Leben Und sie dreht sich immer noch

Vor 80 Jahren war Musik nur da zu genießen, wo sie entstand: Entweder nahm der Hörer selbst ein Instrument in die Hand, oder er ging ins Konzert. Dann wurde die Langspielplatte erfunden - für viele ist sie auch heute noch das einzig wahre Musikmedium.

Ein Drittel der Deutschen – die unter 30 – können sich das wohl kaum vorstellen: Da hat man ein großes Ding, das schnell zerbricht oder zumindest zerkratzt, das man umständlich putzen und auf ein großes Gerät legen muss. Dann, ganz vorsichtig, den Arm rüberziehen und die Nadel draufsetzen, und endlich hat man Musik – für 23 Minuten! Trotzdem nennt sich das schwarze Ding Langspielplatte. Und es hat die Gesellschaft revolutioniert: Zum ersten Mal konnten breite Massen überall Musik hören. Vor 80 Jahren wurde die 33er-LP erfunden.

Tausende Jahre lang gab es Musik nur da, wo sie entstand. Wer sie hören wollte, musste ins Konzert gehen oder selbst zum Instrument greifen. Das änderte sich erst vor nicht einmal 150 Jahren, als der Franzose Édouard-Léon Scott de Martinville eine Walze entwickelte, die Töne aufnehmen konnte – nur dummerweise nicht wiedergeben. Das schaffte genau 20 Jahre später, 1877, erst das Erfindergenie Thomas Alva Edison. Und noch einmal zehn Jahre später machte der Industrielle Emil Berliner aus der Walze eine Scheibe – die Schallplatte war erfunden.

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„Das war aber erst einmal nur etwas für Reiche“, sagt Gert Redlich. Der Diplom-Ingenieur erklärt in seinem Hifi-Museum, das es nur im Internet gibt, die Technik des hohen Klangs – aber davon waren die Schallplatten damals noch weit entfernt. „Sie zerkratzten schnell und konnten nur ein paar Mal benutzt werden. Und außerdem war das Hörvergnügen kurz: Pro Seite konnten sie nur vier Minuten abspielen.“

Durchbruch kam am 17. September 1931

Doch die Entwicklung ging weiter, die Schallplatten wurden besser und boten mehr Laufzeit. Der Durchbruch kam am 17. September 1931, als in New York die erste Langspielplatte vorgestellt wurde. Sie musste mit 33,5 Umdrehungen in der Minute abgespielt werden – das ist Standard bis heute.

Doch längst nicht in jedem Wohnzimmer stand ein Grammofon. „Die waren immer noch viel zu teuer“, erzählt Redlich. „Ein Plattenspieler kostete damals 59 Mark – für viele ein Monatslohn.“ Also lieh man sich die Geräte aus und spielte seine Platten. Das war umständlich, und die Qualität war oft leiernd, aber zum ersten Mal war Musik wirklich zu einem Massenmedium geworden, das praktisch überall genutzt werden konnte.

Der nächste Durchbruch kam in den 50er-Jahren, als der teure Schellack, die Ausscheidungen der Lackschildlaus, unerschwinglich wurde. Das spröde Material wurde durch Vinyl ersetzt – und die Schallplatte wurde zum Allerweltsgegenstand. Es gab sogar den „Auto-Mignon“, einen Plattenspieler für das Auto, der fast wie ein CD-Spieler funktionierte.

Der Klang der Platten erreichte jedoch in den 60er-Jahren den Höhepunkt. Zwar waren sie zum Kulturgut geworden, die Plattencover waren nicht selten Kunstwerke, und die „Weltmacht Schallplatte“ (Historiker Curt Riess, 1966) kann auch heute noch Symbol für Musik, Kultur, Spaß, ja sogar Revolution und Aufbegehren sein. Aber das war Kultur, technisch hatte sie ihren Zenit erreicht.

„Technisch ist das Unsinn“

„Die CD ist der analogen Platte überlegen. Die Klangqualität ist einfach besser“, sagt Techniker Redlich. Allerdings auch erst seit ein paar Jahren: „In den ersten 20 Jahren der CD regierten die Techniker, die immer höchste Klangqualität wollten. So paradox das klingt: Das tat der Musik nicht immer gut.“ Denn Musik seien eben nicht nur einzelne Elemente mit perfektem Technikklang, Musik sei das Zusammenspiel, sei Harmonie. „Erst vor etwa zehn Jahren setzte da in den Studios ein Umdenken ein.“

Mag sie aus dem Alltag der meisten Musikgeschäfte verschwunden sein, mag die Schallplatte für manche nur noch als Logo von Oldie-Sendern taugen – für Millionen Menschen auf der ganzen Welt wird sie immer der einzig wahre Musikträger bleiben. „Technisch ist das Unsinn“, sagt Redlich. „Die LP hat nun mal ihre Grenzen.“ Aber Musik sei ja nicht nur Technik, sagt der Ingenieur, der sich selbst einen Plattenfan mit mehr als 4000 LPs nennt. „Die Leute gehen ja nicht wegen des Films ins Kino, sondern sie gehen wegen des Kinos ins Kino. Das Erlebnis zählt, und das ist bei der Schallplatte nicht anders. Und was hat schon mehr Atmosphäre als Musik mit einem leichten Knistern?“

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