Leben Pilgerfahrt de luxe

Lange galt die Kreuzfahrt als exklusivste Form des Weltenbummelns. Was aber, wenn man alle Meere befahren hat? Dann bleibt immer noch der Kreuzflug in einem Privatjet, der die schönsten Ziele der Erde anfliegt. impulse war an Bord, als es nach Santiago de Compostela ging.

Minutenlang holpert die kleine Dornier abwärts. Vorsorglich sammelt eine Stewardess die Frühstücksteller aus Porzellan ein. Vielleicht wäre es doch an der Zeit, die Gurte mit den goldenen Schnallen zu schließen. Man müsse sich überhaupt keine Sorgen machen, hatte Kapitän Presutti noch betont, als er vor dem Abflug jeden Passagier mit Handschlag begrüßte. Ja, der Flughafen von Auxerre sei recht klein und er selbst noch nie auf der 1650 Meter kurzen Bahn gelandet. Dennoch, alles kein Problem: „Einen fremden Flughafen nach Instrumentenflugregeln anzufliegen ist wie eine Autobahnausfahrt zu nehmen, die man noch nicht kennt.“ Also klammern sich die Passagiere am Champagner fest und vertrauen auf moderne Luftfahrttechnik, Presutti und den lieben Gott.

Gerade von Letzterem darf man sich auf dieser ungewöhnlichen Reise Beistand erhoffen, schließlich sind die acht Männer und Frauen ja Pilger, Jakobspilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Nicht zu Fuß wie die meisten Sinn- und Gottsuchenden. Sie sind in Jetgeschwindigkeit unterwegs – auf einem „Kreuzflug“. Wie Kreuzfahrt, nur eben in der Luft. Die Reederei Hapag-Lloyd will mit dieser Art von Luxusreisen ein neues Geschäftsfeld erschließen. Von Kurztrips durch Europa bis zu drei Wochen „Mongolei und Seidenstraße“ reicht das Angebot. Angesteuert im privaten Airbus A319-CJ mit 42 Sitzplätzen (35 000 bis 47 000 Euro für Langstrecken, 14 bis 21 Tage). Kürzere Touren wie die sechs Tage auf dem Jakobsweg werden in der Dornier 328 mit VIP-Ausstattung geflogen (ab 15 990 Euro): sieben Starts und Landungen, Weiterreise im klimatisierten Bus, Übernachtungen in Sternehotels und fünfgängige Menüs am Abend. Pilgern de luxe, nahezu dekadent, finden auch die Reisenden selbst.

Anzeige

Ein strammes Kulturprogramm

„Wenn man so eine Reise macht, kann man das nicht jedem zu Hause erzählen“, erklärt ein Herr, und seine Frau korrigiert: „Eigentlich kann man es gar niemandem erzählen.“ Als ihre Haushälterin fragte, wo es denn hinginge, habe sie nur gesagt: „Nach Spanien.“ Wie die beiden steht ein Großteil der Teilnehmer nicht mehr aktiv im Berufsleben. Das Durchschnittsalter der Hapag-Kunden liegt zu Wasser wie in der Luft bei etwa 60 Jahren. Das eigene Unternehmen ist an die nächste Generation übergeben, nicht wenige tragen ein emeritus oder a. D. hinterm Namen, den übrigens keiner der Mitreisenden in diesem Artikel lesen möchte.

An der Basilika der heiligen Maria Magdalena in Vézelay, der ersten Kirche des Besichtigungsmarathons, ist der Teufel los. Französische Grundschüler toben auf dem Vorplatz, Bustouristen, Frankreich-Reisende und Amerikaner auf Europa-Tour drängeln in Richtung Eingang. Das gewaltige Hauptportal der Kirche lässt jedoch jeden erst einmal verstummen.

Dr. Dr. Volker Gebhardt räuspert sich. Der Internist und Kunsthistoriker begleitet die Reise als Lektor. Der Doktor-Doktor führt das Grüppchen durch Kirchen und Museen, übersetzt Speisekarten, beschreibt die überflogenen Landschaften und liest im Bus aus alten Pilgerbüchern vor. Seine Vorträge hält er frei, mit dem Understatement eines alten Museumsdirektors, der den Wert seiner Exponate wohl kennt, aber schon so lange über sie wacht, dass sie ihm nicht mehr allzu aufregend erscheinen. Er redet ruhig und leise, nur hin und wieder nickt er einer Madonnenstatue mit einem etwas schiefen Lächeln zu und sagt: „Rührend, nicht wahr?“

Die Reisenden schreiben eifrig mit, was der Doktor-Doktor über romanische Sandsteinschnitzereien und den Portalschmuck in der Basilika erzählt. Alle nicken, niemand flüstert oder gähnt. „Ich interessiere mich sehr für die Backsteinarchitektur der Romanik“, sagt eine Teilnehmerin. Keiner wird sich in den nächsten Stunden und Tagen auch nur eine der zu besichtigenden Kapellen entgehen lassen, alle Chorräume, Altäre, Fresken werden mitgenommen. Schnell wird klar: So ein Kreuzflug ist kein Erholungsurlaub. Anders als auf Kreuzfahrten gibt es hier kein Entspannen auf dem Sonnendeck, dafür ein durchgetaktetes Kulturprogramm, das höchstens eine Stunde vorm Abendessen zur freien Verfügung lässt.

Der französische Teil des Jakobswegs ist nach dem Mittagessen des ersten Tages abgehakt, vor dem Flughafen von Auxerre begrüßt Kapitän Presutti seine Passagiere. Er fliegt sie in einer guten Stunde über die wolkenverhangenen Pyrenäen ins spanische Huesca. „Qué lujo“ – was für ein Luxus -, raunt der spanische Flughafenangestellte, als die Kreuzflügler ohne Schlangestehen in der Pass- und Zollkontrolle zum Shuttlebus eilen. Er schnaubt und kümmert sich ums Gepäck. Das wird vorgefahren, damit die Kreuzflügler, wenn sie im Hotel ankommen, ihre Koffer im Zimmer finden. Morgens stellen sie das Gepäck einfach vor die Tür. Jemand kümmert sich.

Dieser Jemand ist Chefreiseleiter Matthias Meyer. Er übernimmt alles Organisatorische, ist Ansprechpartner für jedes Wehwehchen und alle Beschwerden. Nach mehr als 20 Jahren als Cruise Director auf Hapag-Lloyd-Kreuzfahrtschiffen besitzt er ein Gespür für gruppendynamische Entwicklungen. Denn: Auch ein noch so großer Sitzabstand schützt nicht davor, dass sich die Reisenden mal auf die Nerven gehen. „Es ist doch ganz normal, dass man sich mit dem einen noch ein bisschen besser versteht als mit dem anderen“, sagt eine Teilnehmerin diplomatisch.

Meyer deeskaliert, indem er die Tischordnung von Abend zu Abend verändert und eine Extraportion gute Laune versprüht. Die Reiseleitung gibt alles: Im Hotel Marques de Riscal, einem postmodernen Prachtbau des Stararchitekten Frank Gehry, liegen sieben Gabeln, vier Löffel und zwei Messer links und rechts der Teller auf der fein eingedeckten Tafel, dazu zwei Sätze Besteck obendrüber, fürs Dessert. „Ich weiß gar nicht, ob ich schon wieder essen kann“, flüstert eine Mitreisende in Anbetracht der abzuarbeitenden Besteckbatterie. Während andere Pilger für 5 Euro im Schlafsaal übernachten und Wurstbrote mitnehmen, gibt es für die Jetreisenden nach dem Frühstücksbüfett einen Snack im Flieger, Mittagessen, drei- bis fünfgängig, gefolgt von einem Flug, auf dem die Stewardess Süßes anbietet – und am Abend so ein ausladendes Menü wie das des Sternekochs Francis Paniego.

Erleuchtung – und eine Urkunde

Das Ziel eines jeden Jakobspilgers ist, neben der spirituellen Erfahrung, die Compostela, der urkundliche Beweis, nach Santiago gepilgert zu sein. Den bekommt, wer mindestens 100 Kilometer zu Fuß oder 200 Kilometer mit dem Pferd oder Fahrrad bewältigt hat. Die Urkunde gibt es für die Kreuzflügler natürlich nicht, sie tragen es mit Fassung, allen ist klar, dass man „ein bisschen schummelt“, wie eine Reisende es ausdrückt. „Wenn man hier zu Fuß unterwegs ist, dauert es oft Tage, bis die nächste interessante Kathedrale kommt“, tröstet der Doktor-Doktor. Mit dem Jet schafft man es in 20 Minuten von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten.

Am vorletzten Tag beginnt der landschaftlich schönste Teil des Jakobswegs, der Himmel strahlt blau. Die Mehrheit der Gruppe beschließt, die drei Kilometer zu Fuß zum Eisernen Kreuz von Ponferrada zu wandern. „Wenn Engel reisen“, sagt eine Dame und schiebt ihre elegante Sonnenbrille auf die Nase. Der steinige Weg durch die Montes des León steigt sanft an. Die Luft duftet nach Tannennadeln. Links liegt das Tal des Monte Irago. Die Aussicht ist überwältigend. Fast wie aus dem Flieger.

Am Abend liefert Paolo Presutti seine Pilger am Flughafen von Santiago de Compostela ab. Die Tradition sieht vor, noch einmal in einer Herberge zu rasten und erst am nächsten Tag erfrischt zur Kathedrale zu gehen – der Grabstätte, die dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird. Das endgültige Ziel der Reise. Am nächsten Morgen versammeln sich die Kreuzflügler um 10 Uhr auf dem Vorplatz. Während der Doktor-Doktor über architektonische Besonderheiten der Fassade spricht, kommen immer mehr erschöpfte Pilger an. Sie jubeln, fallen sich in die Arme, fotografieren sich. Alle sind froh, es bis hierher geschafft zu haben. Über 200 000 Menschen begehen den Jakobsweg jedes Jahr so, dass sie dafür Brief und Siegel bekommen. Im heiligen Jahr 2010 kamen zudem mehr als neun Millionen Besucher zur Kathedrale, um ihre Verehrung für den heiligen Jakobus auszudrücken, darunter auch der Papst. Er war vielleicht der bisher einzige Pilger, der ähnlich vornehm anreiste wie die Kreuzflügler aus Deutschland. Denn auch seine Heiligkeit kam im Privatjet. In einem noch größeren sogar.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 08/2012.

Abonnenten erhalten die neueste Ausgabe des Unternehmermagazins impulse jeden Monat frisch nach Hause geliefert. impulse gibt es auch zum Download als PDF sowie in einer mobilen Version für Tablets und Smartphones als impulse-App für Android und iOS.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...