Leben Rettungsanker im Krisenland Spanien

Der Tourismus wirft ein wenig Licht auf die ansonsten finsteren Bilanzen der spanischen Wirtschaft. Spanien ist weltweit eines der beliebtesten Reiseziele. Die Zahl der ausländischen Urlauber steigt. Aber die Krise lässt auch den Tourismus nicht ganz unverschont.

Die Zahl der Touristen steigt, die Urlauber geben in Spanien mehr Geld aus als je zuvor, und in der kommenden Reisesaison dürfte der Zustrom noch ein wenig anschwellen: Es kommt in letzter Zeit nicht gerade häufig vor, dass Spanien mit positiven Wirtschaftsdaten aufwarten kann. Der Tourismus ist in dem – von Rezession und Rekordarbeitslosigkeit gebeutelten – Euro-Krisenland zum wichtigsten Rettungsanker der Wirtschaft geworden.

Spanien ist weltweit eines der wichtigsten Reiseziele. Es lockte 2012 fast 58 Millionen ausländische Urlauber an, 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Ausgaben der Spanien-Touristen stiegen gar um 5,7 Prozent auf die Rekordsumme von 55,6 Milliarden Euro. Bei den Einnahmen der Branche rangiert Spanien nach Angaben der Welttourismusorganisation (UNWTO) weltweit an zweiter Stelle, hinter den USA.

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Der Tourismus ist mit einem Anteil von etwa elf Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit Jahrzehnten der Grundpfeiler der spanischen Wirtschaft. Die Bauwirtschaft schien der Reisebranche zeitweise die führende Position streitig zu machen, aber diese Säule brach nach dem Platzen der „Immobilienblase“ vor fünf Jahren weg. Bislang fand Spanien dafür keinen Ersatz. Die Folge ist ein Anstieg der Arbeitslosenquote auf einen Rekordwert von 26 Prozent.

Allerdings kommt auch der Tourismus in der Krise nicht ganz ungeschoren davon. Die Wirtschaftsleistung der Branche ging 2012 um 1,6 Prozent zurück. Hotels und Reiseunternehmen tragen nicht zur Schaffung der so dringend benötigten Arbeitsplätze bei. Im Gegenteil: Auch im Tourismussektor werden Jobs gestrichen; nach Angaben des Branchenverbands Exceltur ging 2012 die Zahl der Beschäftigten um 23.000 zurück.

Der Rückgang hat seine Ursache darin, dass die Spanier bei Reisen im eigenen Land drastisch sparen. Viele Familien können sich Ferien im Hotel nicht mehr leisten und sehen zu, dass sie im Urlaub bei Freunden oder Verwandten unterkommen. Das Wegbleiben der spanischen Feriengäste bekommen vor allem die Städte im Innern des Landes und das „grüne Spanien“ entlang der Atlantikküste zu spüren. Hotels an den – von Einheimischen bevorzugten – Reisezielen beklagen Umsatzeinbußen von mehr als zehn Prozent.

Der Ansturm von Touristen aus dem Ausland konnte den Einbruch des Inlandsmarkts nicht wettmachen. Allerdings bestätigte er die Formel von „sol y playa“ (Sonne und Strand) als Markenzeichen des spanischen Tourismus: Die Hotels in den klassischen Strandregionen auf Mallorca, den Kanaren oder an der Costa Brava waren 2012 am besten ausgelastet.

Allerdings zeichnet sich bei den Auslandstouristen ein neuer Trend ab. Spanien ist dabei, sich aus der Abhängigkeit von den traditionellen Märkten in Großbritannien und Deutschland zu befreien, die mit Abstand das Gros der Urlauber stellen. Man spricht gar von einem „russischen Wunder“: Die Zahl der Touristen aus Russland verdoppelte sich innerhalb von zwei Jahren und überstieg im vorigen Jahr erstmals die Millionengrenze.

Russische Urlauber geben sich auch spendierfreudiger als andere Spanien-Touristen. Sie geben nach Angaben von Branchenverbänden pro Kopf im Durchschnitt 1600 Euro für einen Spanien-Urlaub aus, fast 600 Euro mehr als die Deutschen. „Spanien sollte verstärkt Touristen aus aufstrebenden Staaten wie China, Indien, Brasilien oder Mexiko anlocken, um die traditionelle Dominanz der Briten und der Deutschen zu brechen“, sagte Exceltur-Chef Amancio López der Zeitung „El País“. Urlauber aus diesen Ländern könnten das Wegbleiben spanischer Feriengäste wettmachen.

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