Leben Nur für Mitglieder ab 200 Jahre

Kaum ein Klub hat so harte Altersbeschränkungen wie dieser: Bei den Hénokiens kommen die ältesten Unternehmerfamilien der Welt zusammen. Diesmal trafen sie sich in Paris. Impulse war mit dabei.

Die Franzosen küssen. Die Italiener küssen auch – mit lautem „Mnjam, Mnjam“. Deutsche und Niederländer fallen sich in die Arme. Die Japaner lächeln und winken. Noch bevor alle da sind, schießt Herr Okaya aus Nagoya die ersten Erinnerungsfotos. Von den Hörnern an der Wand – von Büffeln und Antilopen -, vom vier Meter langen Krokodil, das der Hausherr selbst erlegt hat, von dem Poster mit der Überschrift „Die 200 Familien“.

Dort stehen sie, die großen Namen Frankreichs: Schlumberger, Rothschild, Wendel – und wo sie seit Jahrhunderten Geschäfte machten. Auch die Gastgeber sind verzeichnet, die Familie Hottinguer. Einst überall aktiv: Transport, Agrar, Stahl, Metalle, Chemie. „Heute sind wir nur noch Bankiers“, sagt Jean- Philippe Hottinguer, 73. Die sechste und siebte Generation leiten das Institut. „Wir sind jung. Blutjung.“ Er lacht.

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Dann dreht er sich um, sucht im Gewusel und zeigt auf ein Paar. „Die sind wirklich uralt.“ Er meint einen Mann mit weißen Haaren und roter Brille, neben ihm seine Ehefrau, blond, schlank, im figurbetonten Oberteil. Jacopo Barovier führt die italienische Glasmanufaktur Barovier & Toso in 21. Generation. Seine Familie fertigt Glasvasen und Kristallleuchter – seit 715 Jahren.

Es ist ein exklusiver Klub, der sich in den Räumen der Privatbank versammelt hat. Les Hénokiens, benannt nach Henoch, dem biblischen Vorbild für Fruchtbarkeit und ein langes Leben. Beitreten dürfen nur Unternehmen, deren Geschichte mindestens 200 Jahre zurückreicht und die bis heute von der Gründerfamilie kontrolliert werden.

Das älteste Mitglied, das japanische Hotel Hoshi Onsen, ist 1296 Jahre alt. Ihre Ahnen haben Kaiser beliefert und Könige beraten, Kriege, Wirtschaftskrisen und Schicksalsschläge überlebt. Sie sind eine Klasse für sich, Aristokraten der Wirtschaft.

Aber ohne Protokoll oder Pose, wie sich gleich am ersten Abend zeigt. Einige der 80 Gäste sind im Anzug erschienen, andere in Jeans. Während Kellner Champagner und Foie gras servieren, wird geherzt, geredet und gelacht – wie bei einem Klassentreffen. Eine Gruppe beugt sich über ein Fotoalbum. Italien.

Da waren sie im vergangenen Jahr. „Das war toll“, sagt Wilfried Neuhaus-Galladé, Geschäftsführer des deutschen Krananlagenherstellers J. D. Neuhaus (1745). In der Lombardei führte Urs Gussali Beretta sie durch seine 1526 gegründete Waffenfabrik. „Ich habe auch Bilder von uns allen im Kimono, aus Japan“, sagt Neuhaus.

Jedes Jahr übernimmt ein anderes Mitglied die Rolle des Gastgebers und organisiert das dreitägige Programm rund um die Hauptversammlung: Diner, Kunstbesichtigungen, Unternehmensführungen mit den Chefs. „Wir bekommen dabei Einblicke, die man sonst nie erhält“, sagt Neuhaus-Galladé.

Ist das schon das ganze Geheimnis dieses Klubs, der in diesem Jahr Jubiläum feiert? Gérard Glotin, Franzose und Nachfahre einer Anisdynastie, rief 1981 alte Unternehmen auf, sich bei ihm zu melden. Eine spontane Idee, die während eines Radiointerviews entstand. Damals feierte seine Spirituosenfirma Marie Brizard 200. Geburtstag.

Heute ist die Mitgliedschaft bei den Hénokiens so begehrt, dass sich Familien wie die Peugeots aufwendig um die Aufnahme bemühen: bei der Jahresversammlung vorsprechen, Stammbäume einreichen, ihre lückenlose Firmenhistorie dokumentieren. Hier in Paris wird der Autoclan neu aufgenommen, als 39. Mitglied.

„Wir teilen dieselben Werte“, sagt Jean-Philippe Peugeot, stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats von PSA Peugeot Citroën. „Mut, Respekt, Treue, langfristiges Denken.“ Groß oder klein, arm oder reich, das spiele in diesem Zirkel kaum eine Rolle. Nicht jedes Traditionsunternehmen verfügt über große Ver mögen. Der Klub hat auch schon mal ein Flugticket bezahlt, damit alle Mitglieder bei einer Reise dabei sein konnten. Beim Diner plaudern Konzernlenker angeregt mit Kleinunternehmern. Alter verbindet.

Es wird wenig über Zahlen gesprochen und viel über Privates: den geplanten Auslandsaufenthalt der Kinder, ihre Noten, die Marotten der Ehemänner. Oft geht es um Nachfolge, ein Thema, das hier alle beschäftigt. Ansonsten?

„No business talk“, sagt Tokuichi Okaya, der in Japan sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag arbeitet. Hier in Paris macht er sich einen Spaß daraus, mit möglichst vielen Unternehmern vor einem ausgestopften Leoparden zu posieren.

Und ganz nebenbei, zwischen Besichtigungen und Galadiner, werden Netzwerke gesponnen, die natürlich den Unternehmen nutzen. „Als ich in Frankreich eine Firma angeboten bekam, habe ich gleich die Franzosen angerufen“, sagt Friedrich Schwarze, Geschäftsführer der 1664 gegründeten Kornbrennerei Schwarze und Schlichte. Die hörten sich in ihren Netzwerken um und erzählten so viel Brisantes, dass er lieber die Finger von der Übernahme ließ.

Seit zwei, drei Jahren nutzt auch die nächste Generation das Netzwerk der Hénokiens, kommuniziert auf Facebook miteinander. Rund 15 Nachfolger sind nach Paris gereist. Am Freitag gehen sie tanzen bis 6 Uhr früh. Felice Piacenza schält sich am Morgen dennoch aus dem Bett und fährt mit zum Schloss Anet.

Die Augenringe hat der 20Jährige hinter einer großen Sonnenbrille versteckt. „Wir hatten Spaß“, sagt er. „Aber wir diskutieren auch viel.“ Über mächtige Väter und Großväter. Über rivalisierende Geschwister, Hänseleien in der Schule. Und über die große Aufgabe, die sie erwartet. Felice Piacenza studiert Mode, später will er die Kaschmirfabrik seiner Familie im Piemont übernehmen. Ein ganzes Dorf wird dann für ihn weben – und erwarten, dass auch die eigenen Kinder noch einen Job bei Piacenza bekommen. „Das ist schon ein gewisser Druck.“

Denn Tradition schützt nicht vor einer Pleite. Einige Hénokiens mussten in den vergangenen Jahren Insolvenz anmelden. Andere haben ihr Unternehmen an Konzerne oder Finanz investoren verkauft, weil sie das Überleben nicht mehr sichern konnten. So ging es auch den Glotins, der Familie des HénokiensGründers. „Das letzte Jahrhundert war hart für Familienunternehmen“, sagt seine Witwe Françoise Glotin.

Sie wird noch immer als Ehrengast zu den Jahrestreffen eingeladen – und kommt gern.
„Auch wenn das Unternehmen weg ist, die Geisteshaltung und die Werte, die dahinterstanden, verliert man doch nie.“

German oldies
Drei deutsche Unternehmerfamilien sind Mitglied der Hénokiens:
Die westfälische Familie Schwarze brennt seit 347 Jahren Korn und andere Spirituosen.
J. D. Neuhaus, gegründet 1745, fertigt Krananlagen und Seilwinden.
Peter von Möller, ehemaliger Präsident der Hénokiens, und seine Frau Monica von Möller vertreten die Möller Group (1762), die sich auf Kunststoffe und flexible Werkstoffe spezialisiert hat.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2011.

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