Leben Traum erfüllt: Junge Winzer im Osten setzen auf alte Weine

In den meisten Weinanbaugebieten Deutschlands hat die Lese bereits begonnen. So auch entlang der Saale und Unstrut. Viele junge Winzer setzen hier zunehmend auf Qualität statt Masse - und auf alte Rebsorten.

Aussteiger haben viele Ideen, wie sie ihre Zeit ohne den Alltagsstress sinnvoll verbringen können. Schafe züchten in Australien etwa oder einen Weinberg bewirtschaften. Michael Bock erfüllte sich vor rund sechs Jahren seinen Winzer-Traum. Seitdem nennt der 40-Jährige rund einen Hektar voller Reben und das zugehöriges Gut „Bock & Töchter“ sein eigen – mitten im Thüringer Weinstädtchen Bad Sulza. Er setzt auf alte Reben und folgt damit einem Trend, der an Saale und Unstrut vermehrt zu beobachten ist.

Eine ganze Reihe junger Winzer haben sich in den vergangenen Jahren dort niedergelassen. Knapp 50 Rebsorten wachsen auf nur gut 700 Hektar Anbaufläche – rund 600 Hektar in Sachsen-Anhalt, 80 Hektar in Thüringen und 30 Hektar in Brandenburg. Zum Vergleich: Bundesweit wird in 13 Gebieten auf rund 100 000 Hektar Qualitätswein angebaut.

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Die Region im Osten Deutschlands wird wegen ihrer ursprünglichen Landschaft mit Terrassenweinbergen, die bis zu 250 Meter über dem Meeresspiegel liegen, von Weinliebhabern auch die „Toscana des Nordens“ genannt. So gibt es in den Südhanglagen entlang der engen Flusstäler von Saale und Unstrut recht viel Sonne – rund 1600 Stunden pro Jahr. Das seien 300 Stunden mehr als an der Mosel. Rund 600 Weinbauern im Haupt- und Nebenerwerb gibt es an Saale und Unstrut.

Alte Rebsorten wie Gutedel und Silvaner

Der 28 Jahre alte Winzer Johannes Beyer aus Dorndorf in Sachsen-Anhalt widmet sich auch dem Weinbau. Gutedel gehört zu seinen jüngsten Rebsorten. Diese Sorte ist zugleich eine der ältesten in der Geschichte des Weinbaus. „Gutedel ist 5000 Jahre alt, seinen Ursprung soll der Wein in Ägypten haben“, erzählt Siegfried Boy, Präsident des Weinbauverbandes Saale-Unstrut. Er sei meist als Weißwein bekannt und werde als trockener Wein gern in der Spargelzeit getrunken.

Um den Geschmack der Weintrinker zu treffen, müsse man aber „einen Mix aus alten und neuen Sorten haben“, sagt Beyer. Er baut auf einer Fläche von rund 2,5 Hektar Wein an, auf drei Lagen –  „Dorndorfer Rappental“, „Weischützer Nüssenberg“ und „Karsdorfer Hohe Gräte“. Regent & Merlot, Portugieser bei den Rotweinen, Müller-Thurgau, Weißburgunder & Riesling und Silvaner gehören wie Gutedel dazu.

„Wenn man mehrere Kinder hat, sollte man auch kein Lieblingskind haben“, betont der junge Winzer. Aber dem Silvaner, der auch eine alte Rebsorte sei und „Riesling der kleinen Lagen“ genannt werde, sei er doch sehr zugetan, verrät er dann doch. In Deutschland wächst Gutedel laut Weinbauverband auf gut 1000 Hektar, vor allem in Baden im Markgräfler Land und auf 25 Hektar an Saale und Unstrut. In der Schweiz etwa zähle die Rebe zu den Hauptsorten im Weinbau.

Warum es bisher nur relativ wenige Weinberge in Thüringen gibt

Auch Weinbauer Bock aus Bad Sulza setzt auf die Gutedel-Rebe. Daneben stehen auf seinem Weinberg Riesling, Blauer Zweigelt und die gegen Pilze widerstandsfähigen Sorten Regent und Johanniter. 4000 Flaschen pro Jahr sind der Ertrag. Seine Weine seien zwar etwas teurer, aber er habe keine Probleme beim Verkauf auf den Märkten in der Region. „Ja, er könne davon leben“, sagt der Quereinsteiger, der aus seinem Hobby irgendwann seinen Beruf machte.

Dass es bislang relativ wenige Weinberge in Thüringen gibt, liegt auch an der EU-Bürokratie, die dem Ausbau der während der DDR fast ganz eingestellten Weinanbaus enge Grenzen im Wachstum vorgibt. „Das ist so ein bisschen wie bei den Milchquoten“, sagt etwa der Sprecher des Thüringer Umweltministerium, Andreas Maruschke. Um neue Gebiete für die Reben auszuweisen, müssten erst andere geschlossen werden, beispielsweise im Westen Deutschlands. Dies solle bis 2018 etwas aufgelockert werden, fügte er hinzu. Neue Anbauflächen seien derzeit jedenfalls nicht zu vergeben, erkärt Frank Pätzold von der zuständigen Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau. Dies sei in den vergangenen Jahren immer anders gewesen. „Der Topf ist leer“, betonte er.

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