, um sich einmal um sich selbst zu drehen. Das Paar schläft in zwei Kojen, einer oben, einer unten. In der Ecke steht die Miniaturausgabe eines Waschbeckens, daneben ein paar Regalbretter für lange Unterwäsche, Handschuhe und Mützen. An den Kleiderhaken hängen Schwimmwesten. Da das Wasser in der Arktis auch im Sommer nur etwa drei Grad kalt ist, gibt es zudem an Deck für jeden einen knallorangenen Überlebensanzug.

Von Anfang an sind alle per Du auf dem Schiff, ob Gast, Matrose oder Kapitän. Und ­alle packen mit an, etwa beim Segelhissen oder Entwirren der Taue. Nur die Nachtwachen bleiben der Mannschaft überlassen.

Ein Crewmitglied ruft zum Abendessen. Drei Gänge und viel Rotwein landen nach und nach auf den langen Tafeln. Drinnen in der Wärme tauschen die Passagiere alte Geschichten aus. Es wird gelacht und gescherzt, während draußen das Eis knackt.

Damals, als er vor 42 Jahren schon einmal auf Spitzbergen war, erzählt Heinz Claus den anderen, war es nicht so gemütlich. Als 23-Jähriger zog er mit ein paar Freunden aus, um mit Skiern, Steigeisen und Eispickeln die Berge im Nordpolarmeer zu bezwingen. Für die Rückkehr nach Longyearbyen hatten sie ein Schiff beauftragt. Aber es kam nicht. Eine Woche zimmerten sie aus den Brettern einer verlassenen Hütte ein Boot, mit dem zwei von ihnen schließlich halb verhungert zu einer russischen Minensiedlung übersetzen konnten. Die Russen ­gaben den jungen Abenteurern Essen und organisierten ein neues Schiff. „Wir haben alles verschlungen und mussten dann drei weitere Tage ausharren, bis man uns abgeholt hat“, beendet der Unternehmer seine Geschichte.

Mit Gummiboot und Gewehr

Am nächsten Morgen packen Heinz und Doris Claus ihre Rucksäcke: Sie füllen Thermoskannen auf und stecken ein paar Lagen zusätzliche Kleidung ein, das Wetter schlägt in der Arktis ex­trem schnell um. Dann nehmen sie die Rettungswesten vom Haken – ohne sie darf keiner in das Gummiboot, das die Gäste an Land bringt. Über eine Strickleiter steigen alle ein. Der Fahrtwind peitscht Gischt in die vermummten Gesichter, Wellen schwappen über die Ränder und sorgen für nasse Hintern. Da es weder einen Kai noch sonstige Hafeneinrichtungen an den Landungsorten gibt, ist der Ausstieg meist reichlich feucht.

Als Erster schwingt Reiseleiter Jan Belgers die Beine über das Gummiboot. Er schultert sein Gewehr und springt an Land. Die hier beheimateten Eisbären fressen zwar auch Gras, aber nur, wenn gerade nichts Schmackhafteres herumschwimmt oder -läuft. Für Claus sind die Eisbären, die so viele Touristen in den Norden locken, nur Nebensache. „Mir geht es um das gesamte Erlebnis in extremer Natur“, sagt er. Begeistert beobachtet er später ein paar junge Polarfüchse in ihrem Bau.

In den Bergen verwandelt sich der Unternehmer vom aufmerksamen Passagier in den erfahrenen Expeditionsleiter. Obwohl selbst kein Bergführer, hat er schon viele alpine Touren geleitet – in Nepal, Südamerika, Kroatien. Crewmitglied Jan Belgers geht mit seinem Gewehr vorweg, Claus folgt mit Karte und GPS. Ohne Navigationshilfen ist die Orientierung schwer. Es gibt keine Wegweiser, ja nicht einmal Wege.

Die „Noorderlicht“-Gruppe hinterlässt auf ­ihrem Weg zum Gipfel eine schmale Reihe Fußstapfen im Schnee. Unter ihnen glänzt das Wasser im Sonnenlicht. Es erstreckt sich in alle Richtungen bis zu den nächsten Bergen, ein jeder schwarz mit weißer Schneehaube. Dazwischen Gletscher, die blau-weiß die Täler füllen wie salopp dahingeworfene Haufen.

Sie wandern, ohne einen anderen Menschen zu treffen. Der Zigarettenstummel am Wegesrand könnte zehn Tage oder zehn Jahre alt sein. Die Arktis konserviert alles so, als ob es gerade gestern erst liegen gelassen wurde. Dann zwei Spuren im Schnee. Die Hälfte der Abdrücke ist so groß wie ein Suppenteller, die anderen haben kaum Untertassenformat, daneben ein paar flüchtig davor geritzte Striche. Eine Eisbärmutter mit ihrem Jungen war hier. Normalerweise durchqueren Eisbären auf ihrer Suche nach Fressbarem die Ebene, erklärt Jan Belgers und deutet hinunter. Aber man weiß es eben nie. Manchmal kommen sie auch auf die Gipfel. Die Gäste nicken ehrfürchtig. Auf dem Weg hierher haben sie bereits sieben Eisbären gesichtet – ­allerdings vom sicheren Schiff aus.

Sie klettern bis auf den Gipfel des Berges, der sich „Pudding“ nennt. In die Bucht auf der anderen Seite poltern die Wanderer wie Kinder einen verschneiten Hang hinunter, egal ob sie 17 oder 70 Jahre alt sind. Statt des ordentlichen „Zwei und zwei“ gleicht ihre Spur jetzt eher der einer Elefantenhorde. Erst im letzten Augenblick taucht die „Noorderlicht“ in der Bucht auf. Ihr roter Rumpf leuchtet in der Nordsonne, umgeben von Eisbergen in Türkis und Weiß. Im Hintergrund ein Gletscher, dessen haushohe Zacken mit donnerndem Getöse ins Wasser brechen und die Postkartenansicht ins Schaukeln bringen.

„Noorderlicht, Noorderlicht, Noorderlicht“, ruft der Reiseleiter per Radio das Schiff. Nur wenige ­Minuten später löst sich ein kleiner schwarzer Punkt aus dem Bild. Das Gummiboot, das die Wanderer zurück an Bord bringen wird. „Dieses Bild hat sich mir besonders eingeprägt“, wird Heinz Claus später über die Reise sagen. „Wie die ‚Noorderlicht‘ in der weichen Nord­sonne glänzt und für unsere Reisegruppe Ruhe und Sicherheit ausstrahlt.“

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