Leben Schnepfenjagd in Bonn

Wer sich gerne in seine wilde Jugendzeit zurückversetzen möchte, für den startet am 24. Mai die passende Ausstellung in Bonn. "Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945" thematisiert neben längst vergessenen Fortbewegungsmitteln und der Weltpolitik auch interessante Frauengeschichten und Drogenverstecke.

Sind Sie auch noch mit der Vespa, einer Ente oder einem BMX-Rad zur Disco gebrettert – und trafen dort Freunde die mit einem VW-Käfer, einem Golf oder einer Kreidler Florett unterwegs waren? Klar – Kreidler kennen natürlich nur noch die wenigsten. Mopeds dieses legendären schwäbischen Unternehmens waren in den 50er und 60er-Jahren das Pendant des VW für die Generation Golf.

Solche wunderbaren Accessoires und jede Menge anderer Preziosen, die für die Identität der BRD in den letzten 55 Jahren stilbildend sind, finden sie in der Ausstellung „Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945“, die am 24. Mai in Bonn neu eröffnet wird.

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Jetzt erzählen Sie mir bitte nicht, Ausstelllungen seien langweilig! Wenn sie das immer noch glauben, dann waren sie wahrscheinlich zum letzten Mal mit Mama und Papa im Museum – als es während des obligatorischen Sonntagsspaziergangs plötzlich zu regnen begann! In den letzten Jahrzehnten gab es Ausstellungen gegen die Action-Thriller langatmige Bildungsveranstaltungen sind – und ich rede jetzt nicht von den ganz populären, bei denen es in erster Linie um Popmusik oder Pornografie ging!

VW-Bus inklusive abnehmbarer Innenverkleidung

Friedensbewegten Menschen wird in Bonn jede Menge Anschauungs- und Hörmaterial um die Ohren gehauen: Von Artefakten der Hippie-Ära und der außerparlamentarischen Opposition im Jahr 1968 bis zu Ostermärschen und Abrüstungsdemos wird nichts ausgelassen: Prunkstück ist ein pinkfarbener VW-Bus mit Peace-Rune und gelben Blumenornamenten: So etwas durfte seinerzeit, inklusive abnehmbarer Innenverkleidung in der die Dope-Vorräte gehortet wurden, in keiner gutsortierten WG fehlen. Auch Adenauers Edel-Karosse – ein ziemlich hipper Mercedes 300 – steht fahrbereit auf einer Rampe.

Der rote Faden durch die Ausstellung ist die Politikgeschichte. Auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern werden die Querverbindungen zwischen großer Weltpolitik und ihren Auswirkungen auf den viel zitierten Bürger fast immer plastisch und nie nur akademisch aufbereitet.

Imposant anzusehen ist auch Salonwagen 10.205, der nach 1949 als rollendes Kanzleramt diente. Mit Besprechungssalon, Schlafabteil und Bad ausgestattet, war er ein exterritorialer Ort – zum Beispiel bei Adenauers Moskaureise im Jahr 1955. Damals existierte in Moskau noch keine deutsche Botschaft. „Ruhe, Entspannung und die Möglichkeit zu ungestörter Arbeit“, sagte Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard, würde dieser Wagen garantieren.

Das galt wohl auch für den Wegbereiter der deutschen Einheit, Ex-Kanzler Willy Brandt, der sich dort heimlich Frauen zuführen lies. Im Umfeld des damaligen Kanzleramts wurde von der regelmäßigen „Jagd auf Schnepfen“ gesprochen. Also – jetzt sollte auch der letzte davon überzeugt sein, dass Politik und Ausstellungen nicht langweilig sein müssen – man muss sie lediglich unterhaltsam gestalten. Und Sie müssen natürlich hingehen.

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