Leben Schatzsucher

Kunst solle nicht schön sein, sondern aufrütteln, findet Designer Bent Angelo Jensen, der das Mode­label Herr von Eden gründete. Hier in seinem  Hamburger Wohnzimmer vor "Veruschka/Lahm vs. Asamoah" von ­Thomas Grundmann.

Kunst solle nicht schön sein, sondern aufrütteln, findet Designer Bent Angelo Jensen, der das Mode­label Herr von Eden gründete. Hier in seinem Hamburger Wohnzimmer vor "Veruschka/Lahm vs. Asamoah" von ­Thomas Grundmann.© Jan Riephoff

Ob Videokunst, Skulpturen oder Gemälde - junge Unternehmer haben ihre Sammelleidenschaft entdeckt. Die Kunst bringt ihnen Zerstreuung, Tiefe, Emotion. Und im besten Fall steigert sich auch noch ihr Wert.

Wenn Markus Hannebauer Gäste empfängt, lotst er sie nicht in seine helle Loftwohnung, sondern meist unter die Erde – in die Tiefgarage. Hier lagern seine größten Schätze, zwischen den Autos seiner Nachbarn: Videokunst. Zum Beispiel ein grauer Fiat 132, auf dessen Frontscheibe ein Beamer aus dem Innenraum einen Film projiziert. Der Künstler hat sich von der Motorhaube aus selbst gefilmt, sogar die Fahrgeräusche sind zu hören: Sie kommen aus einem Lautsprecher im Kofferraum. „Die Installation ist eine meiner Lieblingsarbeiten“, sagt Hannebauer. Er hält inne und knetet mit beiden Händen seinen Autoschlüssel. „Wir beobachten ihn, während er uns zu beobachten glaubt. Das fasziniert mich.“ Der 36-Jährige kommt oft hierher, um das flimmernde Kunstwerk auf sich wirken zu lassen.

Mit seiner Leidenschaft ist Softwareunternehmer Hannebauer nicht allein. Es sind längst nicht mehr nur betagte Firmenpatriarchen, die kostspielige Kunstwerke sammeln. Immer mehr junge Firmenchefs jetten um die Welt, um ausgefallene Werke zu entdecken und sich die besten Arbeiten zu sichern. Wie der Medienunternehmer Christian Boros, der eigens einen Berliner Weltkriegsbunker in ein Ausstellungshaus verwandelte, um darin seine Privatsammlung zu präsentieren. Oder Jacques-Antoine Granjon, Gründer und Geschäftsführer des Markenschnäppchen-Portals Vente-privee.com, dessen Pariser Stammsitz einem Museum für moderne Kunst gleicht.

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Als Hannebauer vor zwei Jahren anfing, Video­kunst zu sammeln, suchte er nach einem Ausgleich zum anstrengenden Job. Er liebte ­seine Arbeit, gleichzeitig forderte sie aber all seine Kraft. Acht Jahre zuvor hatte er mit einem Geschäftspartner das Unternehmen Think-Cell gegründet, das Präsentationssoftware entwickelt. Die Firma lief gut, ließ dem Endzwan­ziger aber keinen Raum für private Interessen: „Die Arbeit war mein Hobby“, sagt er. „Diese Zeit war wichtig, aber es fehlte etwas.“

Dieses Etwas fand Hannebauer in Spanien: Ein befreundetes Galeristenpaar lud ihn 2010 zur Loop nach Barcelona ein, zu einer Videokunstmesse. Dabei werden Filme in der ganzen Stadt gezeigt, an allen möglichen Orten, in Garagen, Tapasbars oder in Hotelzimmern − da, wo Hannebauer seine Leidenschaft für Videokunst entdeckte. „Ich kam in ein abgedunkeltes Zimmer und war allein. Diese Ruhe habe ich sehr genossen.“ Hannebauer setzte sich aufs Bett, um sich „Secret Machine“ anzusehen. Der 14-Minüter handelt von einer jungen Schönheit, die in einem Labor vermessen wird. Ihr Körper wird mit altertümlichen Messinstrumenten analysiert, aufgeschnitten, penetriert. Die Frau lässt die Untersuchungen willenlos über sich ergehen. „Secret Machine“ überschreitet Grenzen, polarisiert, verstört viele, begeistert andere. Hannebauer gehört zu Letz­teren. „Der Film vereinte all das, was ich an Kunstfilmen schätze: Er war detailreich, vielschichtig und enthielt zahlreiche Referenzen, ohne plakativ zu sein.“ Diesen Moment, in dem er Videokunst für sich entdeckte, bezeichnet Hannebauer heute als Glücksfall: „Die Kunst hat mir geholfen, neben meiner Arbeit mehr zu sehen. Sie hat mich als Menschen vollständiger gemacht.“

Mittlerweile besitzt der Unternehmer ein ­gutes Dutzend Werke. Wie „Autofiction“, das kunstvolle Gefährt in der Tiefgarage, haben ihn die meisten einen mittleren fünfstelligen Betrag gekostet. Die Arbeiten sind in der ganzen Wohnung verteilt, überall flimmert es. Einige sind verspielt, wie die Installation „Staircase Flesh“: Von der Decke aus wird eine Wasserlache auf den Fußboden projiziert, die sich langsam vor der Badezimmertür ausbreitet und in der sich eine nackte Frau spiegelt. „Viele Gäste denken zuerst, die Pfütze sei echt und schrecken zurück, weil sie sich nicht die Füße nass machen wollen“, erzählt Hannebauer, ein Mann mit breiten Schultern und schmalen Augen, der ­selten lächelt. In diesem Moment freut er sich wie ein kleiner Junge.

Andere Filme seiner Sammlung sind anstrengend, wie die Frauenschreie aus der „King Kong“-Schlüsselszene, die im Wohnzimmer in Endlosschleife laufen. „Ich wähle die Werke nicht nach dekorativen Aspekten aus, sondern kaufe auch nervige oder sogar eklige Filme − weil sie mir etwas sagen.“ So wie die „King Kong“-Schreie: „Der Künstler hat sie so kunstvoll zusammengeschnitten, dass sie ihren eigentlichen Sinn verlieren und stattdessen ein rhythmischer Audiotrack aus ihnen wird.“ Für Hannebauer ist das verstörend und faszinierend zugleich. „Diese Ambivalenz zeichnet gute Kunst aus“, sagt er.

Kunst soll nicht schön sein, sie soll wach machen, findet auch Bent Angelo Jensen. „Es geht nicht darum, mir eine schöne Landschaftsmalerei an die Wand zu hängen“, sagt der 34-Jährige, der mit 20 das Modelabel Herr von Eden gründete, das für seine ausgefallenen Herrenanzüge deutschlandweit bekannt ist. „Wenn du 30 Mitarbeiter hast, musst du dich auch lästigen Dingen stellen. Dazu gehören für mich Buchhaltung, Controlling und Auseinander­setzungen mit Mitarbeitern, die keinen guten Job machen.“ Dabei hilft Jensen Kunst, die ihn provoziert. „Sie gibt mir die Körperspannung, die ich im Job brauche. Sie macht mich wieder gerade.“

Kunstwerke mit Wertsteigerungspotenzial

Die Gemälde und Fotografien in seiner Hamburger Wohnung wirken düster; Skelette, Kreuze und Geschlechtsteile sind wiederkehrende Motive. Im Wohnzimmer hängt eine Collage einer derangierten Marilyn Monroe mit drogenroten Augen, aus ihrem Mund rinnt eine weiße Flüssigkeit. „Die Themen Sex, Tod und Rausch tauchen immer wieder auf, weil sie mich am meisten beschäftigen“, sagt Jensen, der zu einem perfekt sitzenden Anzug dunkel lackierte Fingernägel trägt. „Für mich sind das keine düsteren, sondern lebensbejahende Themen. Dinge eben, die zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben dazugehören. So wie der Tod: Er gehört für mich zum bewussten Leben wie alles andere Überlebenswichtige. Und Sex ist für mich die intensivste Auseinander­setzung mit dem Leben überhaupt.“

Auch in den Verkaufsräumen seiner Herr-von-Eden-Filialen hängen Arbeiten. Nur in den Werk­räumen des Ateliers, wo die Anzüge produziert werden, sind die Wände weiß. „Dort ist es ohnehin schon wuselig und laut durch die Nähmaschinen. Kunst würde da zu sehr ablenken, und umgekehrt fehlt die gebührende Ruhe, um der Kunst Aufmerksamkeit zu schenken.“

Jensen ist mit den meisten Künstlern eng befreundet. Zum Sammeln kam er über Freunde und Bekannte, viele von ihnen sind selbst Künstler oder Kreative. 1999, ein Jahr nachdem Jensen Herr von Eden als Secondhand-Geschäft gegründet hatte, gab der Jungunternehmer ­seine erste Arbeit in Auftrag: Ein befreundeter Schweizer Künstler fertigte ihm eine Marmor­skulptur für seinen Laden. 10 000 D-Mark zahlte Jensen für das zwei Tonnen schwere Kunstwerk. „Mein Kumpel brauchte einen Auftrag, und ich hatte durch mein Geschäft nahezu das nötige Kleingeld.“

Als Jensen begann, selbst Anzüge anzufertigen, tauschte er sie gegen Kunst ein: Wenn ihm eine Arbeit gefiel, bot er dem Künstler an, ihm im Gegenzug ein paar Anzüge zu schneidern. „Diese Art von Naturalienhandel hat meistens gut funktioniert.“ Noch immer sind Anzüge ­seine Währung. Ungefähr die Hälfte seiner 30 Kunstwerke hat Jensen damit erworben. Er sieht sich nicht als Sammler, sondern als Liebhaber von Kunst: „Ich wollte nie Kunstsammler werden. Es geht mir nicht um Wertsteigerung oder darum, allen zu zeigen, dass ich mir teure Arbeiten leisten kann. Ich beschäftige mich einfach gern mit Dingen, die mich berühren.“

Karl-Philip Tengelmann will beides: ein Kunstwerk, das ihn anspricht und das gleichzeitig Wertsteigerungspotenzial hat. „Vor ein paar Jahren wurde mir eine Arbeit von Gerhard Richter angeboten, die ich abgelehnt habe“, sagt der 25-jährige Geschäftsführer der Gelsenkirchener Metallbaufirma Karl Kremer. Seitdem hat sich der Preis vervierfacht. „Das ist zwar schade, aber ich habe die Arbeit nicht ­gekauft, weil ich nicht von ihr überzeugt war. Ich möchte mich mit der Kunst wohlfühlen, die ich habe.“ Emotionale Dividende nennt Tengelmann das.

Ein gewisses Potenzial, teurer zu werden, sollte das Werk aber schon haben. „Das ist mit Oldtimern vergleichbar“, sagt Tengelmann. „Daran kann man auch Spaß haben – und trotzdem ein Auto kaufen, dessen Wert steigt.“ Dabei weckte erst das Auf und Ab der Preise sein Kunstinteresse: Als BWL-Student faszinierte Tengelmann die Entwicklung von Aktienkursen und Kunstpreisen. Nach seinem Studium reiste er nach Amerika, um den Ableger der Art Basel in Miami Beach zu besuchen.

Sein erstes Kunstwerk – das Schwarz-Weiß-Gemälde eines Mannes, zu dessen Füßen ein Skelett über den Boden kriecht – war ein rein emotionaler Kauf. Tengelmann kannte den Künstler nicht, doch beim Anblick des Werks überkam ihn ein Kribbeln, das er vorher nicht kannte. „Das war ein unheimlich spannender Moment – plötzlich war ich wie infiziert.“ Diese besondere Atmosphäre, dieses Kribbeln, haben Tengelmann seitdem nicht in Ruhe gelassen. „Die Sammelleidenschaft erwischt dich irgendwie und lässt dich danach nicht mehr los.“

Trotzdem könnte ihm ein Spontankauf wie der in Miami heute nicht mehr so schnell passieren. Bevor er sich für ein Kunstwerk entscheidet, will Tengelmann mehr über den Künstler wissen: Wo hat er ausgestellt? In welchen Galerien? Welche Sammler besitzen seine Werke? Tengelmann mag Gegenwartskunst, die meisten Künstler sind nicht viel älter als er: „Ich möchte lieber junge Kunst kaufen, die noch einen Weg vor sich hat, als auf einen Zug aufzuspringen, der so gut wie abgefahren ist.“

So oft wie möglich geht Tengelmann deshalb auf Messen, isst mit den Künstlern zu Abend oder feiert Partys mit ihnen. Dafür reist er durch Deutschland und die Welt, häufig verbindet er seinen Urlaub mit dem Besuch von Galerien oder einer Kunstmesse. „Die Sammelleidenschaft hat mich voll erwischt. Kunst ist für mich ein angenehmer Kontrast zu meiner Arbeit im Unternehmen. Gerade den persönlichen Kontakt zu Künstlern finde ich sehr spannend, weil sie sich mit Themen beschäftigen, über die man sich im Alltag keine Gedanken macht.“

Den Arbeitsalltag zu durchbrechen, in eine andere Welt abzudriften – das sind Aspekte der Kunst, die auch Videokunstsammler Markus Hannebauer reizen. „Inhaltlich hat meine Arbeit als Softwareentwickler und Unternehmer mit der eines Künstlers nicht viel zu tun“, sagt er. Es gebe aber eine entscheidende Ähnlichkeit: die Versessenheit. „Künstler sind oft Nerds wie wir Softwareentwickler. Für das perfekte Werk sind wir bereit, Anstrengungen auf uns zu nehmen, die andere scheuen.“

Weil er weiß, welche Arbeit in Videokunst steckt, befolgt Softwareunternehmer Hannebauer die akribischen Vorgaben der Künstler ganz genau, etwa wie hoch und in welchem Abstand zueinander Bildschirme angebracht werden müssen. Sein Esszimmer hat er passend zum Film eingerichtet, der an der Wand abgespielt wird – nicht umgekehrt. Die Videos laufen immer, auch wenn der Unternehmer unterwegs ist. „Sie sind wie Gemälde, die sich bewegen – und Bilder hängen ja auch an der Wand, wenn man nicht zu Hause ist.“ Selbst nachts stehen die bewegten Gemälde nicht still. Seinem Tiefschlaf zuliebe stellt Hannebauer dann aber den Ton aus.

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