Leben Philosophie-Professorin: „Putzen ist wie Sport“

Über viele Dinge kann man trefflich philosophieren. Aber übers Putzen? Die Braunschweiger Professorin Nicole Karafyllis tut genau das und hat darüber ein Buch geschrieben. Im Interview räumt sie mit Vorurteilen über das lästige Übel auf - und sagt, warum Putzen eigentlich genauso gut wie Sport ist.

Leidenschaftlich gern putzen – das gelingt nicht vielen. Warum haben Sie ein Buch dazu geschrieben?

Nicole Karafyllis: Das Putzen beschäftigt mich schon ganz lange, weil ich gerne putze. Und ich habe gemerkt – gerade wenn man mit Akademikern über das Putzen spricht – die haben gar keine richtige Haltung dazu und ganz wenige Argumente. Sie sagen fast immer, dass sie eine Putzfrau haben, weil ihnen das Zeit für etwas Sinnvolles gebe oder Zeit für Sport bringe. Ich sage: Putzen ist auch körperlich anstrengend. Das ist wie Sport! Ich glaube, da besteht eine große Bildungslücke beim Putzen.

In der gesparten Zeit etwas Sinnvolles zu tun, heißt doch im Umkehrschluss, putzen ist sinnlos.

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Genau! Da sind sich eigentlich alle einig, egal welchem Beruf sie nachgehen. Aber man kann dem Putzen etwas abgewinnen. Es ist eben nicht unterfordernd und eine der wenigen Tätigkeiten, bei denen ich Zeit habe, über mich selber nachzudenken. So geht es auch vielen anderen Menschen. Die trauen sich das aber nicht zu sagen, insbesondere Männer.

Weil es als sinnlos abgestempelt ist?

Ja, weil es eben keinen Spaß machen darf. Jemand dem es Spaß macht, wird sofort verdächtigt, einen Waschzwang zu haben.

Desinfektionsmittel aus der Werbung versprechen, alles keimfrei zu machen.

Da wird der Schritt vom Säubern zum Reinigen und zum Sterilisieren gemacht und den finde ich problematisch. Da hat man den Eindruck, dass manche Menschen ihren erweiterten Körper – und das ist die Wohnung – als kontaminiert ansehen und das er davon befreit werden muss. Das ist sicher eine Überreaktion.

Aber sie putzen leidenschaftlich gern?

Ja, leidenschaftlich im doppelten Sinne. Etwas, das man gerne tut, an dem man aber auch leidet, weil man es gerne tut. Man wird immer mit seiner eigenen Vergänglichkeit konfrontiert und man muss immer wieder von vorn anfangen. Das kann entweder frustrierend sein oder man kann sagen, dass ist etwas, bei dem nur rauskommt, dass ich mich wohlfühle. Und vergessen sie nicht das Lachen beim Putzen. Wenn man das mit Leidenschaft macht, dann macht man das auch mit Humor.

Putzen kann entspannen und sinnvoll sein?

Das ist doch wie beim Sport. Da kommt letztendlich auch nichts dabei raus. Man hat dem Sport aber eine Sinnstiftung gegeben. Warum dem Putzen nicht, weiß ich nicht. Ich glaube, dass hat damit zu tun, das in jeder Gesellschaft immer etwas übrig bleiben muss. Etwas, das man nicht haben will, von dem man sich abgrenzt.

Man soll sich also mit dem eigenen Schmutz auseinandersetzen?

Ja, und auch mit den ideologischen Momenten. Denn es ist nicht nur der Schmutz, der ausgegrenzt wird, sondern oft auch der Putzende. Da fehlt eben auch gesellschaftliche Anerkennung, vor allem für diejenigen, die diese Arbeit machen.

Zur Person:
Nicole Karafyllis ist Philosophieprofessorin mit dem Schwerpunkt Wissenschafts- und Technikphilosophie an der Technischen Universität Braunschweig. Sie hat das Buch „Putzen als Passion“ veröffentlicht, in dem sie sich mit ihrer Leidenschaft fürs Saubermachen und dem Putzen als Kulturtechnik auseinandersetzt.

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