Leben Udos rollender Supermarkt

Rollender Supermarkt: Fünf Tage in der Woche rollt der 56-Jährige Udo Krause mit seinem Supermarkt durch die Dörfer.

Rollender Supermarkt: Fünf Tage in der Woche rollt der 56-Jährige Udo Krause mit seinem Supermarkt durch die Dörfer.© Screenshot www.udos-rollender-supermarkt.de/

Schnell noch in den Supermarkt? In der Stadt meist kein Problem, auf dem Land schon. In vielen Dörfern gibt es nicht mal einen Tante-Emma-Laden. In manchen Orten müssen die Bewohner trotzdem nicht kilometerweit fahren – rollendem Supermärkten sei Dank.

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Jeden Freitag geht Herbert Aufderheide einkaufen. Weit hat der 85-Jährige es nicht: nur zur Haustür raus und quer über den Hof. Vorne an der Straße wartet dann schon Udo Krause mit seinem rollenden Supermarkt. Mit dem Korb voran steigt der alte Mann ins Innere des Lastwagens, wo sich die Waren in Regalen stapeln. „Hast Du Brötchen heute?“, fragt er. Ja, hat Udo. Außerdem wandern Äpfel, Brot, Butter und Konserven in den Korb. „Und noch was zum Naschen“, sagt Aufderheide und greift eine Schachtel Pralinen. Das muss für die nächsten Tage reichen.

Einmal die Woche fährt Krause mit seinem Lastwagen quer durch Donnern in Niedersachsen, laut klingelnd wie der Eismann. Aufderheide würde ihn wahrscheinlich auch so nicht verpassen. Für ihn ist es die einzige Möglichkeit, sich mit Vorräten einzudecken. „Ich darf kein Auto mehr fahren. Die Beine machen das nicht mehr mit.“ Einen Laden gibt es in dem Dorf seit langem nicht mehr, und auch im Nachbarort hat der letzte vor einigen Jahren geschlossen. Wer etwas braucht, muss ins mehrere Kilometer entfernte Loxstedt fahren oder gleich nach Bremerhaven.

Donnern ist da keine Ausnahme. Überall in Deutschland bluten die Dörfer aus. In Mecklenburg-Vorpommern, im bayerischen Wald, im Sauerland, aber auch in einigen Gegenden von Niedersachsen müssen die Menschen weite Wege bis zum nächsten Supermarkt, Bäcker oder Arzt zurücklegen. Im Elbe-Weser-Dreieck, wo auch Donnern liegt, lebt heute schon jeder vierte Einwohner in einem Ort ohne Lebensmittelgeschäft.

Abwärtsspirale

„Spätestens in 15 Jahren wird es jeder zweite sein“, sagt der Hamburger Berater Manfred Steinröx, der die Region für eine Langzeituntersuchung seit 40 Jahren beobachtet.

„Das ist eine Abwärtsspirale“, hat Steinröx festgestellt. Ist erstmal der Supermarkt weg, folgt auch bald die Apotheke, die Tankstelle, der Arzt und schließlich die Bevölkerung – die Jungen und Mobilen zuerst. Zurück bleiben die Alten, denen jegliche Versorgung im Ort fehlt. Eine Entwicklung, die nach Angaben vom Deutschen Städte- und Gemeindebund in den vergangenen Jahren vor allem auf dem Land und in wirtschaftlich schwachen Regionen zugenommen hat und die der demografische Wandel künftig noch verschärfen wird.

Dass das nicht so weitergehen darf, darin sind sich die Politiker auf allen Ebenen einig. Die Bundesregierung lädt deshalb am 14. Mai Experten zum zweiten Mal zum Demografiegipfel. Auch die neue niedersächsische Landesregierung hat sich das Thema auf die Fahnen geschrieben. Auf Berlin und Hannover wollte sich Donnerns Ortsvorsteher Hansjürgen Schmedes jedoch nicht verlassen. „Wir müssen selbst handeln.“ Er war es, der dafür sorgte, dass Krause auf seiner Tour inzwischen auch in Donnern stoppt.

Zukunftsmodell mit größeren Erfolgschancen

Fünf Tage in der Woche rollt der 56-Jährige mit seinem Supermarkt durch die Dörfer. „Ich fahre von Kunde zu Kunde, quasi von Haustür zu Haustür“, sagt er. Durchschnittlich 20 bis 30 Cent mehr müssen seine Kunden für Kaffee, Mehl oder Butter bezahlen. Dafür sparen sie jedoch Benzin und Zeit, die sie die Fahrt zum nächstgelegenen Supermarkt kosten würde. Und das finden nicht nur Ältere praktisch. „Samstags habe ich besonders viele junge Kunden. Die gehen dann lieber in den Garten, als zum Einkaufen zu fahren“, sagt Krause.

Der Hamburger Experte Steinröx sieht in den rollenden Supermärkten deshalb ein Zukunftsmodell, dem er größere Erfolgschancen als den oft von Bürgern betriebenen Dorfläden einräumt. „Die Mietkosten fallen weg, das Kundeneinzugsgebiet ist flexibel, und der Unternehmer kann wegen des Services höhere Preise rechtfertigen.“

1800 fahrende Lebensmittelgeschäfte

Rund 1800 fahrende Lebensmittelgeschäfte gibt es zurzeit in Deutschland. Die Nachfrage nach solchen Angeboten steigt, ein Selbstläufer sind diese aber noch lange nicht. „Man muss schon viel tun, um einen Kundenstamm aufzubauen“, meint Hans-Heinrich Lemke, Vorsitzender des Fachverbands Mobile Verkaufsstellen.

Davon kann Udo Krause ein Lied singen. Ihm halfen am Ende Mund-zu-Mund-Propaganda und natürlich der Einsatz von Donnerns Ortsvorsteher Schmedes.

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