Leben Nicht zu wenig, nicht zu viel – Ernährungshilfe als Spagat in Haiti

Nach Jahren der Nothilfe versuchen Entwicklungshilfsorganisationen in Haiti, die Menschen verstärkt zur Selbsthilfe zu bewegen. Ein mühsames Geschäft.

Leonie Fleurimond lächelt zufrieden auf ihrem Bauernhof im Nordwesten Haitis. „Das fängt an, sich zu lohnen“, versichert die 36-jährige Landwirtin. Seit einiger Zeit kann sie auf ihrem kleinen Gut unweit des Städtchens Jean Rabel Bananen, Bohnen und Yamswurzeln anbauen – für den Eigenkonsum, aber auch zum Verkauf. Ihr Fall könnte als Beispiel einer erfolgreichen Entwicklungshilfe dienen: Menschen, die es dank zielgerichteter Unterstützung wieder schaffen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Normal ist dies nicht in Haiti. Die seit Jahrzehnten als ewiger Krisenstaat verrufene Karibikrepublik führt nach Angaben der deutschen Welthungerhilfe rund die Hälfte ihrer Lebensmittel ein, zirka zehn Prozent davon sind direkte Lebensmittelhilfen.

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Für die meisten der fast zehn Millionen Haitianer geht es nach wie vor ums nackte Überleben. Gewalt, Korruption und Naturkatastrophen haben das Land zum Armenhaus der Region gemacht. Zudem macht es eine oft fehlgeleitete Entwicklungshilfe schwer, dem Teufelskreis der reinen Notwirtschaft zu entkommen.

Hilfsorganisationen setzen verstärkt auf Maßnahmen zur Selbsthilfe

Seit einiger Zeit setzen Entwicklungshilfsorganisationen daher verstärkt auf Maßnahmen zur Selbsthilfe. Die Widerstandsfähigkeit fördern, „Cash-for-Work“, sind einige der Stichwörter zu Projekten, mit denen sie dem – nach dem Erdbeben von 2010 im Welthungerindex noch als „extrem gefährdet“ eingestuften – Land helfen wollen.

Dies zu erreichen, sei nicht immer einfach, erklärt der Regionalleiter der Welthungerhilfe, Dirk Guenther. Das Phänomen sei insbesondere in der Ernährungshilfe zu beobachten. „Wenn die Lebensmittelieferungen zu groß sind, zerstören sie die Produktionsanreize, und vor allem zerstören sie das Selbsthilfepotenzial der Bevölkerung“, analysiert er.

Umgekehrt aber, wenn die Lebensmittellieferungen im Falle einer schweren Krise zu klein seien, könnte dies wiederum diese Selbsthilfepotenziale auch zerstören. Die Bauern müssten zum Beispiel alle ihre Tiere schlachten. „Diese Situation hatten wir in verschiedenen Gegenden des Landes nach dem schweren Erdbeben, weil viele Personen aus den städtischen Gebieten in die ländlichen Gebiete zu ihren armen Familien gegangen sind“, erinnert sich Guenther.

Schwieriger Spagat und Schuldeingeständnis von Bill Clinton

Die Welthungerhilfe habe danach versucht, mit sogenannten „Cash-for-Work“-Maßnahmen zur Wiederbeschaffung von Lebensmittelreserven beizutragen – die Bauern erhielten Geldanreize für geleistete Arbeit auf den Feldern. Früher habe die Welthungerhilfe dagegen in Gebieten wie Jean Rabel im Nordwesten im Wesentlichen nur Lebensmittelverteilungsprojekte organisiert.

In Haiti wird der schwierige Spagat gerne auch mit dem Hinweis auf ein Schuldeingeständnis von Bill Clinton geschildert. Der frühere US-Präsident ist seit Jahren für sein Haiti-Engagement bekannt. In den 1990er Jahren warb Clinton auch erfolgreich für die zollfreie Einfuhr von subventioniertem Reis aus den Vereinigten Staaten als eine Form der Entwicklungshilfe – heute ist der verarmte Karibikstaat abhängig vom Reisimport aus dem großen Nachbarland.

„Es mag gut gewesen sein für einige meiner Bauern aus Arkansas, aber es hat nicht funktioniert“, gab der ehemalige Staatschef und Arkansas-Gouverneur später in einer ungewöhnlichen Rede vor dem Auswärtigen Ausschuss des US-Senats nach dem Erdbeben von 2010 zu.

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